In-Ear-Hörer von Zeitgeist

Ohrschmuck für Audiophile

Von Marco Dettweiler
13.04.2021
, 10:28
Für die Marke Zeitgeist entstehen in Dieburg außergewöhnliche In-Ear-Hörer – was den Klang und was das Design angeht. Wir haben schon mal rein gehört.

Natürlich war Thomas Halbgewachs auch in Asien. Wer die Idee hat, eine eigene Marke für In-Ear-Hörer aufzubauen, wird erst einmal ins Flugzeug steigen und dorthin reisen, wo die Konkurrenten ihre Produkte bauen lassen – nach China. Erfolgreich gelandet ist Halbgewachs nach einem Jahr intensiver Suche nach dem passenden Lieferanten dann im hessischen Dieburg. Mit den Asiaten war er zwar ins Gespräch, aber nicht ins Geschäft gekommen. „Die haben nicht begriffen, was Manufaktur heißt“, sagt der ehemalige Beyerdynamic-Manager. An Massenproduktion denkt er nicht, unter 1000 Einheiten pro Modell werfen die Chinesen ihre Maschinen aber nicht an.

Zeitgeist soll eine exquisite Marke mit exklusiven In-Ear-Hörern zwischen 500 und 1000 Euro sein. Jedes Modell ist auf 200 Stück limitiert. „Im Gegensatz zu den großen Labels produzieren wir in Kleinserien“, sagt der Zeitgeist-Gründer.

Das Unternehmen InEar in Dieburg ist spezialisiert auf die Fertigung von Gehörschutz für Industrie, Militär und auch die Formel 1. Halbgewachs kennt den InEar-Geschäftsführer Marius Schmitt schon länger, weil er dort Otoplastiken, also Formpassstücke, für sein Geschäft namens Headphone Company fertigen lässt. Halbgewachs bietet in seinem Onlineshop (mit einem Showroom in Heidelberg) zusätzlich Aufsätze aus Silikon für In-Ear-Hörer an, die dem individuellen Gehörgang angepasst sind, damit der Hörer so klingt, wie er klingen soll. Schmitt fertigt in Dieburg auch maßgeschneidert die Hörer, die Profimusiker bei Konzerten im Ohr tragen. Weil er sich mit diesem In-Ear-Monitoring auskennt, weiß er zudem, wie die Stöpsel für normale Musikhörer funktionieren. So fanden sich Halbgewachs und Schmitt – und begannen mit der Produktion von Zeitgeist-Modellen.

Nicht jedes Modell wird tatsächlich erst bei der Bestellung gefertigt. Dennoch soll der Kunde das Gefühl haben, etwas Besonderes im Ohr zu haben, jenseits der Massenproduktion. Es wird immer auch kleine Serien mit nicht mehr als zehn Exemplaren geben, zudem hat jedes Produkt eine Nummer wie etwa 27/500 eingraviert, die wie bei Kunstdrucken, Whiskyabfüllungen, Fotodrucken oder edlen Uhren zeigt, das wievielte Exemplar der Kunde bekommen hat. Um aufzufallen in der Masse der In-Ear-Hörer, die schon aufgrund ihrer Größe ein recht unauffälliges Produkt sind, das nach Möglichkeit im Ohr verschwinden soll, setzt Zeitgeist auf besondere Materialien wie Holz oder Acrylharz, fluoreszierende Farben oder Muster wie den Union Jack, die in einer Art 3D-Puzzle-Technik zusammengesetzt werden.

Die Gehäuse eines In-Ear-Paars werden meist aus vier Blöcken gefräst. Hersteller aus Japan oder Amerika bieten das Rohmaterial an. „Wir fertigen auch einige Blöcke aus Acrylharz selbst“, sagt Halbgewachs. Ideen für die Zukunft hat er genug. So überlegt er, gebrauchte Fässer zu kaufen, in denen Islay-Whisky gelagert wurde, um aus diesem Holz das Gehäuse zu fertigen. Inklusive Raucharoma, wofür die Whiskys von der Hebriden-Insel Islay bekannt sind.

