Smartphones aus China

In Deutschland Freunde gefunden

Von Marco Dettweiler
15.06.2021
, 15:43
Vivo X60 Pro und Xiaomi Mi 11 Ultra
China erobert den Markt für Smartphones. Marken wie Xiaomi und Vivo werden beliebter. Zu Recht – wie der Test ihrer Geräte Mi 11 Ultra und X 60 Pro zeigt.

Smartphones aus China lockten vor wenigen Jahren mit günstigen Preisen und innovativer Technik. Sie konnten aber ein Wagnis sein. Im besten Fall bestellte man das Gerät bei einem seriösen Onlinehändler. Wenn das Gerät kaputtging, war ein Reparaturservice oder Austausch in weiter Ferne. Dafür waren die Handys aus China im Vergleich zu den in Europa bekannten Marken eben günstig. Dann kam irgendwann Huawei, machte chinesische Smartphones hoffähig und etablierte sich mit seinen Geräten bei den Serviceprovidern ebenso wie im stationären Handel. In der Androidwelt musste man sich zwischen Samsung aus Korea und Huawei aus China entscheiden, wenn man mit seinem Gerät technisch vorne dabei sein wollte.

Der ehemalige amerikanische Präsident Donald Trump sorgt weiterhin mit seinem Bann dafür, dass Huawei ohne Google-Dienste auskommen muss, sodass das Unternehmen kontinuierlich Kunden in Europa verliert. Dafür machen sich zusehends andere Marken aus China immer stärker in Europa breit: OnePlus, Xiaomi, Vivo, Oppo oder Realme. Die wohl bekannteste Marke in Deutschland ist Xiaomi, was unter anderem daran liegt, dass die Chinesen viel in Werbung investieren und in Düsseldorf ihre Europazentrale aufgebaut haben. Vivo sitzt in Deutschland in der gleichen Stadt, hat den Markt hierzulande erst vor sieben Monaten betreten und verkauft in China schon mal mehr Smartphones als die Konkurrenz. Beide haben kürzlich ihr neues Flaggschiff in Deutschland auf den Markt gebracht.

Xiaomi geht dabei namentlich, preislich und mit der technischen Ausstattung in direkte Konkurrenz mit Samsung. Wer sich als Android-Nutzer für das Samsung Galaxy S 21 Ultra interessiert, könnte ebenso an dem Xiaomi Mi 11 Ultra Gefallen finden. Beide haben riesige Bildschirme, stecken voller hochwertiger Technik, kosten circa 1200 Euro und haben ein riesiges Kameramodul auf dem Rücken. Vivos Topmodell X 60 Pro kostet nur 800 Euro. Es spielt aus technischer Sicht dennoch in der Oberklasse. Mit dem feineren Design und den kompakten Maßen ist es eher nichts für Technik-Nerds. Trotz des geringeren Preises soll das X 60 Pro Fotos machen, die mit den teureren Topmodellen der Konkurrenz mithalten können. Dafür hat sich Vivo das deutsche Unternehmen Zeiss als Partner für die Kamera an Bord geholt und ein „Imaging Lab“ gegründet. Dort sollen in den nächsten Jahren die deutschen und chinesischen Ingenieure weiter an der Kamera feilen.

Vivo hat eine Partnerschaft mit Zeiss.
Vivo hat eine Partnerschaft mit Zeiss. Bild: Hersteller

Im Vergleich zu anderen Topmodellen, die mit ihrer Kamera werben und ein entsprechend großes Modul auf die Rückseite gepackt haben, fällt der Aufsatz von Vivo geradezu klein aus. Auffällig ist nur der blau-weiße Zeiss-Schriftzug. Es sieht zunächst nach klassischer Triple-Kamera aus: Hauptkamera, Weitwinkel und zweifacher Zoom. Das Besondere an der Kamera wird nur über die Einsicht der technischen Daten sichtbar. Vivo benutzt, wie schon beim Vorgängermodell, ein Gimbal, das unruhige Hände beim Fotografieren bändigen und damit für scharfe Bilder sorgen soll. Neu ist die größere Blende der Hauptkamera. Sie fängt mit f/1.5 ziemlich viel Licht ein. Die Auflösung mit 48 Megapixel gehört in dieser Klasse zum Standard. Ebenso die 13 Megapixel des Weitwinkels und des optischen Zweifach-Zooms. Die Selfie-Kamera gewinnt in diesen Zeiten immer mehr Bedeutung. So spendiert ihr Vivo 32 Megapixel mit einem zweifachen digitalen Zoom.

