Microsoft Flight Simulator

Fliegen lernt er auch noch

Von Dietmar Spehr
Aktualisiert am 02.11.2020
 - 15:03
Tour über Rio de Janeiro in der Extra 330LT. Mit der Kunstflugmaschine lassen sich imposante Loopings und Rollen fliegen. Die Modelle der 300-Serie gehören seit Jahren zur Standardflotte des Flugsimulators.zur Bildergalerie
Der neue Microsoft Flight Simulator 2020 zeigt die Welt in phantastischen Bildern. Als Privatpilot findet man einige gute Gründe, um auch virtuell abzuheben. Allein mit der Simulation von Flugzeugen hapert es noch.

Mit dem neuen Flight Simulator 2020 hat Microsoft sein Produktportfolio um einen weiteren Bestseller erweitert. So befindet sich das vom französischen Studio Asobo entwickelte Programm seit Wochen auf der Liste der zehn meistverkauften Titel der Spieleplattform Steam. Microsoft hat sich bei der Entwicklung vor allem auf die Erschaffung einer leistungsfähigen Plattform konzentriert. Erweiterungen von Dritten können und werden folgen. Die Darstellung der Landschaft spielt dafür eine wichtige Rolle. Erstmals kommt dafür eine Cloud-Infrastruktur zum Einsatz. So liefert das Programm offline nur eine Minimallandschaft und greift online auf Geodaten zu, darunter auf jene des Microsoft-Kartendienstes Bing Maps. Herkömmlich auf Bluray-Disc ausgeliefert, wären für diese Datenflut 20.000 Scheiben nötig. Eine schnelle Datenleitung, Microsoft empfiehlt mindestens 20 MBit/s, optimal sind 50, zahlt sich also aus.

Dank Cloud kann ohne zusätzliche Erweiterungen die ganze Welt in hoher Auflösung dargestellt werden. Sofern nicht ohnehin bereits 3D-Informationen zu Gebäuden hinterlegt sind, bestückt ein Algorithmus zusätzlich die aus Satellitenaufnahmen zusammengesetzte Landschaft mit dreidimensionalen Gebäuden. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erkennen die Cloud-Rechner von Microsoft, welche Art von Bauwerk auf der Luftaufnahme zu sehen ist. Dabei werden sogar regionale Stile berücksichtigt, vom englischen Vorort-Bungalow bis zum deutschen Klinkerbau. Im Prinzip funktioniert das für die Welt und die rund 37 000 abgebildeten Flughäfen bereits mit dieser Automatik recht gut. Die Entwickler legten in ausgewählten Gebieten jedoch selbst Hand an und modellierten die virtuelle Welt manuell. So gibt es in den drei verschiedenen Varianten des Spiels, der Standard-, der Deluxe- und der Premium-Edition (rund 70, 90 und 120 Euro), jeweils 30, 35 und 40 von Asobo gestaltete Flughäfen, die ihrem Original ausgesprochen ähnlich sehen.

Auch beim Wetter setzt der neue Flight Simulator 2020 Maßstäbe. Der Anwender kann wahlweise auf das Live-Wetter zugreifen oder ein eigenes Szenario erschaffen. Vom Bodennebel bis zur Zirrus-Wolke werden die Elemente nicht einfach in eine statische Landschaft eingeblendet, sondern folgen bei ihrer Entstehung und Auflösung den physikalischen Gesetzen. Dabei fließen auch Faktoren wie die Art des Untergrunds und die Höhenstrukturen in die Berechnung ein. Der Aufwand hat sich sichtbar gelohnt, die grafische Darstellung ist eine Augenweide. So bricht sich das Licht realistisch in den Wolken und wirft schön anzusehende Schatten.

Auch dank der Wetterdarstellung ist es ein großes Vergnügen, die so schön dargestellte und ausgeleuchtete Welt virtuell zu erkunden. Ob Flüge über die schneebedeckten Gletscher Alaskas, die grünen Hügel Afrikas oder das Lichtermeer von Los Angeles bei Nacht – nie war die Darstellung näher an der Realität. All das lädt ein, mit einem der vielen kleinen Flugzeuge im Tiefflug erst die eigene Heimat aus der Luft zu entdecken und dann auf große Weltreise zu gehen.