Der Specs War ist ausgebrochen

Es nützt aber das beste Aussehen nichts, wenn der In-Ear-Hörer nicht gut klingt. So wie es bei großen Kopfhörern, die das Ohr umschließen, klanglich und preislich kaum Grenzen nach oben gibt, können sich auch Freunde des Knopfs im Ohr auf einem recht umfangreichen, aber oft unbekannten Markt bedienen. Halbgewachs hat Kunden, die bei seiner Headphone Company gerne mal 3000 Euro für einen In-Ear-Hörer ausgeben. Um Käufer für sehr teure Produkte zu gewinnen, sei unter den Herstellern „ein Specs War“ ausgebrochen, sagt Halbgewachs, ein „Krieg der Spezifikationen“, der dazu führe, dass nur noch mit der „Anzahl der Treiber“ geworben werde. Mittlerweile hält ein Hersteller mit 18 Treibern den Rekord – das ist in etwa so, als hätte man zu Hause eine 18-Wege-Box stehen.

Die meisten Hersteller kommen bei Lautsprechern mit drei Wegen aus, bei In-Ear-Hörern ist es sogar nur ein Treiber. Viel hilft nicht immer viel. So reicht beispielsweise Sennheiser und Beyerdynamic für ihre Topmodelle ein Breitband-Treiber. Die aktuellen Modelle von Zeitgeist arbeiten mit zwei Treibern, was schon ambitioniert ist. Zeitgeist kauft sie bei einem der führenden Spezialisten mit Sitz in Dänemark. Einen eigenen Treiber zu entwickeln, das schaffen in Deutschland nur große Firmen wie Sennheiser.

Zwei-Treiber-Technik als Standard

In Dieburg saß Halbgewachs wochenlang mit Marius Schmitt zusammen, um am Klang der Hörer zu arbeiten. Das bedeutete unter anderem, dass immer wieder ein Prototyp gebaut, angehört und danach wieder neu gebaut werden musste. Irgendwann waren die drei Klangsignaturen so, wie Halbgewachs sich das vorstellte und wie sie nun für die meisten Editionen von Kunden ausgewählt werden können. Wir haben eine Zeitlang das Modell „Bye, bye, Britain“ mit einem an den Union Jack erinnernden Gehäuse gehört, das mit 700 Euro preislich im Mittelfeld liegt und dessen Zwei-Treiber-Technik am häufigsten eingesetzt wird.

Der Sound trifft ziemlich genau unseren Geschmack. Das Bassfundament ist kräftig, aber nicht dominant. Weiter oben im Frequenzgang herrscht fast Gleichberechtigung, der In-Ear lässt Stimmen eher den Vortritt, aber die Höhen werden nicht versteckt. Wie bei allen hochwertigen Ohrstöpseln fasziniert es auch hier, wie gut In-Ears auflösen können. Jeder Ton, jedes Instrument lässt sich identifizieren. Es tritt sogar der seltene Effekt auf, dass man Töne in Liedern hört, die einem vorher nie aufgefallen sind. Solche Momente kennt man von High-End-Kopfhörern.

Der exzellente Klang fordert technisch ein Merkmal, auf das viele Hersteller mittlerweile verzichten, weil sie auf „True Wireless“ setzen: Alle Zeitgeist-Modelle haben ganz klassisch ein Kabel, weil dadurch keine Kompromisse in Sachen Ergonomie und Klang gemacht werden müssen. Das speziell geformte Gehäuse lässt sich nur ohne Bluetooth- und Noise-Cancelling-Technik verwirklichen.

Kabel? Viele Jugendliche haben vermutlich noch nie ein Kabel an einem Kopfhörer gesehen, weil sie die weißen Stöpsel von Apple ins Ohr stecken oder die ohrumschließenden großen Kopfhörer nur als Bluetooth-Variante kennen. Viele werden sich womöglich fragen: Wo soll ich das Kabel überhaupt reinstecken? Aktuelle Smartphones haben keinen Eingang mehr für einen 3,5-Millimeter-Klinkenstecker. Daher benötigt man einen Adapter für den USB-Port, an dem das Handy aufgeladen wird. Oder man leistet sich einen sogenannten Digital Audio Player, also quasi einen MP3-Player für Fortgeschrittene, der nur fürs Musikhören gedacht ist. Das ist der Zeitgeist der Audiophilen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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