Tipps für den E-Bike-Kauf

Pedelecs haben Rückenwind

Von Hans-Heinrich Pardey
Aktualisiert am 18.09.2020
 - 21:30
Wer ein E-Bike kaufen will, überlegt sich besser vorher, wo die Prioritäten liegen.
Die Zeit, ein Elektrorad zu kaufen, ist längst vorbei, oder noch nicht gekommen. Ob Sie Reste abstauben oder auf die Kollektion 2021 warten möchten – unser Autor hat Tipps für den E-Bike-Kauf.

Wer erst jetzt im Fahrradgeschäft eintrudelt, kann wähnen, er stehe an der Resterampe. Und so ist es auch: Nach einem Abverkauf 2020 wie selten einer war, stehen in manchen Läden wirklich nur noch vereinzelte E-Bikes. In großartiger Geschlossenheit hat das am Verreisen gehinderte Deutschland sein Urlaubsgeld in Elektrorädern angelegt. Testsieger und gut rezensierte Räder sind schon seit Monaten ausverkauft. Und in den Fachmedien und im Internet hat die Saison 2021 längst begonnen: Die Hersteller präsentieren ihre neuen Kollektionen – vorwiegend virtuell. In den Läden aber sind die Neuheiten noch nicht angekommen.

Wer in der Hoffnung auf Sommerschluss-Rabatte beim Händler auftaucht, erntet nur ein müdes Lächeln. Schnäppchen, die im Netz von den Versendern mit dick etikettierten Prozenten annonciert werden, entpuppen sich bei näherem Betrachten vielfach als Ladenhüter: schwer verkäufliche, weil wenig gängige Größen und Farben, nicht selten Exemplare vom Modelljahrgang 2019. Wer ein schon von den üblichen Influencern als Nonplusultra bejubeltes Rad der Saison 2021 haben will, wird vom Handel aufs Frühjahr vertröstet und zur Vorbestellung aufgefordert. Auch das kann schiefgehen, und das nicht nur in Zeiten brüchig gewordener Lieferketten: Pünktlich zum ersten, eher vage in Aussicht gestellten Liefertermin verkauft man sein bisheriges Bike, und wenn der Frühling richtig strahlt, steht man ohne Rad da. Das alte ist weg, und das neue kommt dann doch erst Ende Mai.

Akku mit wenigstens 500 Wattstunden als Basis

Ist ein brandaktuelles Modell zwingend? Jein, es kommt darauf an, was man wirklich will. Bei den Pedelecs, die auf dem Bautyp Trekkingrad beruhen, tut sich eher wenig. Die besonders billigen Exemplare im Bau- oder Technikmarkt werden mit einem chinesischen Frontmotor und einem Akkupack im Gepäckträger gestrickt. Ganz abgesehen von den quer durchs Fahrrad zu führenden Kabeln ist das keine fürs Fahrverhalten vorteilhafte Gewichtsverteilung. Aber: In dieser Konfiguration lässt sich einfach eine Rücktrittbremse realisieren. Man ist gut bedient, wenn man zum Beispiel einen neueren Bosch-Motor der Active Line und einen im Unterrohr des Rahmens verbauten Akkupack wählt. Ein kompakter und leiser Motor und ein Akku mit wenigstens 500 Wattstunden sind unabhängig von der Marke eine solide Basis. Wegen 5 Newtonmeter mehr dem einen Antrieb den Vorzug zu geben, ist Unsinn. Von den 80 oder 85Nm eines Mittelmotors geht auf dem Weg bis zur Hinterradnabe sowieso ein erklecklicher Teil verloren. Der rund ums Tretlager verbaute Motor dominiert zwar den Markt, wer es aber besonders leise und unauffällig mag, macht mit einem Motor im Hinterrad nichts verkehrt.

Jenseits der Basisausstattung beginnt der Komfort. Zum Beispiel die Kombination aus Elektroantrieb und elektrisch betätigter Schaltung oder Automatik. Aus einer Hand kann man das von Shimano bekommen. Es funktioniert klaglos, macht Radfahren noch etwas bequemer, ist aber nicht besonders sportlich. Wer auf Radreise gehen möchte, wird der Konnektivität mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Wahl, wovon man sich am Lenker leiten lassen möchte, hängt ab vom persönlichen Geschmack und dem bereits vorhandenen Equipment. Ob man sein Smartphone in ein Dock steckt oder im Trikot stecken lässt, damit es über Bluetooth mit dem Display kommuniziert, oder ob man ein zum Motor gehörendes Display mit eigenem GPS oder aber ein dezidiertes, nicht mit dem Antrieb, vielleicht aber mit dem Telefon verbandelbares Navi benutzt, das gibt viel Stoff zum Nachdenken.

Leichtes Sportfahrrad oder doch lieber SUV-Bike?

Dank der Vielfalt der Bauformen kann man für jeden Zweck ein spezielles Elektrorad finden, vom Kinder-Mountainbike angefangen bis zum elektrischen Leichtkraftrad der 45-km/h-Klasse für den Berufspendler. Das wird häufig als ein Moped-artiger Geschwindigkeitsrausch beschrieben. Ob man aber mit einem schnellen E-Bike wirklich glücklich wird, hängt nicht zuletzt von der Art der zurückzulegenden Strecken ab. Dauernd mit Gehupe auf den Radweg gescheucht zu werden, wo man innerstädtisch gar nicht hingehört, macht nicht viel Spaß. Der ist dagegen garantiert, wenn man ein rennradartiges Bike wählt, das unbekümmert um die Reichweiten-Angst mit einem kleinen, leichten Motor und einem ebensolchen Akkupack fürs Fahren ohne und nur gelegentlich mit Motor konzipiert ist.

Sozusagen am anderen Ende der Leistungs- und Gewichtsskala rangiert die eierlegende Wollmilchsau, die tatsächlich auf den Namen SUV- Bike getauft wurde: ein vollgefedertes Mountainbike gemäßigt sportlicher Rahmengeometrie mit Licht und Gepäckträgern, die nicht vor einem Wocheneinkauf samt einem Kasten Sprudel zurückschrecken. Das kann sogar schick aussehen, nur möchte man so ein robustes Ding für Lasten und Gelände nicht jeden Tag über die Kellertreppe schleifen müssen.

Zu guter Letzt das immer wieder heftig diskutierte Thema: Die Nachrüstung eines geliebten Fahrrads mit einem Elektroantrieb bleibt ein eher steiniger Weg. Wirklich eine Stange Geld sparen lässt sich kaum, die Auswahl an Motoren ist bescheiden. Und wenn man nicht selbst schrauben möchte, findet man nur schwer einen fachkundigen Nachrüster.

Quelle: F.A.Z.
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