Elektroscooter Niu MQi GT

Dauervollstrom

Von Walter Wille
08.10.2021
, 06:15
Niu zeigt dem Rest der Welt, was mit Elektrorollern möglich ist. Neu ist der große MQi GT. Er fährt bis zu 70 km/h schnell, weswegen man den Führerschein A1 benötigt.
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Dieser Niu wird gleich Gemecker über sich ergehen lassen müssen. Daher eine wichtige Feststellung vorweg: Der MQi GT, neues Topmodell des chinesischen Herstellers, ist ein fähiges, fesches und freundliches Fahrzeug. Junge Leute drehen sich nach ihm um.

Man sollte aber nicht auf die Idee kommen, sich überwiegend außerhalb geschlossener Ortschaften damit bewegen oder als Pendler regelmäßig längere Strecken in Angriff nehmen zu wollen. Das ist nicht sein Ding, obschon er, im Unterschied zur Mehrheit der Elektroscooter, für eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h ausgelegt ist.

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Man benötigt deswegen den Führerschein A1 (ab 16), es sei denn, man bescheidet sich mit der auf 45 km/h gedrosselten Version des MQi GT, für die der Autoführerschein reicht. Beide haben denselben Preis, 3400 Euro, und sind damit recht günstig. Im Gegensatz zum langsamen ist es dem schnelleren Niu erlaubt, sich auf Autobahnen oder Kraftfahrstraßen zu begeben. Ob das ratsam ist, sei dahingestellt. Uns beschlich schon in der Auffahrt zur Autobahn jedes Mal ein mulmiges Gefühl. Mit 70 km/h Höchstgeschwindigkeit ist man dort eigentlich fehl am Platz. Den „Gasgriff“ immer am Anschlag, Dauervollstrom – und dennoch getrieben, gescheucht, selbst für Lastzüge zu lahm.

Nicht besser fühlen sich Land- und Bundesstraßen an, unangenehm immer dann, wenn Autos und Lastwagen keine Überholmöglichkeit finden und sich fast auf den Rücksitz schieben. Zudem verfehlt der Niu schon an leichten Steigungen das selbst gesteckte Ziel von 70 km/h. Mit Dauervollstrom zerrinnt der Energievorrat zwischen den Fingern, wie das nun mal so ist mit Elek­trofahrzeugen. Weitere wichtige Feststellung: je urbaner, desto besser.

Im städtischen Getümmel ist der 70-Sachen-Niu in seinem Element. Hier fühlt er sich pudelwohl und punktet, im Unterschied zu all den 45-km/h-Krücken, durch Konkurrenzfähigkeit. Wie er so durch die Stadt huscht, fast geräuschlos, das hat eine geradezu geisterhafte Leichtigkeit an sich. Kein Surren, kein Jaulen, man hört praktisch nichts vom Antrieb und fühlt sich wie unter einer akustischen Tarnkappe. Umso drastischer fallen der Motorlärm der Vierrädrigen und die Abrollgeräusche ihrer Reifen auf.

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Mit dem MQi GT hat Niu nun einen ausgewachsenen Scooter im Programm. Wer andere Modelle als zu zierlich empfindet, wird sich hier über großzügigere Platzverhältnisse freuen, was im Gegenzug bedeutet: Kleingewachsene Personen müssen prüfen, ob sie mit der Sitzhöhe von 816 Millimetern sowie der recht üppigen Schrittbogenlänge zurechtkommen. 112 Kilogramm Fahrzeuggewicht dürften für niemanden ein Problem darstellen, wenngleich der Schwerpunkt recht hoch liegt, weil die beiden herausnehmbaren, jeweils gut zehn Kilo wiegenden Akkus direkt unterhalb des Sitzpolsters stecken.

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Reichweite von gut 70 Kilometer

Ihre Kapazität wird im Datenblatt mit zweimal 1488 Wh angegeben, die Reichweite mit gut 70 Kilometer. Das ist ein ehrlicher, wirklichkeitsgetreuer Wert. Während unserer Pendlerfahrten, jeweils zur Hälfte außer- und innerorts, leerten sich die Energiespeicher beispielsweise auf einer Strecke von gut 50 Kilometern auf 31 bis 34 Prozent. Viel tiefer mag man den Pegel auch nicht fallen lassen, denn schon bei 15 Prozent Restfüllung schaltet das 48-Volt-System in den E-Save genannten Notlaufmodus. Von da an kriecht der Niu mit nur noch 25 km/h weiter, und der Fahrer fühlt sich endgültig als Verkehrshindernis, wie ein irrtümlich auf die Rennpiste geratener Eselskarren.