Weitere Gründe zum virtuellen Abheben liefert Microsoft mit einer Reihe von Herausforderungen. So gibt es eine Rangliste mit Punkten für gute Landungen, einige davon auf anspruchsvollen Flugplätzen wie Courchevel, Lukla und Aspen. Wohl aus Rücksicht auf die Flugzeughersteller, die ihre Qualitätsprodukte nicht demoliert ansehen wollen, färbt sich im Fall einer Kollision mit dem Boden oder einem Gebäude nur der Bildschirm schwarz. Zusätzlich ertönt eine Trauermelodie, die aus dem „Im Kampf gefallen“-Arsenal eines Ego-Shooters stammen könnte. Sie erklingt leider auch bei kleinen Ungeschicken, die im wahren Leben allenfalls den Flügel der Maschine und das Ego des Piloten ein wenig ramponiert hätten.

Ein weiteres schönes Element für die Langzeitbindung an den Flugsimulator sind die verschiedenen Szenarien für Überlandflüge, etwa in Nevada oder Patagonien. Wie es jeder Pilot in seiner Ausbildung gelernt hat, soll der Simulator-Flieger möglichst nur mit Kompass, Karte und Stoppuhr ans Ziel kommen. Um Neulinge schnell in die Luft zu bringen, gibt es außerdem einen kleinen Grundkurs mit der Cessna 152, hilfreiche Hinweise zum Fliegen und zum genutzten Fluggerät sowie eine Art Arcade-Modus mit vereinfachtem Flugverhalten. Gelungen ist auch das Online-Fliegen. Dabei erscheinen entweder alle übrigen Nutzer des Flugsimulators oder die auch bei Portalen wie Flightradar sichtbaren Maschinen in der realen Welt.

Zur Not würde es mit einem Game-Controller funktionieren

Für unseren Test lief der Flugsimulator auf einem Gaming-PC mit Intel i7-8700K, der auf 4,9 Gigahertz übertaktet wurde. Als Grafikkarte kam eine RTX 2070 mit acht Gigabyte Speicher zum Einsatz. Man rechne mit Hardware für mehr als 2000 Euro. Mit Blick auf die neue RTX-3000er-Grafikkartenserie und die neueste Generation der Intel- und AMD-Prozessoren nimmt unser Rechner keinen Spitzenplatz mehr ein, spielt jedoch im oberen Drittel der Liga. Gesteuert wurden die simulierten Flugzeuge mit der Schubregler-Joystick-Kombination Hotas Warthog von Thrustmaster (etwa 330 Euro) sowie Pedalen von MFG Crosswind (etwa 350 Euro). Zur Not würde es wohl auch mit einem Game-Controller funktionieren.

Bislang war es nicht möglich, alle für die Grafikdarstellung verantwortlichen Schieberegler eines Flugsimulators bis an den Anschlag zu schieben, ohne dass die Darstellung ruckelte. Das ist bei diesem Flugsimulator nicht anders, allerdings mit deutlich weniger Abstrichen. So gelang es ohne Probleme, mit der zweithöchsten globalen Voreinstellung „Hoch“ ruckelfreie Bilder auf einen Bildschirm mit 2K-Auflösung zu bringen. Etwa 40 Frames pro Sekunde über den Häuserschluchten von New York und 60 Frames über deutschen Äckern waren im Test mit einem einfachen Flugzeug ohne Glas-Cockpit durchaus drin. Grundsätzlich lässt sich das simulierte Flugzeug aber auch mit weniger Bildern pro Sekunde noch besser fliegen als bei anderen Programmen. Hilfreich wäre trotzdem ein adaptives System, das im Landeanflug automatisch die Detailtreue zugunsten einer flüssigeren Darstellung herunterregelt.

