Kopfhörer XP-EXT 1 von JVC

Ein Ohrwurm wird kalibriert

Von Wolfgang Tunze
31.03.2021
, 14:48
Der Kopfhörer XP-EXT 1 von JVC kostet samt seiner Steuereinheit rund 1000 Euro.
Der Kopfhörer XP-EXT 1 von JVC misst Reflexionen des Außenohrs und simuliert so Raumklang. Er will opulentes Heimkino akustisch nachbilden – sogar eines mit 7.4.1 Kanälen.
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Die Nachbarn von Heimkino-Freaks sind nicht zu beneiden. Denn der wahre Cineast lässt sich den 3D-Sound am liebsten aus sieben Boxen um die Ohren wehen. Vier weitere Lautsprecher, unter der Heimkino-Decke installiert, dürfen dann noch die Höhendimension beisteuern, ein Subwoofer lässt es dazu ordentlich krachen. Schon seit ein paar Monaten allerdings gibt es ein Instrument zur häuslichen Befriedung, und weil sein Hersteller es nun auch noch mit einem Software-Update verfeinert hat, wollen wir uns näher damit befassen.

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Es geht um einen Kopfhörer, der ein opulentes Heimkino akustisch nachbilden soll – sogar eines mit 7.4.1 Kanälen. Die Idee ist nicht ganz neu; es hat immer wieder Versuche gegeben, Kopfhörern die Kino-Tonarten beizubringen, zumeist aber mit den Mitteln rein digitaler Simulation. Dabei entstanden räumliche Klangkulissen, doch die präzise Plazierung von Sound-Effekten überforderte solche Lösungen zumeist.

Der Kopfhörer XP-EXT 1 von JVC, der samt seiner Steuereinheit rund 1000 Euro kostet, will es besser machen, und dazu bringt er interessante Voraussetzungen mit. Er analysiert die Außenohr-Übertragungsfunktion seines Trägers und damit die entscheidende Größe für die Richtungswahrnehmung des Schalls. Denn Ohrmuscheln, Gehörgänge und auch die Kopfform wirken wie akustische Filter, die dem Klang je nach seiner Einfallsrichtung eine spezifische Prägung verpassen; der Hörsinn erkennt daran, woher der Ton kommt.

Das JVC-Modell schickt, bevor der Heimkino-Spaß beginnt, Messtöne in die Hörkapseln.
Das JVC-Modell schickt, bevor der Heimkino-Spaß beginnt, Messtöne in die Hörkapseln. Bild: Hersteller

Kopfhörer aber schotten das Gehör von diesen Einflüssen ab. Deshalb geben sie selbst Stereo-Musik nie so weiträumig wieder wie zwei gute Lautsprecher. Das JVC-Modell nun schickt, bevor der Heimkino-Spaß beginnt, Messtöne in die Hörkapseln und fängt sie mit Mikrofonen wieder ein, misst also die Reflexionsmuster des Außenohrs. Daraus leitet es eine individuelle Kalibrierung ab, die in der Steuereinheit gesichert wird. Eine Smarthone-App steuert den Prozess über Bluetooth, gleichzeitig transportiert ein Klinkenkabel die Signale zwischen Hörer und Steuergerät.

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Dank seiner großen, mit Kunstleder bezogenen Polster sitzt der Kopfhörer bequem. Die Audiosignale lässt er sich über eine 2,4-Gigahertz-Funkverbindung zuspielen, die, anders als Bluetooth, verzögerungsfrei arbeitet. Ein Akku, der bis zu 15 Stunden lang durchhalten soll, versorgt die Elektronik mit Energie, zum Nachladen dient eine USB-Schnittstelle. Die Steuereinheit bezieht die digitalen Tonsignale etwa von Bluray-Playern über drei HDMI-Eingänge, ein weiterer HDMI-Anschluss gibt Bild und Ton an einen Fernseher aus.

Die Elektronik verarbeitet alle erdenklichen Surround-Tonarten, darunter die 3D-Formate Dolby Atmos und DTS:X. Steht Stereomusik auf dem Programm, kann die Elektronik auch hier für Raumklang sorgen. Nachbearbeitungen in Dolby Surround oder in Neural:X machen es möglich. Und die App kann den Klang mit einem Equalizer verfeinern.

Die Elektronik verarbeitet alle erdenklichen Surround-Tonarten.
Die Elektronik verarbeitet alle erdenklichen Surround-Tonarten. Bild: Hersteller

Zum Test haben wir Pretiosen von der Dolby Atmos Demo-Disc, Jahrgang 2018, herangezogen und waren recht verblüfft. Eine Schlachtenformation in Game of Thrones, ein taumelnder Helikopter in Jumanji oder ein geflügelter Unhold in Spiderman – es kracht, scheppert und braust nach Herzenslust, und der Kopfhörer zeichnet das Geschehen überraschend genau nach. So kannten wir das bisher nur aus Heimkinos, in denen ein vielstimmiges Boxen-Ensemble den Ton angibt. Mithin ist das JVC-Gespann zwar keine völlig gleichwertige, aber doch eine würdige Alternative, über die sich nicht nur die Nachbarschaft freut.

Quelle: F.A.Z.
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