Faltbare Smartphones im Test

Klappe falten

Von Michael Spehr
15.09.2021
, 15:30
Aufgeklappt: Das Samsung Galaxy Z Flip 3 passt perfekt in so gut wie jede Hosentasche.
Die Innovation ist die Bauform. Wir haben die neuen faltbaren Smartphones Galaxy Z Flip 3 und Z Fold 3 von Samsung getestet. Ein Klapphandy der Koreaner ist so gut, dass wir mit dem Kauf liebäugeln.

Klapp- oder faltbare Smartphones waren und sind ein Nischenprodukt, und dafür gibt es viele Gründe. Sie sind unverhältnismäßig teuer, mit ihrer aufwendigen Mechanik reparaturanfälliger, und sie ersetzen trotz aller anderslautender Versprechen kein Tablet. Derzeit tummeln sich nur noch Motorola, Samsung und Huawei in diesem Markt. Letztere ohne Google-Dienste und damit erfolglos. Motorolas Klapphandy Razr 5G kostet mit der Ausstattung eines Mittelklassegeräts 1500 Euro. Aber jetzt dreht Samsung richtig auf. Ein Klapphandy der Koreaner ist so gut, dass wir mit dem Kauf liebäugeln.

Das Galaxy Z Flip 3 kostet 1050 Euro mit 128 Gigabyte Speicher und 1100 Euro mit doppeltem Speicherplatz. Es liegt also auf einem Niveau mit den herkömmlichen Oberklasse-Smartphones der Koreaner, hat aber den Vorzug der originellen Bauform. Zusammengeklappt passt es mit 7,4 × 8,8 Zentimeter und einer Dicke von 1,7 Zentimeter in jede Tasche, die noch Platz für ein Hanuta hat.

Die beiden Displayhälften lassen sich im Winkel von 90 Grad aufklappen, dann steht das Galaxy wie ein Mini-Notebook auf dem Tisch. Als Extra gibt es ein 1,9 Zoll großes Außendisplay (260 × 512 Pixel), welches Push-Meldungen zeigt, den Start von Widgets erlaubt und als Kamerasucher dient. Komplett aufgeklappt zeigt sich ein 6,7-Zoll-Display in Amoled-Technik, das mit starken Kontrasten und Farben brilliert. Die Auflösung beträgt 2640 × 1080 Pixel, die Knickstelle in der Mitte ist bei direkter Aufsicht kaum zu sehen. Die Helligkeit und präzise Farbwiedergabe sind ein weiterer Pluspunkt, ebenso die Bildwiederholrate von 120 Hertz. Man beachte allerdings, dass das Hauptdisplay im Unterschied zu einem herkömmlichen Smartphone nicht mit Glas geschützt ist und empfindlicher auf Kratzer und sonstige Beschädigungen reagiert. Samsung verspricht, dass das Flip 200.000 Faltvorgänge übersteht, das sind fünf Jahre bei 100 Vorgängen pro Tag. Das Gerät ist nach IPX8 gegen Wasser geschützt.

Der Snapdragon-Prozessor 888 bietet ein flottes Tempo, er kann auf acht Gigabyte Arbeitsspeicher zugreifen, und die sonstige Ausstattung ist nahezu vollständig: Wifi 6, der neue Mobilfunkstandard 5G und die Unterstützung einer E-Sim neben der Nano-Sim gehören dazu. Seitlich befindet sich ein biometrischer Fingerabdrucksensor in der leider etwas zu hoch liegenden Einschalttaste. Er funktioniert prima. Eine Gesichtserkennung zum Sperren und Entsperren gibt es ebenfalls, man sollte sie nicht verwenden, weil sie sich leicht mit einem Foto austricksen lässt.

