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Für Freiheit, gegen Panikmache

Jetzt erst recht zur IAA!

EIN KOMMENTAR Von Holger Appel
 - 13:38
Nur auf der IAA sind so viele Autos zum Greifen nahe.

Jede Nation wäre stolz auf eine solche Industrie: Sie ist innovativ, gibt Millionen Menschen Arbeit, ihre Produkte sind die besten der Welt und überall begehrt. Doch Deutschland hat es geschafft, das Ansehen seiner Autobranche im eigenen Land an die Wand zu fahren. Amerika, China, Japan, ja sogar Frankreich schauen dem Treiben staunend zu und lachen sich ins Fäustchen.

Die Selbstzerstörung hat ihren Kern im Diesel-Betrug von Volkswagen, damit aber nur noch wenig zu tun. Längst ist die Dynamik eine eigene. Organisationen wie die Deutsche Umwelthilfe, aber auch Politiker und manche Medien befördern den Niedergang mit Fleiß. Die Hersteller erweisen sich derweil als unfähig, dem Überzeugendes entgegenzusetzen. Sie wissen selbst nicht, wohin.

Das gilt für die Art künftiger Antriebe, aber auch für den Kontakt zum verunsicherten Kunden, der nicht mehr weiß, was er kaufen soll. Die Konzerne verabschieden sich von Zeitungsanzeigen, von Messen und vom Autohaus. Stattdessen versuchen sie über bezahlte Advertorials, Google oder Facebook, über eigene Social-Media-Kanäle oder Youtuber eine unkritische Masse anzurühren. Pop-up-Stores und Angebote wie Audi on demand in Kooperation mit Sixt tragen Existenzangst in den protestierenden Handel.

Friedliche Demonstranten und militante Chaoten

Keine Frage, die Branche verändert sich, doch wenn niemand Genaueres kennt als ein CO2-Klimaziel, ist jede Entscheidung mit enormen Risiken behaftet; von protektionistischen Tendenzen in einigen Ländern und schwelenden Handelskonflikten ganz zu schweigen. Unternehmer reagieren auf Unsicherheit mit Zurückhaltung, sie investieren weniger und stellen weniger Personal ein, was allerorten schon zu spüren ist. Nun treten auch noch friedliche Demonstranten und militante Chaoten auf den Plan, Hundertschaften der Polizei werden in den kommenden Tagen die Frankfurter IAA sichern.

In diesem Umfeld eine Messe von Weltgeltung auszurichten ist eine Herausforderung der besonderen Art. Der ausrichtende Verband der Automobilindustrie hat mit zwei Dutzend Absagen namhafter Hersteller zu kämpfen, die Hallen sind bei weitem nicht ausgelastet und werden mit zweitklassigen Veranstaltungen aufgefüllt, die der Verband als Vorwärtsstrategie zu verkaufen versucht.

Ressourcenverbrauch muss sinken

Die Messe sei kein glitzerndes Autohaus mehr, sondern jetzt ein Ökosystem der Mobilität. Man darf gespannt sein, ob das aus der Not geborene Konzept aufgeht. Als Messlatte dürfen etwa 750.000 Besucher in den kommenden zwölf Tagen gelten.

Inmitten der Aufgeregtheit täte es gut, innezuhalten. Das Auto hat Deutschland Wohlstand gebracht – und bringt ihn noch immer. Es ist Garant individueller (Bewegungs-)Freiheit, deren Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der technische Fortschritt macht das Auto besser, sicherer, umweltfreundlicher; es zu dämonisieren ist falsch. Sein Ressourcenverbrauch muss sinken, darüber besteht Einigkeit; wenn die neuen Diesel von VW, Mercedes oder BMW Stickoxid (NOx) in Mengen ausstoßen, die kaum noch messbar sind, so ist das ein eindrucksvoller Beweis für die richtige Richtung.

Als Feindbild taugt der Diesel nicht

Um eine Zahl zu nennen: Die neuen Motoren emittieren in Passat und Golf oder der C-Klasse von Mercedes etwa 20 mg/km NOx. Die vom kommenden Jahr an stufenweise greifende weitere Verschärfung des Grenzwerts erlaubt 120 mg/km; vor kurzem bliesen manche Personenwagen noch mehr als 500 mg hinaus. Die Flottenerneuerung ist also der Königsweg zu sauberer Luft, als Feindbild taugt der Diesel nicht mehr. Im Gegenteil. Geht es um den anderen „Schadstoff“ CO2 und dessen rasche Verringerung, wie in Paris vereinbart, muss auf eine Renaissance des sparsamen Diesels gehofft werden.

Oder auf einen enormen Aufschwung der Elektromobilität. Auf der IAA sind entsprechend viele elektrifizierte Fahrzeuge zu sehen. Der Schub kann einsetzen. Es kann aber auch sein, dass die Menschen nicht mitziehen, weil ihnen höherer Anschaffungspreis, beschränkte Reichweite, lange Ladezeiten und das Hantieren mit Kabeln unattraktiv erscheinen – und der Strompreis in Deutschland prohibitiv hoch ist. Dass Elektromobilität ohne Subventionen noch nicht wettbewerbsfähig ist, lässt sich gut in China beobachten, das gern als Vorbild genannt wird. Mit der Rücknahme der Förderung sinkt dort der Absatz.

Wollen wir etwa zurück zur Kernkraft?

Die deutsche Industrie kennt die Gefahr, ihr drohen bei Verfehlung des Klimaziels hohe Strafzahlungen. Sie fordert deshalb eine Million öffentliche Ladepunkte binnen zehn Jahren, derzeit gibt es 20.650. Damit ist es natürlich nicht getan. Es müssen zudem mehrere Millionen Ladesäulen an Häusern und Wohnungen installiert werden, was die Frage nach der Stromversorgung aufwirft und die nach der Energieerzeugung. Nichts wäre gewonnen, wenn der Strom aus fossilen Quellen stammte. Oder wollen wir etwa zurück zur Kernkraft?

Auf alle Unwägbarkeiten in einer neu sensibilisierten Gesellschaft wird die IAA keine einfachen Antworten finden. Aber vielleicht schafft sie es, dass die Menschen wieder mehr Träume als Albträume haben, Vertrauen in Technik zurückgewinnen, ein Zeichen für Freiheit und gegen Bevormundung und Panikmache setzen. Dafür lohnte sich ein Besuch in Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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