FAZ plus ArtikelLade-Infrastruktur für E-Autos

Einfacher und doch nicht leicht

Von Johannes Winterhagen
18.09.2020
, 22:20
Genug von ihnen gibt es mittlerweile, dennoch herrscht beim Thema Ladestationen noch Optimierungsbedarf.
Die Lade-Infrastruktur für Elektroautos ist stark gewachsen. Nun liegen die Herausforderungen eher im Alltäglichen als an der Technik – von schlecht ausgeschilderten Ladestationen bis zu umständlichen Zahlungsmethoden.

Das letzte Mal passierte es 1994, auf dem Weg nach Rostock, irgendwo im Grenzland zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Tankanzeige des Seat Cordoba war tiefrot, von Dorf zu Dorf stieg die Verzweiflung. Schließlich an einem beliebigen Hof geklingelt und nach der nächsten Tankstelle gefragt. Am Ende mit dem letzten Tropfen Benzin die rettende Zapfsäule erreicht. Dann kamen die Navigationssysteme, das Tankstellennetz im Osten wurde dichter, und seither gab es nie wieder solche Bedrängnis. Und nun diese Quasi-Mobilitätsgarantie eintauschen? Sich mit einem Elektroauto wieder auf die nervenzerreißende Suche nach einer freien Ladesäule machen? Es sind solche Fragen, die jeden quälen, der über die Anschaffung eines Elektroautos nachdenkt.

Eine Ladestation finden

70 bis 80 Prozent aller Ladevorgänge, so mehrere Studien, erfolgen zu Hause oder am Arbeitsplatz. Wer ein Elektroauto vorrangig im Alltagsverkehr nutzt und ohnehin ein zweites Vehikel sein Eigen nennt, sollte daher vor allem zu Hause für eine solide Ladelösung sorgen. Und trotzdem: Eher früher als später kommt der Moment, an dem man auf eine öffentlich zugängliche Ladesäule angewiesen ist. Das offizielle Register dazu führt in Deutschland der BDEW, der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Es verzeichnete Mitte des Jahres rund 28.000 Ladepunkte. Der Begriff „Punkt“ wird verwendet, da insbesondere an Schnellladestationen teilweise mehrere Fahrzeuge gleichzeitig laden können.

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Klappt die Fernreise?

Einfach auf und davon, das ist das Versprechen des Automobils seit dessen Kindertagen. Wie gut das mit einem Elektrofahrzeug gelingt, hängt vor allem vom Reiseziel ab. Denn das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten ist im Ausbau der Ladeinfrastruktur gelebte Realität. Am einfachsten sind Reisen gen Westen: In den Niederlanden stehen fast 50.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte zur Verfügung, in Frankreich rund 30.000. Die absoluten Zahlen sagen jedoch wenig, denn wichtig ist die Anzahl der Schnellladestationen an der Autobahn.

Der Umweltdachverband Transport & Environment hat Anfang 2020 gezählt, wie viele Schnellladestationen an den von der Europäischen Union als besonders wichtig kategorisierten Fernstraßen stehen: Am besten reist sich elektrisch demnach in Großbritannien (20 Schnellladesäulen je 100 km), den Niederlanden (17) sowie in Schweden (8), Österreich (8) und Dänemark (7). Klassische Urlaubsziele im Süden wie Italien, Spanien und Griechenland schneiden deutlich schlechter ab, ebenso die meisten Staaten Osteuropas. Unter den Nicht-EU-Mitgliedern fällt die Quote in Norwegen besonders gut aus.

Ladestationen funktionieren im Ausland ähnlich wie hier

Ein Versprechen hat die deutsche Autoindustrie mit dem Aufbau des Unternehmens Ionity gegeben: An den Hauptverkehrsadern Europas soll ein flächendeckendes Netz an schnellen Ladestationen entstehen, mit dem lückenloses Reisen vom Nordkap bis ans Mittelmeer möglich werden soll. 400 Ladestationen mit jeweils vier bis sechs Ladepunkten sollten bis Ende 2020 den Betrieb aufnehmen. Bei Redaktionsschluss waren 272 am Netz und 54 weitere im Bau.

Grundsätzlich ist das Bezahlen im Ausland genauso einfach oder kompliziert wie in Deutschland. Denn es gibt Roaming-Plattformen, die für anbieterübergreifende Verrechnung sorgen. Die größte heißt Hubject und hat nach eigenen Angaben 767 Partner in 43 Ländern. Die deutschen Autohersteller sind alle an Bord, ebenso große Energieversorger im Ausland. Anders als im Mobilfunk ist die Teilnahme jedoch für den Betreiber der Ladesäule keine Pflicht, so dass man im Zweifel doch die Kreditkarte zücken muss – was auch nicht immer reicht.

Noch lange ist aber nicht alles, was irgendwie funktioniert, auch sinnvoll. Der Autor dieser Zeilen fährt im Urlaub mit Frau, zwei Kindern und einem Hund weite Strecken in einem VW Bus. Unsere Pausen wollen wir nicht an Raststätten oder in Gewerbegebieten verbringen, sondern im Grünen oder in malerischen Altstädten. Außerdem bräuchten wir mindestens eine 100 kWh-Batterie unter dem Auto, was das Gesamtgewicht in Richtung Lastwagen bringen würde. Wir bleiben also beim Diesel.

Quelle: F.A.Z.
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