Probefahrt VW ID Life

Mehr Volkswagen wagen

Von Thomas Geiger
06.10.2021
, 15:00
VW will bald ein weiteres Elektroauto unter dem ID.3 platzieren. Es soll dann um die 20.000 Euro kosten. Eine erste Probefahrt im ID Life.
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Auch bei VW haben sie inzwischen verstanden, dass man bei einem Grundpreis von 31 960 Euro für den ID.3 kaum ernsthaft von einem Volkswagen sprechen kann, und deshalb jetzt mit dem ID Life den Weg nach unten eingeschlagen. Es dauert zwar noch drei, eher vier ­Jahre, bis daraus ein elektrischer Einstiegs-VW für um die 20 000 Euro werden wird. Doch weil die Niedersachsen schon die Hoffnung schüren und auch die Polo- oder wohl eher die Golf-Kundschaft bei der Stange halten wollen, schicken sie die Studie schon mal zur Jungfernfahrt und lassen uns dabei ans Lenkrad.

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Freilich ist das Schaustück weit von einem echten Einstiegsmodell entfernt. Das Format des auf dem zurechtgestutzten Modularen Elektrobaukasten (MEB) fußenden Einzelstücks mag zwar zum Polo oder besser zum T-Cross passen. Schließlich misst der ID Life nur 4,09 Meter und ist damit fast 20 Zentimeter kürzer als ein ID.3. Und anders als die Verbrenner bietet er dafür reichlich Platz, weil die Technik im Wagenboden verschwindet und die Achsen fast 2,70 Meter weit auseinanderrücken können. Man sitzt deshalb nicht nur gut und kann es sogar im Fond bequem aushalten, sondern der Wolfsburger Mini von morgen taugt auch als Lademeister: Hinten passen 410 Liter rein, und obwohl der Motor aus Kostengründen erstmals bei einem MEB-Auto nach vorne wandert, bleibt dort noch Platz für einen Frunk. Der ist mit 70 Litern immerhin groß genug für eine Espresso-Maschine, die ihren Strom aus einer Außensteckdose zieht. Was das soll? Künftig können die ID-Modelle ihre Energie wieder ins Netz oder an andere Verbraucher weitergeben.

Aber weder passen der ziemlich forsche Antrieb mit 234 PS, die knapp sieben Sekunden von 0 auf 100 km/h oder die von 160 auf 180 km/h angehobene Höchstgeschwindigkeit zu einem Kleinwagen, selbst wenn der auf den ersten Kilometern noch so vergnüglich fährt. Noch spricht die Größe der Batterie mit 57 kWh für 400 Kilometer Reichweite für einen Kampfpreis, der nicht mit den Chinesen, aber mit Renault oder Kia mithalten kann.

Und das gilt natürlich auch für Ausstattung und Ambiente – zwei Disziplinen, bei denen mit den Designern gerne mal die Fantasie durchgeht. Denn eine Leinwand im Armaturenbrett mit einem Beamer dahinter ist genauso unwahrscheinlich wie die Fronthaube oder das Targadach aus Luftpolster-Folie und die Reißverschlüsse drum herum, mit denen man den Frunk öffnen oder den ID Life zum Cabrio machen kann. Und auch dass sich die Sitz- wie sonst nur beim Bulli in eine Liegelandschaft verwandelten lassen wird, ist eher unwahrscheinlich.

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Doch wenigstens die mit Kunstfasern aus recycelten PET-Flaschen bezogenen Konsolen könnten kommen – und wären ein echter Gewinn gegenüber der wenig wertigen Kunststofflandschaft des ID.3. Erst recht, wenn sich drum herum tatsächlich Echtholz wie bei der Studie winden würde. Und auch das Bedienkonzept des ID Life wirkt schlüssiger als bei den aktuellen VW-Modellen. Der Automatik-Appendix am Cockpit macht Platz für drei Sensortasten mit P, R und D im Lenkrad, die leidige Leiste unter dem Monitor verschwindet mitsamt den Bildschirmen, und als einzige Anzeige gibt es ein Head-up-Display sowie das eng gekoppelte und magnetisch ans Armaturenbrett geheftete Handy. Das sieht cool und clean aus wie bei Tesla und ist obendrein eine billige Lösung. Denn einmal entwickelt, ist Software viel billiger als Taster und Touchscreens.

Zwar wissen sie in Wolfsburg schon ziemlich genau, wie das nächste Modell unter dem ID.3 aussehen soll, wie sie den Preis um ein Drittel drücken wollen und wie sie diese Idee später bei Seat und Škoda platzieren, um noch ein bisschen mehr zu sparen. Nur wie der elektrische Knirps heißen soll, das wissen sie noch nicht. Denn insgeheim hegen sie die Befürchtung, dass auch ein Einstiegsauto für 20 000 Euro noch immer kein richtiger Volkswagen sein könnte. Erst recht, wenn der Staat mal irgendwann den Subventionshahn zudreht. Das kolportierte Kürzel ID.1 wollen sie sich deshalb womöglich für die nächste Sparrunde aufheben.

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Quelle: F.A.Z.
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