Open-Source-Software

Mit Offenheit zum Erfolg

Von Peter Welchering
08.12.2021
, 15:12
Open-Source-Anwender im Maschinenbau lernen viel von anderen Branchen.
Wer im Wettbewerb bestehen will, setzt neuerdings auf Open Source. Auch die deutschen Maschinenbauer haben dieses Prinzip jetzt für sich entdeckt.
ANZEIGE

Mit dem Prinzip „Open Source“ ist die Softwarebranche überwiegend gut gefahren. Open Source heißt, dass eine Software öffentlich zugänglich ist. Sie liegt im Quellcode vor. Jeder darf diese Software nehmen und nutzen und vor allen Dingen weiterentwickeln. Die Weiterentwicklung muss wiederum allen anderen zugänglich gemacht werden. Genau dieses Prinzip haben die Maschinenbauer jetzt auch für sich entdeckt.

ANZEIGE

Die mittelständischen Maschinenbauer bilden das Rückgrat der deutschen Industrie. Da sind sich Ökonomen und Wirtschaftspolitiker einig. Aber heil ist die Welt der Maschinenbauer schon lange nicht mehr. Noch sind viele Unternehmen in diesem Segment heimliche Weltmarktführer. Noch verdienen sie mit den in die ganze Welt gelieferten Werkzeugmaschinen, Spritzgussmaschinen oder Turbinen gutes Geld. Aber die internationale Konkurrenz schläft nicht. Insbesondere die Maschinenbauindustrie in China hat ordentlich zugelegt.

Um gegen diese Konkurrenz weiterhin erfolgreich antreten zu können, setzen sie auf Open Source. „Immer mehr Maschinenbauer und Komponentenhersteller setzen eigene Open-Source-Projekte auf“, berichtet Julian Feinauer von der Pragmatic Industries GmbH. Er berät namhafte Unternehmen der Branche in Sachen Open Source. Drehmaschinen, Fräsen oder Abfüllanlagen haben eines gemeinsam: Sie werden von Software gesteuert. „Deshalb ist Open Source ein Milliardengeschäft“, sagt Feinauer.

Module von Drittherstellern

Allerdings verstanden sich die klassischen Maschinenbauer in diesem Bereich bis vor einiger Zeit eher als Konsumenten. Sie sind gut darin, bestimmte Maschinen für bestimmte Produktionen zu entwickeln, zu verkaufen und zu warten. Das kann eine Maschine sein, die Tassen herstellt und bedruckt, oder eine Maschine, die mit Laserstrahlen Metall bearbeitet. Die Software für die Maschinensteuerung kauften sie in Modulen von Drittherstellern zu.

ANZEIGE

Doch diese Steuerungssoftware musste immer stärker angepasst werden. Je individueller die Konstruktion einer Spezialmaschine wurde, desto arbeitsintensiver war die Softwareanpassung. Das führte dazu, dass die Projektleitung für die Softwareentwicklung sich zu den Maschinenbauern verlagerte. Komplete Pakete aus einer Hand konnten die Programmierhäuser aufgrund der Komplexität der Spezialmaschinen ohnehin nicht mehr bieten. Deshalb orderte die Maschinenbaufirma von einem Hersteller das Paket fürs Computer Aided Design, bei einem anderen die Software für die Verwaltung von Rezepturen und bei einem dritten die erforderliche Schnittstellensoftware.

Open Source macht die Maschinenbauer unabhängig

Doch die internationale Konkurrenz gibt auch hier den Takt vor: Die Entwicklungszyklen für die Maschinen und damit auch für die Software werden immer kürzer. Gleichzeitig müssen auch in der Entwicklung Kosten reduziert werden. Deshalb schauen sich immer mehr Unternehmen um, welche Software als Open Source angeboten wird. Sie kann in der Regel kostenlos übernommen werden. Gleichzeitig ist der Maschinenbauer nicht mehr von einem Hersteller abhängig, der zum Beispiel ein bestimmtes Softwareprodukt nicht mehr weiterentwickeln und pflegen will und deshalb abkündigt.

ANZEIGE

Die Community der Entwickler arbeitet gemeinsam an solchen Projekten und macht das herstellerübergreifend. Das setzt jedoch Koordinierung und eine gewisse Garantie für die Weiterentwicklung voraus. An genau diesen Punkten scheiterte der erfolgreiche Einsatz von Open Source bislang. Doch inzwischen haben sich Koordinierungsinstanzen und überbetriebliche Formen der Zusammenarbeit mit klaren Absprachen und Verträgen etabliert. Erfolgreich sind beispielsweise die Open Source Development Labs. „Das ist eine Genossenschaft, die sich aus über 200 mittelständischen Unternehmen gebildet hat, mit dem Ziel, Linux für eingebettete Systeme rechtssicher einsetzbar zu halten“, erklärt Julian Feinauer.

F.A.Z. Newsletter Technik & Motor

Mittwochs um 12.00 Uhr

ANMELDEN

Maschinenbauer, die mit dieser Genossenschaft zusammenarbeiten, hatten nicht die Probleme ihrer Kollegen, als Microsoft zum Beispiel vor einem Jahr Windows 7 einstellte. Auch alte Linux-Versionen werden von der Open-Source-Community weitergepflegt.

Inzwischen arbeiten in solchen Labs auch die großen der IT-Branche mit: IBM, Hewlett Packard mit HPE, Fujitsu, Hitachi oder Nippon Electric sind mit dabei und haben sogar Teile ihrer in früheren Zeiten als „Kronjuwelen“ geltenden Softwareentwicklungen als Open Source eingebracht. Das hilft den Maschinenbauern, wenn es darum geht, Schnittstellensoftware oder Basissoftware für die Maschinensteuerung schnell verwenden zu können.

Außerdem lernen die Open-Source-Anwender im Maschinenbau viel von anderen Branchen. Zum Beispiel verwendet ein Maschinenbauer, der Maschinen für die Produktion von Trauringen herstellt, eine Software für die Lasersteuerung, die aus der stahlverarbeitenden Industrie stammt. „Dass Input aus anderen Industriebranchen übernommen wird, hat viele Vorteile“, meint Robert Weber, geschäftsführender Gesellschafter der Industrial Newsgames GmbH & Co KG. Das Softwareangebot ist auf diese Weise viel breiter als das bisherige branchenbezogene und deckt auch Spezialanwendungen besser ab. Außerdem bietet Open Source Vorteile bei der Suche nach Fachkräften.

ANZEIGE

Auch alte Linux-Versionen werden weiterhin gepflegt

Inzwischen sind Open-Source-Plattformen häufig Ausgangspunkt für gemeinsame Entwicklungsprojekte von Maschinenbauern. Das wäre vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen, insbesondere im mittelständischen Bereich. Selbst bei ganz neuen Entwicklungen, wie etwa beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Steuerung und Wartung von Maschinen, setzt die Branche auf Open Source. Denn da gibt es die neuesten und ausgereifte Programme für maschinelles Lernen, Maschinenwartung oder Bildverarbeitung.

Die stammen als Open Source oft aus anderen Branchen, zum Beispiel der Automobilindustrie, und können unproblematisch auf die jeweiligen Maschinen übertragen werden. Angepasst an die Bedürfnisse der Maschinenbauer werden die neuronalen Netze, generativen Netzwerke und andere KI-Algorithmen dann oft von Arbeitsgruppen in solchen Vereinigungen wie dem Open Source Automation Development Lab. So sind auch aufwendigere Entwicklungen möglich, welche die Budgets und Ressourcen einzelner Maschinenbauunternehmen deutlich überfordern würden.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE