Digitaler Teufelskreis

Bitte nicht schon wieder ein Update!

Von Jörg Thomann
Aktualisiert am 29.10.2020
 - 19:28
Verhasstes Zeichen: Es ist ein Update fällig.
Ständig wollen Smartphones und Laptops von ihren Nutzern aktualisiert werden. Ob das klappt oder völlig schiefgeht, ist Glückssache. Über ein Update-Trauma.

Ein kleines Stück vom Glück hat heute jeder von uns stets griffbereit. Was wir nämlich suchen, wenn wir schon wieder, zum zigsten Mal am Tage, das Handy in die Hand nehmen, das hat uns die Wissenschaft schon lang beantwortet: Um nichts anderes als Glück geht es. Der Botenstoff Dopamin, auch als Erwartungshormon bezeichnet, wird vom Gehirn ausgeschüttet, da wir uns vom Handy jederzeit neue Likes oder Mitteilungen erhoffen, mit denen man uns Anerkennung oder zumindest etwas Aufmerksamkeit schenkt. Dass die dauerhafte Glückssuche im Digitalgerät uns süchtig und damit am Ende unglücklich machen kann, das hat die Forschung uns auch gesagt, aber – Moment, hier ploppt gerade eben wieder eine Nachricht auf. Entschuldigung.

Es gibt freilich auch Nachrichten auf dem Handy, derer ich nicht in freudiger Erwartung harre. Ganz im Gegenteil: Wenn mir mitgeteilt wird, dass bei meinem Handy – oder beim Laptop – eine Software-Aktualisierung fällig ist, dann erwarte ich sofort das Schlimmste. Gefühlt alle paar Tage erscheinen sie, diese kleinen Fenster mit Hinweismeldungen, und wenn ich statt auf „Jetzt installieren“ auf „Später“ klicke, verbleiben auf dem Bildschirm doch mahnende weiße Zahlen im roten Kreis, die sich angesichts ihrer Signalfarben schwer ignorieren lassen. Auch beim nächsten Mal klicke ich auf „Später“ und beim übernächsten Mal, doch mit wachsendem schlechten Gewissen: Die kleine Zahl ist wie ein Punkt auf einer To-do-Liste, der niemals abgehakt wird.

Jetzt noch cooler

Dabei sollte ich mich über eine solche Nachricht eigentlich freuen. Schau her, verkündet stolz der freundliche Technologie-Gigant meiner Wahl, wir haben dein Telefon jetzt noch besser gemacht, noch cooler. Es gibt jetzt noch viel mehr spannende Zusatzfunktionen und personalisierbare Widgets, was sagst du dazu? Kostet dich keinen Cent extra, musst nur noch klicken. Doch ich klicke nicht. Jedenfalls nicht sofort.

Und zwar nicht nur, weil ich nicht weiß, was Widgets eigentlich sind.

Ich leide nämlich, so darf man es wohl nennen, unter einer Art Update-Trauma. Vor ein paar Monaten erst ist es mir wieder passiert, dass ich der Aufforderung unseres Laptops, eine Software-Aktualisierung beim Browser vorzunehmen, brav Folge leistete – und es bald bereute. Mitten im Prozess stürzte der Rechner ab, danach ließ er sich nicht mehr hochfahren. Enervierend langsam begann sich der Ladebalken auf dem Bildschirm zu füllen, bis sich irgendwann gar nichts mehr bewegte. Wie oft ich das Ding auch aus- und anschaltete, über diesen Punkt kam ich nicht mehr hinaus.

Ein Anruf bei der Hotline führte mich nach Polen; von dort aus empfahl mir eine sympathische Service-Mitarbeiterin eine knappe Stunde lang immer neue Tastenkombinationen, die ich beim Startvorgang drücken sollte. Leider alles vergebens. Als letzter Ausweg blieb, das Gerät zur Reparatur zu bringen. Im Fachgeschäft teilte man mir mit, dass die einzige Möglichkeit zur Rettung darin bestand, das Betriebssystem neu aufzuspielen. Sämtliche Daten auf der Festplatte würden dabei jedoch verlorengehen.

Ausgelagertes Hirn

Nun wäre eine kapitalistische Wirtschaftsordnung ohne Gebrauchsgüter, die nach gewisser Zeit den Geist aufgeben, schlechterdings nicht vorstellbar; manche glauben, dass vielen Geräten der Zeitpunkt ihres jähen Dahinscheidens quasi einprogrammiert ist. Es macht jedoch einen großen Unterschied, ob ein elektrischer Bartschneider kaputtgeht oder ein Computer oder Smartphone. Der Bartschneider hat über die Jahre treu einen einzigen Dienst geleistet, und zwar meinen Bart geschnitten. Das Smartphone hingegen erfüllt eine ganze Vielzahl wichtiger Funktionen, und es kommen stetig weitere hinzu. Es ist unsere Kamera, unser Wecker, Terminplaner, Navigationsgerät, Jukebox und EC-Karte; es ist, wenn man so will, unser ausgelagertes Hirn. Wer will, der kann sogar damit telefonieren.

