Elektroroller im Fahrbericht

Energie aus dem Handkoffer

Von Lukas Weber
05.08.2021
, 15:29
Rollt elektrisch und flott: Seat Mo 125
Der Elektroroller Mo 125 von Seat ist flott unterwegs und kann eine Reichweite von gut 100 Kilometern vorweisen. Zum praktischen Vehikel für die Stadt macht ihn aber vor allem sein herausnehmbarer Akku.
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Einige Autohersteller wissen, dass sich der Spaß an der Fortbewegung verdoppeln kann, wenn man die Zahl der Räder halbiert. Deshalb haben sie Roller im Programm. Für solche, die eine Berechtigung haben, ein Leichtkraftrad zu bewegen, bietet Seat zu Preisen ab 6700 Euro den elektrischen Mo 125. Der hat es in sich, nämlich ein dickes Akkupaket, das herausgenommen werden kann.

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Das geht bei einigen anderen elek­trischen Rollern zwar auch und ist vor allem dann nützlich, wenn der Besitzer keine Garage mit Steckdose hat, an der er sein Gefährt aufladen könnte. Das ist ein guter Grund, sich in der Stadt kein solches Fahrzeug anzuschaffen, obwohl es eigentlich das ideale Vehikel dafür sein könnte. Die anderen kommen ­freilich in der Regel als Moped daher, das keine hohe Leistung braucht und daher mit vergleichsweise kleinen Akkupacks auskommt, in starken Rollern ist der schwergewichtige Energiespender dagegen fest eingebaut.

Seat geht aber einen eigenen Weg und packt die Lithium-Ionen-Batterie mit 51 Volt Nennspannung in eine Art Koffer, der mit den Maßen 33x27x44 Zentimeter fast noch als Handgepäck durchgehen könnte. Von leichtem Transport kann indessen keine Rede sein, das Paket mit einem Energiegehalt von nominell 5,6 kWh wiegt satte 41 Kilo und soll auch noch vorsichtig bewegt werden. Wer nicht jeden Tag Gewichte stemmt, wird das Trum nicht die Treppe hochbekommen, es sei denn im Aufzug. Das funktioniert tatsächlich, denn der Akku rollt auf Rädchen, die sich automatisch ausklappen, wenn er aus seiner seitlichen Führung herausgenommen wird.

Nach sechs Stunden an der Steckdose ist der Akku wieder voll

Dafür wird ein Hebel unter der Sitzbank gezogen, der das Paket entriegelt, und ein Tele­skopgriff herausgezogen wie beim Reisekoffer, der Akkupack lässt sich dann als Trolley bewegen, solange es eben ist. Ein Leuchtring zeigt Befindlichkeit und Ladezustand. Aufladen lässt sich selbstredend auch in eingebautem Zustand, das mitgelieferte Kabel mit 3-poligem Stecker für den Akku und Schuko 230 Volt netzseitig ist freilich recht kurz. Bei rund 600 Watt Ladeleistung ist der Akku in etwa sechs Stunden voll, das Messgerät zeigt dabei einen Tick mehr als 5 kWh an. Das Konzept bietet sich für ein Austauschsystem an, der relativ dicke Akku beschert dem Mo 125 zugleich interessante Reichweiten. Der Radnabenmotor hat 7 kW Dauer- und 9 kW Spitzenleistung, damit soll der 152 Kilo schwere Roller flott vorankommen, und zwar bis zu 137 Kilometer weit. Das kann sein. Freilich nur im Eco-Modus, der Spritzigkeit und Höchstgeschwindigkeit so arg dämpft, dass wir ihn nur empfehlen möchten, wenn es sonst mit dem Heimkommen knapp wird.

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Realistischer ist es, den Mo im Modus City zu bewegen. Der ist genau richtig für das komfortable Fahren in der Stadt und auf kurvigen Strecken über Land, der Motor spricht dabei sanft, aber direkt und kraftvoll an. In diesem Modus gibt es beim Gaswegnehmen keine Rekuperation, der Roller nutzt seinen Schwung und gleitet ohne nennenswerten Widerstand vor sich hin. Elektrische Energie zurückgewonnen wird trotzdem, und zwar beim Bremsen, der Übergang von Rekuperation zur bissigen Betriebsbremse vollzieht sich unmerklich. An jener gibt es nichts zu bemängeln, nur fehlt bisher ein ABS.

100 Kilometer Reichweite sind drin – sofern man sich die Autobahntour spart

Für schnelle Landstraßen und Autobahnen reicht der City-Modus nicht, dort wird die volle Leistung gebraucht. Sobald auf Sport umgeschaltet ist, wird das Ansprechen des Motors giftig, mit zurückgedrehtem Handgriff übt sich der Mo ebenso spontan in heftiger Rekuperation. So ist man sportlich und fast ruppig unterwegs, der Vortrieb endet freilich bei Lastwagentempo. Laut Hersteller werden in Eco 64 km/h erreicht, in diesem Modus rekuperiert der Mo übrigens sanft. In City werden 80 versprochen, und die erreichbare Endgeschwindigkeit wird mit 95 km/h angegeben. Tatsächlich wird flott die Anzeige 101 auf dem etwas tris­ten, aber informativen Display erreicht, auch bergauf fällt die Geschwindigkeit kaum ab.

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Der Tacho lügt. Tatsächlich war unser Testexemplar mit 87 km/h nicht schneller als ein gut gehender Lastwagen, Autobahnfahrten enden deshalb im Stress. Hinzu kommt ein Hitzeproblem, denn die arg klein geratene Warnleuchte blinkte trotz gemäßigter Temperaturen schon nach wenigen Kilometern, der Mo drosselt dann die Leistung. Das macht er auch, wenn der Inhalt des Akkus zur Neige geht, aber erst kurz vor Toresschluss. Die Reichweitenanzeige ist realistisch, sie rechnet den Modus ein. Unter voller Ausnutzung der Leistung kamen wir demnach 85 Kilometer weit, allerdings zeigt der Kilometerzähler rund zehn Prozent zu viel an. Bei überwiegendem Einsatz ohne Autobahn sind also mehr als 100 Kilometer Reichweite möglich, sie kosten etwa 1,50 Euro.

Das Fahrwerk ist über jeden Zweifel erhaben, auch Längsrillen bringen es nicht aus der Ruhe, indes ist es knochenhart, sodass man abgesenkte Kanaldeckel besser umschifft. Der Mo glänzt aber mit netten Details: Platz für zwei Helme unter der Sitzbank, einstellbare Handbremshebel, LED-Leuchten, USB-Steckdosen sowie eine App mit vielen Funktionen. Und als Schmankerl gibt es gar einen Rückwärtsgang.

Quelle: F.A.Z.
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Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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