Ausziehbares Armband aus Gold

Eine federschwere Dehnsportaufgabe

Von Holger Appel
11.04.2021
, 15:59
Die Schmuckmanufaktur Wellendorff erfindet ein ausziehbares Armband aus Gold. Der Clou: Einen elastischen Stahlkern braucht es dafür nicht. Der elegante Schwung, ganz in Gold, vollzieht sich auf anderem Wege.

Georg Wellendorff ist ein fröhlicher Kerl mit dem unprätentiösen Habitus des Familienunternehmers. Aber er ist eben Unternehmer, weiß also um die Gefahr von Stillstand und die Notwendigkeit von Innovation. Setzt er sein spitzbübisches Lächeln auf, ahnt das Gegenüber: Ihm und seinen beharrlichen Goldschmieden ist wieder mal ein kleiner Coup gelungen. Es folgt eine dieser Fragen. „Welches Schloss ist das beste der Welt?“

Es hilft, in diesem von Blamagemöglichkeiten nicht ganz freien Moment zu wissen, dass die Pforzheimer Schmuckmanufaktur vor einiger Zeit ein goldenes Armband mit einer nahezu unsichtbaren Faltschließe entwickelt hat. Deren Kombination aus federndem Schloss, Lamellen und filigranen Kufen ist eine wohl einzigartige Technik, nach menschlichem Ermessen nicht weiter zu verfeinern. Es sei denn durch Weglassen. „Gar kein Schloss“ ist denn die passende Antwort, die auch die Wellendorffs über die vergangenen Jahre beschäftigt hat.

Wie aber gelangt ein Goldarmband ohne Schloss an den Arm der Dame, ohne je seine Form einzubüßen? Gold an sich hält oder bricht, dehnen mag es nicht. Das Grundgesetz der Branche ist „der Brepohl“, und wenn wir auf den gefühlt 1000 humorfrei bedruckten Seiten über „Theorie und Praxis des Goldschmieds“ nichts übersehen haben, ist dort von federnden Armbändern keine Rede. Solcherart Hindernisse spornen die Wellendorffs gemeinhin an, also haben sie sich und ihren Meistern in der Manufaktur die Denksportaufgabe gestellt, es doch irgendwie hinzubekommen. Das hat wie üblich eine Weile gedauert. Und ist ganz offenbar gelungen.

Inspiriert von komplexer Medizintechnik

Schmuckstücke, die federn, haben gewöhnlich einen Stahlkern, was selbstredend nicht in Frage kam. In den vergangenen 128 Jahren haben sich die Pforzheimer einiges an Wissen über thermische Aushärteprozesse zugelegt, das hier zum Einsatz kommt. Ohne Details zu verraten, spricht Wellendorff von Inspiration aus der Medizintechnik und einem Zusammenspiel aus Legierung, Druck, Temperatur und Verformung des Materials.

Das Armband habe eine Seele, es sei innen härter als außen, was wichtig ist, damit es sich sanft an die Haut schmiegt. Jedenfalls lässt es sich mit zwei Fingern überraschend weit auseinanderziehen und in zwei oder drei Schleifen um den Unterarm legen, wo es seine kreisovale Ursprungsform wieder annimmt. Der Vorgang sieht federleicht aus, das Schmuckstück indes wiegt schwerer in der Hand, besteht es doch aus 18 Karat Gold, wahlweise zusätzlich besetzt mit Brillanten. Die Länge ist vorgegeben, es gibt die Größen L, M oder S.

Bis zu 121.000 Euro kostet ein Armband

Gefertigt wird die „Umarme mich“ getaufte Serie in Gelbgold oder Weißgold oder in einer Verbindung aus beidem. Das pur gehaltene Einstiegsmodell kostet 9200 Euro, je nach Zugabe von Weißgold und Brillanten reicht die Preisspanne der sieben angebotenen Varianten bis 121.000 Euro.

Genau genommen, gibt es noch eine achte Variante, die aber nur einmal. Um zu zeigen, was möglich ist, hat Wellendorff ein Exemplar aus Gelbgold gefertigt, es rundum mit 141 Brillanten besetzt und an der Spitze einen Schlangenkopf, bestehend aus einem lupenreinen 8-Karat-Diamanten in Tropfenschliff, eingefasst. Der Stein stammt aus Südafrika, der Schliff aus Amsterdam, das Finish aus Pforzheim, so geht deutscher Mittelstand heute. 532.000 Euro wären dafür anzulegen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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