Komplett unrealistische Triebwerksleistungen

Nun spielen Flugzeuge bei einem Flugsimulator eine nicht ganz unwichtige Rolle, doch in diesem Bereich enttäuscht die Software leider. Je nachdem, ob sich der Käufer für die Standard-, die Deluxe- oder die Premium-Deluxe-Edition entschieden hat, stehen 20, 25 oder 30 Maschinen im Hangar. Sie reichen vom Ultraleichtflugzeug Pipistrel Virus SW 121 bis zur Boeing 747-8. Die zahlreichen Macken der Verkehrsflugzeuge und Businessjets fallen in der Gesamtschau noch nicht einmal groß ins Gewicht. Den einen oder anderen Fehler bei den Autopiloten oder die komplett unrealistischen Triebwerksleistungen wird Microsoft in kommenden Iterationen seiner Software gewiss beheben. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt macht es trotz allem Spaß, mit einem Businessjet wie der Cessna Citation CJ4 die Welt aus großer Höhe zu erkunden. Das Feld der realitätsgetreuen Darstellung komplexer Flugzeuge überlässt der Hersteller ohnehin Partnern wie PMDG, einem Anbieter von bis ins letzte Detail simulierten Boeings.

Ausgesprochen ärgerlich ist jedoch die Umsetzung der einmotorigen Propellerflugzeuge. Deren Flugverhalten hat leider wenig mit der Wirklichkeit zu tun. So erzeugt die Drehung des Propellers einer solchen Maschine mehrere Effekte, die bei rechtslaufenden Motoren das Flugzeug in verschiedenen Lagen nach links ziehen. Im Flight Simulator 2020 ist davon kaum etwas zu spüren. Auch das negative Wendemoment, eine ungewollte Drehung um die Hochachse, die bei fehlender Koordination zwischen Quer- und Seitenruder auftritt, findet virtuell nicht statt. Hinzu kommen hanebüchene Systemfehler, etwa ein Strommesser, der bei ausgeschaltetem Generator ein Aufladen der Batterie anzeigt.

Auch die Simulation von Flugzeugen mit Spornfahrwerk, also zwei Haupträdern und einem relativ kleinen Heckrad, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Weil bei diesen Maschinen der Schwerpunkt hinter den Haupträdern liegt, muss der Pilot ein Ausbrechen der Maschine nach links oder rechts schon im Ansatz verhindern. Am Boden droht sonst ein Ground Loop, eine schnelle Rotation um die Hochachse. Das macht Start und Landung etwas anspruchsvoller. Nicht so im Flight Simulator. Hier verläuft die Landung wie auf Schienen, und der Ringelpiez auf der Landebahn lässt sich nicht einmal mit einem kräftigen Tritt ins Pedal oder einer einseitigen Bremsung provozieren. Wie gut und realistisch sich das Verhalten von Spornradflugzeugen am PC simulieren lässt, zeigt der Digital Combat Simulator. Dort stehen in dieser Kategorie allerdings vor allem Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs zur Verfügung.

Dass nicht wenigstens eines der Propellermodelle überzeugend realistisch umgesetzt wurde, ist vor allem ärgerlich, weil der Simulator geradezu für den Sichtflug prädestiniert ist. Zudem hatte Asobo mit viel Tamtam eine komplett neue Simulation der aerodynamischen Prozesse angekündigt. So war vom Auftrieb im Bodeneffekt die Rede, der für beide Tragflächenseiten gesondert berechnet würde. Oder aber die Unterteilung der Flugzeugoberfläche in bis zu 1000 Bereiche, die mit ihren spezifischen aerodynamischen Eigenheiten in die Simulation einfließen würden. Umso merkwürdiger, warum davon so wenig in der aktuellen Version zu sehen ist.

Wie der geplagte Windows- und Office-Nutzer weiß, lässt Microsoft seine Software jedoch beim Kunden reifen, und so sind auch für den Flugsimulator regelmäßige Updates angekündigt. Bereits in den vergangenen Wochen wurden einige grobe Patzer beseitigt, etwa dass die gutmütige Cessna 172 nach einem Strömungsabriss ohne weiteres ins Trudeln gerät. In einigen Monaten stehen dann außerdem wohl auch Fremdanbietern alle Schnittstellen zur Verfügung, mit denen sich die Unzulänglichkeiten der Software umgehen lassen. Einem nicht nur visuell überragenden Flugsimulator steht dann nichts mehr im Wege.

Der Autor ist Privatpilot und hat amerikanische sowie europäische Lizenzen für Land- und Wasserflugzeuge.

Quelle: F.A.S.
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