Das klingt alles nach hohem Niveau – und ist es auch. Ob drinnen oder draußen: Die Kamera macht klasse Bilder. Es fällt auf, dass sie die unterschiedlichen Motive immer einen Tick heller zeigt als etwa die des Xiaomi. Die Fotos wirken dadurch etwas freundlicher, auch wenn sie die ursprünglichen Lichtverhältnisse nicht ganz so abbilden, wie sie waren. Das führt sowohl drinnen als auch draußen dazu, dass die Farben weniger knallig sind als auf manch anderem Smartphone. Die Bilder sind scharf und kontrastreich. Mit dem optischen Zweifach-Zoom nähert man sich am besten Menschen für Porträtaufnahmen. Dieser lässt sich digital noch ausreizen bis zu einem zwanzigfachen Zoom. Viel bringt das nicht. Die Bilder werden unscharf.

Mehr Smartphone geht momentan kaum: Xiaomi Mi 11 Ultra
Mehr Smartphone geht momentan kaum: Xiaomi Mi 11 Ultra Bild: Hersteller

Mit einem Mega-Zoom will hingegen Xiaomi punkten. Huawei fing mit als Erstes damit an, den zigfachen Zoom in den Fokus zu rücken, Samsung warb zuletzt beim S 21 Ultra mit einem hundertfachen Zoom. Da geht noch mehr. Meint Xiaomi. Und präsentiert am Mi 11 Ultra einen 120-fachen Zoom. Wie schon bei Samsung gilt: So etwas ist Unsinn. Man kann das Objektiv kaum ruhig halten, sucht zu lange nach dem ausgewählten Ausschnitt, und am Ende ist das Ergebnis pixelig. Ansonsten macht Xiaomi aber alles richtig. Die Kamera strotzt nur so vor Superlativen. Die Hauptkamera löst mit 50 Megapixel auf, wobei die einzelnen Pixel üppige 1,4 Mikrometer groß sind. Weitwinkelobjektiv und Telekamera schaffen 48 Megapixel. Letztere hat einen optischen Fünffach-Zoom. Hier nutzt Xiaomi die gleiche Technik wie Huawei und Samsung bei ihren Flaggschiffen. Mithilfe des Periskopverfahrens wird das Licht quer zum Gehäuse geleitet.

Damit steht Xiaomi in einigen Bestenlisten für Kameras von Smartphones, deren Grundlage zumeist auch Laborwerte sind, ganz oben und hat Huawei und andere vom Thron gestoßen. Im Alltag jenseits des Labors sieht das Urteil ähnlich aus, doch der Abstand zu anderen Geräten ist nicht so deutlich. So sind wir mit dem Xiaomi Mi 11 Ultra und Vivo X 60 Pro durch die Stadt gezogen, um Bilder zu machen und zu vergleichen. Ebenso haben wir in Innenräumen fotografiert. Dort gefielen uns die Fotos des Vivo manchmal sogar besser. Wo das Mi 11 sichtbar seine Stärken ausspielt, ist mit dem Superweitwinkel, der einfach mehr Winkel bietet, und dem Teleobjektiv, dessen hybrider Zehnfach-Zoom noch ziemlich scharfe und der fünfzigfache sogar noch brauchbare Bilder macht.

Als zweite wichtige Eigenschaft eines Smartphones gilt der Bildschirm. Der ist bei beiden Smartphones tadellos. Wir erfreuen uns an einer Bildwiederholrate von 120 Hertz, knackigen Farben und einer hellen Darstellung. Das Xiaomi kommt auf üppige 6,8 Zoll in einer hohen Auflösung von 3200 × 1440 Pixeln. Und das Mi 11 hat sogar noch einen zweiten Mini-Bildschirm auf der Rückseite neben dem Kameramodul, wo Uhrzeit, Datum und Akkustand zu lesen sind. Eine nette Idee für alle, die das Gerät mit der Frontseite auf den Tisch legen. Vivo kommt immerhin auf knapp 6,6 Zoll mit 2376 × 1080 Pixeln, was aufgrund der handlichen Größe beachtlich ist.

Und welches Smartphone darf’s nun sein? Wer volle Technikpower aus China kaufen will, bekommt mit dem Xiaomi Mi 11 Ultra das komplette Paket. Dementsprechend schwer und groß liegt das Smartphone aber in der Hand. Wer Eleganz aus Fernost mit einer deutsch-chinesischen Kamerapartnerschaft für zwei Drittel des Preises haben will, findet mit dem Vivo X 60 Pro ein schönes Gerät, das sich angenehm anfasst.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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