Neuer Mobilfunkstandard

Facebook in die Funknetze

Von Michael Spehr
24.04.2021
, 12:04
Ein 5G-Mobilfunkmast von Vodafone
Die Bundesregierung stellt Milliarden für einen neuen Mobilfunkstandard zur Verfügung. Open Ran soll Europa wieder souverän machen.
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Ist an einem Mobilfunkmast eine Basisstation von Huawei verbaut, gehört dazu auch eine Antenne des chinesischen Unternehmens. In der Mobilfunkwelt ist es bislang nicht möglich, einzelne Komponenten anderer Hersteller einzusetzen, weil die Mobilfunkausrüstung stets komplett von einem Anbieter geliefert wird und proprietäre Hardware zum Einsatz kommt. Wo Wettbewerb fehlt, wo es keine offenen und standardisierten Schnittstellen gibt, muss bei einem Wechsel des Ausrüsters stets die gesamte Technik ersetzt werden. Dies blockiert Neueinsteiger wie Mitbewerber und begünstigt die Bildung von Monopolen.

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Wenn seit Jahr und Tag überall in der Technik herstellerunabhängige Schnittstellen und Interoperabilität gefragt sind, muss der Mobilfunk nachziehen. Das meint zumindest die Bundesregierung und stellt im letzten Konjunkturpaket den Mobilfunkern und Forschungseinrichtungen zwei Milliarden Euro für einen offenen Mobilfunkstandard namens Open Ran zur Verfügung. Ran steht für Radio Access Network. Die Bundesregierung will damit die technologische Souveränität Europas stärken, sie will die Anbieter zwingen, ihre Ausrüstung untereinander kompatibel zu machen und die Schnittstellen zu öffnen.

Open Ran soll auch quasi nebenbei der Hebel sein, um den chinesischen Hersteller Huawei aus den europäischen Netzen zu drängen. Huawei hat weltweit in der Telekommunikationsausrüstung einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent. Es folgen die europäischen Unternehmen Nokia und Ericsson mit jeweils 15 Prozent und das staatliche chinesische ZTE mit 10 Prozent. Digitale Souveränität soll bedeuten, dass Europa seine Technologie von europäischen Unternehmen bezieht, weil man den Chinesen nicht traut, obwohl ihnen nichts Negatives nachweisbar ist.

Gar nicht mal so schlecht bestellt

Digitale Souveränität scheint also eher Autarkie zu meinen, wenngleich dann die Frage unbeantwortet bleibt, was mit den Huawei-Forschungszentren in Europa ist und den globalen Lieferketten sowie der Fertigung von Nokia und Ericsson in China, auf welche die chinesische Diktatur ja ebenfalls Einfluss nehmen könnte.

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Auch ist es um die europäische Souveränität im Mobilfunk gar nicht mal so schlecht bestellt. Europa hat an der Standardisierung des Mobilfunks maßgeblich mitgewirkt, und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat ohne Einflussnahme durch ausländische Staaten die Sicherheitskriterien der Mobilfunkausrüstung in Deutschland festlegen können. Verglichen mit der Positionierung Europas bei Suchmaschinen, Cloud-Computing oder Social-Media-Plattformen, ist man im Mobilfunk doch eher gut aufgestellt.

Open Ran verwendet statt proprietärer Produkte und speziell geschaffener Software günstige White-Box-Hardware, Open-Source-Software, standardisierte Schnittstellen und die Virtualisierung der Funktionen einer Basisstation. Spezialprozessoren werden durch solche von Intel ersetzt, und durch die Standardisierung der Schnittstellen lassen sich Komponenten unterschiedlicher Anbieter kombinieren. Die größere Flexibilität auf der Ebene der Komponenten geht indes einher mit mehr Aufwand bei der Integration. Diese Integratoren könnten sich irgendwann genau so schwer wechseln lassen wie die jetzigen traditionellen Ausrüster. Durch die Entkopplung von Hard- und Software entstehen zudem ganz neue Bedrohungs- und Angriffsflächen der Mobilfunknetze.

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Huawei und Nokia bleiben unter Vertrag

Der produktive Einsatz von Open Ran ist erst in einigen Jahren zu erwarten, wenngleich die ersten Versuche jetzt beginnen. Als Vorreiter der Technik sieht sich in Deutschland O2-Anbieter Telefónica. Von Herbst an sollen 1000 der insgesamt 27.500 Standorte auf Open Ran umgerüstet werden. Huawei und Nokia bleiben unter Vertrag, sollen aber perspektivisch Ran-kompatible Komponenten liefern. Die Ran-Komponenten kommen von amerikanischen Unternehmen und werden durch einen japanischen Integrator verbaut. Die Deutsche Telekom arbeitet in Neubrandenburg an einem Ran-Pilotprojekt, das parallel zum Hauptfunknetz aufgebaut wird. Hier liefern zwei japanische und zwei amerikanische Unternehmen neben Nokia.

Open Ran ist für amerikanische Unternehmen derzeit eine spannende Geschichte, erlaubt sie doch die Eroberung eines Marktes, in dem sie bislang keine Rolle spielen. Die im vergangenen Jahr in den Vereinigten Staaten gegründete Open Ran Policy Coalition führt namhafte Techkonzerne wie AT&T, Amazon, Cisco, Dell, Facebook, Google, IBM, Intel, Juniper Networks, Microsoft, Oracle, Qualcomm, Verzion und Vmware auf. Für Google, Microsoft und Facebook ist Open Ran die Eintrittskarte in die Welt des Mobilfunks und damit in eine Sphäre der Digitalisierung, in der sie noch nicht präsent sind.

Anders ausgedrückt: Wenn Open Ran erfolgreich sein wird, dann vor allem in den Vereinigten Staaten, und dort zu Lasten der beiden Ausrüster Nokia und Ericsson. Das pikanteste Detail der Open Ran Policy Coalition ist die Beteiligung von Juniper: Dieser Netzwerkausrüster musste im Herbst vor dem amerikanischen Kongress nicht nur einräumen, dass er in seinen Anlagen Hintertürchen für den Geheimdienst NSA einbaut, sondern auch erklären, „dass eine weitere Regierung den ursprünglich von der NSA geschaffenen Mechanismus ebenfalls genutzt hat“.

Wenn amerikanische Hersteller nachweislich Hintertüren für ihre Geheimdienste implementieren, könnte Open Ran diese Öffnungen für die NSA ebenfalls enthalten. Der amerikanische Hersteller Mavenir fordert von der Biden-Regierung eine Pflicht zu Open Ran, weil dies „der beste Weg ist, um die amerikanische Führung bei 5G durchzusetzen“ und amerikanischer Mobiltechnologie Priorität einzuräumen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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