Die Tücken der Videotools

Die digitale Schule

Von Michael Spehr und Peter Welchering
21.05.2021
, 16:16
Durchblick gesucht: Digitaler Fernunterricht am Rechner mit Live-Bild aus dem analogen Klassenzimmer
Video-Software für den Fernunterricht ist gefragt. Welches System holt sich die besten Noten?

Exemplarisch sind an diesem Thema alle Probleme der Digitalisierung in Deutschland abzulesen: Wenn Schüler wegen Corona nicht in die Schule dürfen und Studenten ihren Vorlesungen nur digital mit Distanz folgen sollen, fehlt es an Standards, an Erfahrung, an Softwarelizenzen und an der passenden Hardware. Welche Videokonferenz-Software soll die Schule nehmen, welche kann sie sich leisten, und welche darf sie aus Gründen des Datenschutzes nicht verwenden? Welches Bundesland empfiehlt welche Systeme? Bisweilen hapert es am Internetzugang, oder er funktioniert nicht mit WLAN oder ist zu langsam. Manche Schüler bekommen von ihrer Schule Tablets, andere werden aufgefordert, selbige zu kaufen, und viele haben nur private Uraltrechner zu Hause.

Einheitliche Videolösungen für die deutschen Schulen und Universitäten gibt es nicht. Fast alle Bundesländer überlassen die Wahl der Software den jeweiligen Einrichtungen, setzen aber Eckpunkte hinsichtlich des Datenschutzes und der Einwilligung. Bayern hat allerdings seit Anfang Mai eine einheitliche Videokonferenzlösung im Einsatz, das bislang unbekannte System Visavid von Auctores.

Lehrer und Dozenten sind genervt: „Zoom und Teams dürfen wir nicht mehr verwenden“, schildert eine Lehrerin, „für Teams gab es eine Ausnahmegenehmigung, die bald endet. Für die Grundschule war es auch viel zu kompliziert. Big Blue Button dürfen wir dienstlich nutzen, sollen es aber nicht mit den Schülern verwenden, damit die Server nicht abstürzen. Viele Grundschulen nehmen Jitsi, weil es in der Handhabung einfach ist und die Grundschüler damit gut zurechtkommen. Nur kommen bei zu großen Gruppen nie alle hinein. Die Idee, dass das Schulamt oder Ministerium ein sicheres, zuverlässiges und leicht zu handhabendes Tool für alle vorschlägt, ist leider nur ein Traum. Stattdessen probieren engagierte Lehrer aus, womit sie, die Kollegen und die Schüler am besten zurechtkommen. Und dann muss man immer wieder damit rechnen, dass die Nutzung untersagt wird.“

Keine Rechtsgrundlage

Wer sich mit den diversen Systemen beschäftigt, stößt auf Unterschiede in der Leistungsfähigkeit, Funktionalität und Kompatibilität. Um gleich mit Microsoft und seiner Teams-Software zu beginnen: Die Datenschutzkonferenz des Bundes und der Länder urteilte im Herbst vergangenen Jahres, dass die Bürosoftware Microsoft 365, die früher Office hieß, und Teams nicht den Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung genügen. Schon die Art der personenbezogenen Datenerhebung durch Microsoft und der Zweck, warum sie verarbeitet werden, bleibe unklar, sagen die Datenschützer.

Zudem bestehe für den Transfer weiterer personenbezogener Informationen an Microsoft, wie etwa das Sammeln von Telemetrie-Daten, keine Rechtsgrundlage. Da im Herbst der Europäische Gerichtshof auch das Privacy-Shield-Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der EU für nichtig erklärt hat, ist ein rechtlich einwandfreier Transfer von Daten nach Amerika ohnehin kaum möglich. Die Vereinigten Staaten gehören nicht mehr zu den sogenannten sicheren Drittstaaten, weil dort der Staat per Gesetz Ermittlungsbehörden und Geheimdiensten nicht zu kontrollierenden Zugriff auf personenbezogene Daten von EU-Bürgern gewährt, sowie auf solche Daten, die in europäischen Rechenzentren von amerikanischen Unternehmen gespeichert sind.

Wenn Schulen und Universitäten hinsichtlich des Datenschutzes auf der sicheren Seite stehen wollen, müssen sie den Server ihrer Videokonferenzen selbst betreiben. Das funktioniert mit Jitsi, Big Blue Button, Stackfield und Nextcloud Talk. Wer den Aufwand scheut, kann Jitsi mit einigen öffentlichen in Europa angesiedelten Servern nutzen. Die Transportverschlüsselung sorgt dafür, dass die Daten auf ihrer Reise geschützt sind. Sollen sie auch auf Servern sicher lagern, schützt nur die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und verhindert, dass der Serverbetreiber Zugriff auf die Inhalte der Veranstaltung hat. Dies bieten allerdings nur wenige Systeme an, zudem mit Einschränkungen derart, dass man sich nicht per Telefon einwählen kann.

Die Skalierbarkeit der Apps und ihr Preis ist der nächste Punkt: Big Blue Button und Jitsi stehen gratis zur Verfügung, bei Zoom, Google Meet und Microsoft Teams gibt es eine im Funktionsumfang reduzierte Gratisversion. Cisco Webex, Go To Meeting, Nextcloud Talk und Stackfield setzen auf Abo-Modelle.

Große Teilnehmergruppen werden von Microsoft Teams in einer Art virtuellem Hörsaal dargestellt. Häufig gefragt ist auch die Funktion, die Klasse in Kleingruppen aufzuteilen, für Breakout-Ses­sions. Das können unter anderem Zoom, Webex und Big Blue Button. Auch die virtuelle Tafel, neuerdings Whiteboard genannt, wird von den meisten Anwendungen unterstützt.

Jeder Konferenzraum hat einen eigenen virtuellen Server

Wir haben das bayerische Visavid einige Zeit ausprobiert. Die erste Herausforderung, dass sich zu Unterrichtsbeginn morgens Zehntausende Teilnehmer gleichzeitig anmelden, begegnet Auctores mit einem Trick: Jeder Konferenzraum hat einen eigenen virtuellen Server, erklärt Geschäftsführer Karl Weigl. So werden Überlastungen in Stoßzeiten vermieden. Eine Verwaltungssoftware sorgt dafür, dass die Teilnehmer dem richtigen Server zugewiesen werden. Die Visavid-Entwickler haben das alles schon vor mehr als zehn Jahren für den bayerischen Steuerberater-Verband entwickelt. Mit dem Videokonferenzsystem können sich Steuerberater vertraulich und abgesichert mit ihren Mandanten besprechen. „Datensicherheit, Datenschutz und Skalierbarkeit sind dabei keine Gegensätze, wie das ja des Öfteren in der Öffentlichkeit diskutiert wird“, erklärt Weigl.

Deshalb müssen auch die Rechenzen­trums-Dienstleister für solche Konferenzen sorgfältig ausgewählt werden. Für Visavid stehen insgesamt 18 Rechenzen­tren in Mitgliedsländern der Europäischen Union zur Verfügung, deren Serverkapazitäten je nach Bedarf in Sekundenbruchteilen zugeschaltet werden können.

Der Moderator kann seinen eigenen Part mitschneiden

In Sachen Funktionsumfang hat der Bayerische Lehrerverband noch einige Hausaufgaben für Visavid. Deren Abteilungsleiterin Birgit Dittmer-Glaubig wünscht sich Erweiterungen für die gemeinsame Arbeit von Schülern und Lehrern an Dateien, virtuelle Räume für die Gruppenarbeit und die Anbindung an die Lernplattform Mebis. „Ansonsten ist das ein gutes und vor allen Dingen datenschutzkonformes Videokonferenztool – das aber noch besser werden kann“, sagt die Pädagogin.

Bevor eine Videokonferenz starten kann, muss ein Konferenzraum erstellt werden. Dabei können viele Einstellungen en detail vorgenommen werden, zum Beispiel, ob die Teilnehmer auf das Whiteboard zugreifen dürfen. Es gibt sogar eine Anwesenheitskontrolle. Der Moderator kann seinen eigenen Part mitschneiden. Ein Mitschnitt der Gesamtkonferenz mit allen Teilnehmern ist jedoch aus Datenschutzgründen nicht vorgesehen, was sich indes manche wünschen. Die von Videokonferenzen gewohnten üblichen Funktionalitäten hat auch Visavid allesamt implementiert, zum Beispiel Chatfunktionen für private und öffentliche Diskussionen oder das Hochladen von Dokumenten auf das Whiteboard.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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