Insgesamt drei Kameras sind im Flip 3 verbaut. Die Innenkamera für Selfies bringt es zwar auf 10 Megapixel mit einer maximalen Blende von f/2.4. Aber man nehme besser die hochwertigen beiden Außenkameras. Betätigt man die Einschalttaste zweimal schnell hintereinander, wird das Außendisplay zum Kamerasucher und gibt eine Vorschau auf das Bild. So entstehen bessere Fotos. Die Außenkameras sind ein Weitwinkel mit Blende f/1.8 und ein Ultraweitwinkel mit Blende f/2.2, beide jeweils mit 12 Megapixel. Es fehlt also ein Tele, auch für Zoom-Aufnahmen ist das Flip 3 kaum zu gebrauchen. Die Bildqualität ist ganz in Ordnung, aber nicht überragend.

Damit kommt man nicht über den Tag

Das Galaxy Z Flip 3 hat zwei gravierende Nachteile: Android 11 wird von Samsung grundlegend umgestaltet, manches Detail gefällt, vieles aber auch nicht. Bloatware aller Art gehört dazu, größtenteils ist die Werbe-Software nicht löschbar. Ständig wird man aufgefordert, mit allen nur denkbaren Diensten hin ins Samsung-Ökosystem zu wechseln, das nervt. Zweitens ist die Laufzeit des 3300-Milliamperestunden-Akkus enttäuschend. Damit kommt man nicht über den Tag. Abhilfe schafft das Zurückschalten der Bildwiederholrate auf 60 Hertz, aber selbst dann wird das Flip 3 kein Dauerläufer. Alles in allem könnte dieses Klapphandy jedoch der Ausbruch aus der Nische werden.

Eine solche Prognose würden wir für seinen großen Bruder, das Galaxy Z Fold 3, nicht abgeben. Es kostet 1800 Euro mit 256 Gigabyte Speicher und 100 Euro mehr mit 512 Gigabyte. Zusammengeklappt ist es zwar mit 15,9 × 6,8 Zentimeter nicht größer als ein herkömmliches Smartphone, aber doppelt so dick (1,6 Zentimeter) und mit 270 Gramm auch deutlich schwerer.

Das Fold hat ein großes Außendisplay mit 6,2 Zoll in der Diagonale und nach dem Aufklappen ein quadratisches Innendisplay mit 7,6 Zoll und einer Auflösung von 2208 × 1768 Pixel. Um dieses Format sinnvoll zu nutzen, müssen die Apps angepasst sein, was sie aber jenseits der hauseigenen von Samsung nur selten sind. Eine Schutzfolie über der Anzeige ist deutlich zu spüren, sie soll Kratzern besser Einhalt gebieten. Unter ihr liegt eine Sensorfolie, so dass man auch mit einem (nicht beiliegenden) Samsung-Digitalstift malen kann. Interessant ist Multitasking mit der Option, mehrere Fenster unterschiedlicher Apps gleichzeitig zu öffnen, etwa um E-Mails zu lesen und gleichzeitig ein Video zu schauen. Stellt man das Fold wie ein Notebook auf, sieht man in Word oben den Text und unten eine Bildschirmtastatur. Das Fold nutzt den gleichen Prozessor wie das Flip, hat ebenfalls eine Bildschirmwiederholrate von 120 Hetz, kann aber auf 12 Gigabyte RAM zurückgreifen und hat den deutlich leistungsfähigeren Akku, der mühelos einen Tag durchhält.

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Hier sind insgesamt fünf Kameras eingebaut. Die im Innendisplay ist unter der Anzeige versteckt, aber sichtbar. Sie löst mit nur 4 Megapixel auf. Die Frontkamera mit Aussparung im großen Außendisplay bringt es auf 10 Megapixel, und das wichtigste Detail der drei Optiken auf der Rückseite ist im Vergleich mit dem Flip das 12-Megapixel-Teleobjektiv. Was Bloatware und Software betrifft, wird auch hier die Geduld strapaziert. Davon einmal abgesehen gefällt die hohe Verarbeitungsqualität und die mechanische Anmutung des Faltmechanismus. Der Akku beider Geräte lässt sich induktiv betanken, und dass weder ein entsprechender QI-Adapter noch ein Ladegerät beiliegt, ist unverständlich.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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