Spürbar reagiert der Niu mit seinem 3,1-kW-Radnabenmotor von Bosch auf äußere Umstände. Morgendlich kühle Temperaturen unter 15 Grad machen ihn träge, bei 20 Grad und mehr wirkt er spritziger. Während er sich bergauf sowie im Gegenwind müht und quält, kommt auf abschüssiger Strecke auch mal die Marke 80 km/h in Sicht. Drei Fahrmodi stehen zur Wahl. Außer dem indiskutablen E-Save noch Dynamic und Sport. Der Dynamic-Modus ist nicht dynamisch, der Sport-Modus nicht sportlich. Beide sind offensichtlich dem Stromsparen verpflichtet, nur nicht ganz so sehr wie E-Save. Genau genommen ist der Sport- der Normalmodus. Aber auch der agiert speziell im Antritt aus dem Stand zu zahm. Wer es wagt, sich mit dem Niu an der Ampel nach vorn an die Startlinie zu manövrieren, muss hoffen, dass normalmotorisierte Mittelklassewagen hinter ihm nicht Ernst machen. In der wichtigen Disziplin des Ampelstarts muss ein Scooter mehr Biss zeigen.

Der Niu ist rund um die Uhr online

Zum Laden: Von 30 auf 90 Prozent vergehen an der Haushaltssteckdose etwa zwei Stunden, nach zwei weiteren Stunden meldet der Roller „Akku voll“. Das zeigt er auch per Niu-App fürs Smartphone an, die ein Thema für sich wäre. Bewegungsdaten, Fahrstatistiken und Diagnosefunktionen haben den Umfang einer Marsmission, der Niu ist rund um die Uhr online, per Mobilfunk erreichbar, mit der Niu-Cloud ver­bunden und per GPS punktgenau zu orten, sofern diese Funktion nicht deaktiviert wird. Wie ein Seismograph meldet er dem Handy Erschütterungen, beschwert sich in der Tiefgarage über ein schwaches Satellitensignal, und man fragt sich, wer wo über das alles wacht.

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Beim Bremsen rekuperiert der Roller. Leider praktiziert er im Schubbetrieb grundsätzlich das freie Segeln und bietet keine Möglichkeit, die Bremswirkung des Antriebs zum Verzögern zu nutzen. Wer daheim keine Garage mit Stromanschluss hat, freut sich über die Möglichkeit, die Akkus zum Laden herausnehmen zu können. Batterien, Ladegerät und -kabel belegen den Stauraum unterm Sitz zur Gänze, womit wir auf die gewöhnlichen Tugenden eines Motorrollers zu sprechen kommen. Für den Gepäcktransport steht nur ein Taschenhaken vor den Knien zur Verfügung, wobei der Platz dort sehr begrenzt ist.

Mit seinen großen 14-Zoll-Rädern fährt der Niu schön stabil, zwar agil, jedoch keineswegs kippelig. Die Bremsanlage geht engagiert zu Werke, die Federung kann zwar mit kurzen, harten Stößen wenig anfangen – Kanaldeckel umfährt man am besten im Slalom –, erfüllt aber ansonsten ihren Zweck. Zur erfreulich umfangreichen Serienausstattung zählen Lichtautomatik per Helligkeitssensor, prima LED-Licht mit einer allerdings harten Hell/Dunkel-Grenze, Tempomat sowie eine automatische Blinkerabschaltung, die vorzüglich funktioniert. Außer der Seitenstütze gibt es auch einen Hauptständer. Die Karosse wird nicht aus zerbrechlichem Plastik gefertigt, sondern aus robustem Glasfaserlaminat.

Nicht konsequent durchgezogen wird das Prinzip des Smartkeys. Für Systemstart und Alarmanlage reicht ein Druck auf den Transponder, zum Entriegeln des Lenkerschlosses und der Sitzbank muss dann doch ein Schlüssel ins Schloss gesteckt werden. Im krassen Unterschied zur schönen neuen Welt der App erfolgt die Darstellung relativ weniger Informationen im schmucklosen Cockpit grau in grau. Und doch gilt als wichtige Feststellung zum Schluss: Wer im Markt der Elektroroller etwas werden will, muss sich am Marktführer aus China orientieren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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