Digitaler Bilderrahmen

Morgens van Gogh, abends Hopper

Von Michael Spehr
Aktualisiert am 06.02.2020
 - 10:35
„Dame mit Hermelin“ von Leonardo da Vinci jetzt mit Meural Canvas II von Netgear mit Holzrahmen und W-Lan-Anbindung
Dieser digitale Bilderrahmen ist riesig. Auf 27 Zoll lassen sich über W-Lan bis zu 30.000 Kunstwerke präsentieren. Allerdings kostenpflichtig.

Ein riesiger digitaler Bilderrahmen mit namhaften Kunstwerken aus den großen Museen und Galerien der Welt: Das will der Canvas II sein, den der amerikanische Netzwerkspezialist Netgear auf den Markt bringt. Das Gerät trägt den Beinamen Meural, und dahinter steckt die Geschichte von zwei Immigranten, die in New York ihr Glück versuchten. Vladimir Vukicevic und Jerry Hu gründeten 2014 ihre Firma Meural und entwickelten 2016 ihren ersten digitalen Bilderrahmen.

Im September vergangenen Jahres wurde Meural von Netgear übernommen, nun ist der neue Rahmen erhältlich. Es gibt ihn in zwei Größen mit 21,5 und 27 Zoll sowie verschiedenen Farben. Die Preisspanne reicht von 650 bis 900 Euro. Er lässt sich horizontal oder vertikal aufhängen und ist wegen der im Innern verbauten Monitortechnik natürlich viel schwerer als ein herkömmlicher Rahmen. Das Gewicht beträgt 7 Kilogramm für die kleine und 9 Kilogramm für die große Variante. Auch die Tiefe ist üppig: Der kleine Rahmen misst 62 × 41 × 3,6 Zentimeter, der große 73 × 47 × 3,6 Zentimeter.

Wir hatten einen Holzrahmen im Einsatz, dessen Qualität nicht unbedingt überzeugte. An den Ecken zeigte sich helles Holz unter der offenbar sehr dünnen dunklen Deckschicht. Der gesamte innere Einsatz mitsamt Passepartout besteht aus Plastik, lässt sich aus dem Holzrahmen herausnehmen – und wackelte in selbigem. Längsseitig liegen unter einer Plastikklappe ein Schacht für Micro-SD-Speicherkarten sowie ein Micro-USB-Anschluss, der jedoch nicht bündig mit dem umgebenden Plastik abschließt. Der Ein- und Ausschalter daneben wirkt billig und reagiert sofort auf den leisesten Druck, bereits dann, wenn man den Rahmen längsseitig auf den Boden stellen will.

Rückseitig muss man den Netzteilstecker genau in der Bildmitte unter einer Klappe einsetzen. Ohne Stromanschluss geht es nicht, und das störende Kabel dürfte einer der gewichtigsten Gründe gegen den Kauf sein. Der letzte Schritt der Inbetriebnahme ist die Einrichtung der App und die Ansteuerung des Bildschirms per App. Dabei verbindet sich das eigene Smartphone per W-Lan mit dem Bilderrahmen. Die Prozedur gelang bei uns nicht auf Anhieb. Läuft das Ganze, lassen sich mehrere Bilderrahmen im eigenen Konto ansteuern.

Zwei Gemäldelisten mit 22 und 17 Werken lassen sich unentgeltlich auf den Rahmen beamen. Zu jedem Werk gibt es ausführliche Erläuterungen in der App und auf dem Rahmen anzeigbar, jedes Werk lässt sich zudem in eigene Wiedergabelisten einsortieren, und man kann diese Listen dahingehend programmieren, dass morgens zum Frühstück Vincent van Gogh gezeigt wird und abends Edward Hopper. Jenseits der mitgelieferten Appetithäppchen ist der Zugriff auf weitere 30.000 Kunstwerke kostenpflichtig. Das Abonnement kostet 80 Euro im Jahr. Ferner kann man das Recht zur Wiedergabe auch für einzelne Werke kaufen. Das kostet zwischen ein paar Euro und 60 Euro. Jenseits der klassischen Zeichnung stehen auch Kanäle von National Geographic und solche mit Sachfotografie zur Verfügung. Man kann in der App nach Künstlern, Museen, Stilen, Farben und Inhalten suchen, also zum Beispiel den Rahmen so programmieren, dass er nur Porträts oder nur Stillleben zeigt. Das alles ist nett gemacht.

Um eigene Fotos auf den Rahmen zu befördern, ist mehr Aufwand erforderlich. Jedes einzelne muss „hochgeladen“ werden, wohin auch immer. Im Rahmen sind 8 Gigabyte Speicher für Eigenes vorhanden, und nach dem Hochladen muss es in einem weiteren Schritt an den jeweiligen Rahmen gesendet werden. Auch bei den Privatfotos ist das Anlegen und Verwalten der Werke mit Wiedergabelisten ein schönes Extra, und es lassen sich Cloud-Dienste in die App integrieren.

Die App arbeitet leider nicht immer fehlerfrei, und in das Web-Interface, das ebenfalls bereitsteht, konnten wir uns zwar einloggen, hatten aber keinen Zugriff auf unsere hochgeladenen Aufnahmen und Wiedergabelisten. Auch ist es nicht möglich, Fotos auf der SD-Speicherkarte schnell und einfach wiederzugeben.

Die vielen kleinen Unstimmigkeiten verderben einem die Freude an diesem an sich schönen Produkt. Der Rahmen verwendet ein LC-Display mit 1920 × 1080 Pixel, die Anzeige spiegelt dankenswerterweise nicht, ist in der Helligkeit einstellbar und erlaubt die Betrachtung der Kunstwerke über einen sehr weiten Blickwinkel. Dank Lagesensor erkennt die Software, ob der Rahmen horizontal oder vertikal hängt, und auf Wunsch werden nur die zum Format passenden Werke angezeigt. Zwischen den einzelnen Werken kann man auch mit einer rudimentären und eher schlecht arbeitenden Gestensteuerung blättern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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