Kopfhörer im Test

Ein weiter Weg zum Gipfel

Von Marco Dettweiler
18.05.2020
, 10:23
Aus dem Nichts einen kabellosen Kopfhörer mit Noise-Cancelling bauen? Das geht. Mit viel Geld und Expertise. Montblanc hat sich einen Fachmann aus Kalifornien an Bord geholt. Ist das Experiment gelungen?

Kabellose Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung liegen im Trend. Sowohl die ohrumschließende Variante als auch die In-Ear-Stöpsel verkaufen sich momentan prächtig. Fast monatlich landen Pressemitteilungen im Postfach und neue Produkte im Regal, weil ein Unternehmen nach dem anderen seinen Kopfhörer vorstellt. Als Montblanc einen „kabellosen Over-Ear-Kopfhörer für stilvolles Reisen mit perfektem Klang“ für knapp 600 Euro ankündigte, hielten wir inne. Montblanc? Der Hersteller von Schreib- und Lederwaren produziert jetzt auch Kopfhörer? Montblanc verlangt zudem 600 Euro für ein Produkt, das die Konkurrenz von Sony, Sennheiser, Bose, Beats, Denon oder Technics für durchschnittlich 400 Euro anbietet. Was macht den Kopfhörer besonders?

Die Spurensuche führt von Hamburg, wo das Projekt in Montblancs Zentrale angestoßen wurde, nach Los Angeles in die Kopfhörer-Manufaktur von Alex Rosson. Dessen Dienste hat sich Montblanc für den MB 01 gesichert. Und schon wieder passt etwas nicht ins Bild. Alex Rosson? Der Kalifornier hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das amerikanische Unternehmen Audeze mit magnetostatischen Kopfhörern vor ein paar Jahren die Bestenlisten in den HiFi-Magazinen stürmte und unter Kopfhörerkennern noch immer ein großer Name ist.

Solche Kopfhörer sind eher das Gegenteil von einem MB 01. Sie sind riesig, schwer, offen, kommen mit langem Kabel und ohne Digitalprozessor, brauchen einen guten Verstärker und gehören nach Hause, wo der Nutzer entspannt auf Sofa oder Sessel sitzt, um genussvoll seinen Alben zu lauschen.

Rosson baut letztlich noch die gleichen Kopfhörer wie bei Audeze, nur jetzt unter der eigenen Marke Rosson Audio Design (RAD). Sie sind noch etwas besser, schicker und teurer geworden. Momentan gibt es nur eine Serie: den RAD-0 für 3300 Euro. Rosson bezeichnet jedes Exemplar als Unikat, weil jeder Kopfhörer in Los Angeles von seinen Händen oder von denen der drei anderen Mitarbeiter gefertigt wird. Er kann daher auf die Wünsche der Kunden individuell eingehen. Rosson bearbeitet gerade den Auftrag eines Kunden, „der die Asche seines Vaters in das Gehäuse einbringen will. Etwas morbider als sonst, aber mal etwas ganz anderes, und unser Kunde wird am Ende glücklich sein“, sagt er. Auch den Klang kann er in Grenzen individuell an den Geschmack anpassen. Ein Serienmodell des RAD-0 sei „unglaublich schnell, detailliert und neutral“. Aber es sei möglich, sagt Rosson, „einige Frequenzbereiche subtil anzuheben oder zu senken“.

Eine kleine Korrektur wünschten wir uns auch, würden wir Kunde werden. Der Testkopfhörer zeigt zunächst alles, was einen Magnetostat auszeichnet. Sobald er auf den Ohren sitzt, packt einen der RAD-0 und prescht los. Die riesigen Membranen machen sofort Druck, werfen alles nach vorn, der Bass ist unschlagbar knackig, kennt keine Grenzen in der Tiefe. Dennoch hört man alles detailliert, was der Toningenieur auf die Spuren gepackt hat. Er schaufelt dabei eine ordentliche Bühne frei. Der RAD-0 ist nichts für sanfte Gemüter. Rock, Pop und Techno sind seine Genres. Dabei drückt dieser RAD-0 gelegentlich den Gesang ein wenig in den Hintergrund, so dass wir uns wünschen: Alex, heb an diesem Exemplar ein kleines bisschen die Mitten an!