„Ich organisiere mein ganzes Leben mit dem Handy“, hat gerade der Fernsehmoderator Klaas Heufer-Umlauf in einem Interview gesagt. „Der Kalender sagt mir, wann ich wo hingehen muss, wen ich wann anrufen muss, und sagt jeden Tag, was ich machen soll.“ Von der eigenen Abhängigkeit spricht Heufer-Umlauf geradezu mit Stolz. Ich selbst finde das unheimlich.

Für die Verlustangst, was das eigene Smartphone betrifft, gibt es schon einen psychologischen Fachbegriff: Nomophobie – die Angst, ohne Mobiltelefon und damit für niemanden zu erreichen zu sein. Nie hat ein technisches Gerät über uns mehr Macht gehabt, und wir schieben ihm bereitwillig immer neue zu. Und das, obwohl die meisten von uns keinen Schimmer haben von seinem mysteriösen Inneren. So bin ich angewiesen auf jenen elitären Zirkel aus vielen jungen Männern und ein paar Frauen in blauen T-Shirts, denen ich im Fachgeschäft entgegentrete wie ein unbedarftes Kleinkind, und das nicht nur, weil sie mich duzen. Mit vergleichbarer Demut nähere ich mich allenfalls Ärzten.

Weltherrschaft der Blaumenschen

Ich kenne sie gut, die milde Strenge, mit der der junge Mensch im blauen Shirt zu mir sagt, ich hätte doch hoffentlich ein Backup gemacht. Ich kenne das Gefühl, nach wahrheitsgemäßer Verneinung der Frage angeschaut zu werden, als wäre ich mit laufendem Föhn in die Wanne gestiegen. Und ich kenne die Erleichterung ob der so unverhofften wie unverdienten Rettung all meiner Daten, die mich in einer Kurzschlusshandlung glatt dazu treiben könnte, dem jungen Menschen einen Heiratsantrag zu machen. Was gar nicht so verkehrt wäre, weil man so eine Erlöserfigur dann jederzeit zu Hause hätte, aber dann doch wieder sehr verkehrt, weil ich längst verheiratet bin. Vermutlich könnte das freundliche Heer dieser Blaumenschen ohne weiteres die Weltherrschaft übernehmen, wenn sie nicht viel lieber über neue Widgets fachsimpelten.

Wir Normalsterblichen können jedes Mal nur hoffen, dass nichts schiefgeht. Wir machen endlich doch ein Backup, schieben Daten hin und her. Was das Update betrifft, so stehen wir zwischen Skylla und Charybdis: Ohne Update könnten Telefon und Computer irgendwann nicht mehr funktionieren. Mit Update funktionieren sie vielleicht sofort nicht mehr. Oder zumindest ein paar gern genutzte Apps und Programme.

Natürlich speist sich meine Abneigung gegen den Update-Terror aus der Ahnung, dass dieser letztlich eine Metapher für das Leben selbst ist: Unser Glück bleibt brüchig, der Mensch ist nie fertig und muss sich permanent updaten, sonst läuft er Gefahr, nicht mehr mitzukommen. Eines Tages wird er dennoch zum Auslaufmodell und muss der neuen Generation weichen.

Update der Kaffeemaschine

Ein moderneres Handy, einen cooleren Computer benötige ich gar nicht: Von mir aus mag alles bleiben, wie ich es kenne. Natürlich weiß ich, dass diese Haltung spießig ist und fortschrittsfeindlich, doch technische Geräte früherer Generationen zicken ja auch nicht so herum. Eine Waschmaschine muss man mit etwas Glück erst nach zehn, fünfzehn Jahren mal reparieren lassen, und dann geht es auch nicht um ein Update, sondern um die Wiederherstellung des Bewährten. Auch meine alte Filterkaffeemaschine überrascht mich morgens nicht mit der Mitteilung, künftig auch Caffè mocha zubereiten zu können, wenn ich sie update.

Handys und Computer aber lassen uns auch in dieser Hinsicht keine Ruhe. Und so wird die Menschheit auch weiterhin auf virtuelle Sanduhren starren, auf rotierende Kreise und im Schneckentempo wachsende Balken. Haben wir unser bejahrtes Gerät dereinst dann doch zu Tode upgedatet, so bleibt uns nur der Kauf eines neuen, das dann wirklich auf dem allerletzten Stand ist.

Jedenfalls ein paar Tage lang. Bis zum nächsten Update.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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