Gut, aber nicht mehr

Um zu erfahren, warum Montblanc auf die Idee kommt, einen Spezialisten für magnetostatische Highend-Kopfhörer zu engagieren, der einen kabellosen Kopfhörer mit Nebengeräuschunterdrückung entwickelt, geht es wieder nach Hamburg in die Zentrale von Montblanc. „Alex Rosson hat uns in seinem Sound-Lab in Los Angeles im Bereich des Sounddesigns unterstützt und eine eigene Montblanc-Sound-Signatur für uns und die Nutzer kreiert. Diese ist besonders ausgewogen und klar“, sagt Felix Obschonka, Director New Technologies in der Hamburger Montblanc-Zentrale. „Wir haben deswegen in enger Zusammenarbeit mit potentiellen Kunden in Testgruppen den Klang validiert. Es gab am Ende also einen demokratischen Prozess, der zu diesem Ergebnis geführt hat.“

Bei all diesen Anstrengungen ist in der Tat ein Kopfhörer mit einem guten und klaren Klang herausgekommen. Mehr aber auch nicht. Die Konkurrenz ist zu stark, um sie aus dem Stand zu überholen. Sony, Sennheiser, Bose, Beats und noch ein paar andere Hersteller besetzen seit Jahren den Markt mit ziemlich perfekten Produkten, die kontinuierlich verbessert werden. Sie haben viel Erfahrung im Umgang mit den analogen Treibern und dem digitalen Si-

gnalprozessor, der für die Modi der Geräuschunterdrückung, ob sie „an“, „aus“ oder „ambient“ ist, angepasst werden muss. Einige Unternehmen kaufen sich Technologie in Asien zu und lassen dort ihre Kopfhörer von Original Equipment Manufacturer (OEM) mehr oder weniger vollständig herstellen. Montblanc versucht, viele Aufgaben selbst zu übernehmen, so wie Sony oder Sennheiser, nämlich „das Produkt von Grund auf neu zu entwickeln“, wie Rosson sagt. Das ist löblich. Aber auch riskant. Denn eine eigene Entwicklung verschlingt mitunter viel Geld.

Erklärt das den Preis von 600 Euro? Felix Obschonka von Montblanc „wollte keine Kompromisse eingehen“ und nennt „feines Schafsleder“, „aufwendig geformtes und beschichtetes Aluminium“ als teure Materialien, zudem habe man „viel in die Treiber und Elektronik“ investiert. Das mag sein. Dennoch kann sich der MB 01 nicht von der 400-Euro-Konkurrenz absetzen. Der Klang des Sennheiser Momentum Wireless ist besser, das Noise-Cancelling von Sony und Bose nach wie vor unschlagbar, Bang & Olufsen setzt für seinen Beoplay H9 Leder und eloxiertes Aluminium ein, und Microsoft hat am Surface die cleverste Bedienung. Mit dem Design geben sich alle Hersteller viel Mühe. Montblanc versucht, sich vom Rest unter anderem durch die Form und Farbgebung (goldfarben) der Bügel abzusetzen. Aber Ähnliches hat man schon vor einigen Jahren am Parrot Zik gesehen, der im Übrigen von Philippe Starck gestaltet wurde.

Dass der MB 01 von Montblanc einen Knopf für den Google Assistent hat, die Geräuschunterdrückung in drei Modi gewechselt werden kann, ist in dieser Gattung mittlerweile Standard. Dass der MB 01 im NC-Modus leicht rauscht, unnötig piepst, wenn man laut und leiser stellt, und der Akku aufgeladen werden soll, obwohl er vorher laut Ansage bei 50 Prozent Ladestand war, ist verbesserungswürdig. Auch die anderen Kopfhörer haben noch Schwächen. Aber sie kosten auch „nur“ um 400 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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