Zeitenwende in der Branche

Trübe neue Autowelt

Von Ilka Kopplin
12.09.2019
, 09:41
Lange Zeit kannte die Autoindustrie nur eine Richtung – bergauf. Das ist zum diesjährigen Beginn der IAA anders. Demonstranten protestieren, allseits herrscht Unsicherheit. Für die Branche sind die fetten Jahre vorbei.

Glanz und Glitzer, Glamour und Geld – über viele Jahre hat die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) die neuesten Flitzer mit viel Prunk und Protz präsentiert. Das Auto, ein Statussymbol, das Auto, eine Technikmaschine – eben viel mehr als ein reines Fortbewegungsmittel. Viele Jahre lang ging es für die Autoindustrie schließlich auch nur in eine Richtung, nämlich bergauf. Seit einiger Zeit hat sich das jedoch geändert. Die Unsicherheiten aus unterschiedlichen Richtungen nehmen in Deutschland wie auf der Welt zu – und belasten die Branche.

Hierzulande zeigt sich das nicht zuletzt in der Messestadt Frankfurt selbst. In Zeiten von Greta Thunberg und anderen Klimaschützern haben sich verschiedene Gruppen mit Demonstrationen angekündigt – von der Fahrraddemo bis hin zur Blockade. Waren schon immer einige Aktivisten vor Ort, so sind es dieses Mal groß angelegte Aktionen.

Auch ein Vorfall im Frankfurter Umland Kronberg, wo Randalierer vor einigen Tagen mehr als 40 Luxusautos auf dem Gelände eines Autohauses zertrümmerten, hat aufgeschreckt. Nicht zuletzt die angekündigten Demonstrationen am ersten Wochenende, an dem die Messe für das breite Publikum geöffnet ist (14. und 15. September), haben den Lobbyverband VDA wohl dazu bewogen, mit den Klimaschützern noch im Vorfeld der Messe in eine öffentliche Debatte über die Mobilität der Zukunft zu gehen – ein Novum.

Auch aus Sicht der Autofahrer hat sich vieles verändert. Wer kann schon sicher sagen, in welchen Städten künftig noch welche Autos einfahren dürfen? Die deutsche Autoindustrie hat mittlerweile erkannt, dass sich nach Dieselbetrug und Fahrverboten in zig deutschen Städten der Zeitgeist verändert hat. Zumindest ist die Verunsicherung der Menschen groß und einige wechseln: So fuhren im Juli dieses Jahres rund 110.000 E-Autos auf deutschen Straßen, ein Plus von 63 Prozent zum Vorjahr. Allein in diesem August wurden 5000 Stück neu zugelassen.

Zugegebenermaßen ist die Zahl nur ein Bruchteil im Vergleich zu 31 Millionen Benzinern. Auch werden die Verkäufe durch die Elektro-Prämie der Bundesregierung gestützt. Aber dennoch: „Wir werden dieses Jahr auf der IAA E-Autos von den etablierten Herstellern sehen, die der Kunde direkt im Anschluss kaufen kann. Bisher wurde vielfach von einem Durchbruch gesprochen, der sich dann aber vorerst in Studien und Konzeptfahrzeugen wiederfand“, sagt auch Axel Schmidt, Fachmann für die Autoindustrie der Beratung Accenture.

Als Kunde habe man erstmals eine signifikante Auswahl, was sich auch auf den Absatz auswirken werde, ist sich der Fachmann sicher. Nach Angaben des Lobbyverbands VDA investiert jedenfalls allein die deutsche Autobranche in den nächsten drei Jahren 40 Milliarden Euro in die Elektromobilität, bis zum Jahr 2023 soll das Portfolio auf 150 Modelle verfünffacht werden.

Das Geld sitzt nicht mehr locker

VW, BMW & Co. werden ihren Fokus also insbesondere auf neue Technologien legen, um Besucher zu locken. Allerdings werden auch die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Messe selbst deutlich geschrumpft ist: Anstatt knapp 1000 Ausstellern wie vor zwei Jahren sind es in diesem Jahr nur noch rund 800 Unternehmen – große Konzerne wie Toyota, Renault oder Fiat-Chrysler verzichten gar ganz oder zumindest auf einen eigenen Stand.

Auch die Fläche ist um 16 Prozent auf 168.000 Quadratmeter geschrumpft, Daimler, BMW und andere haben mit ihrem Auftritt deutlich abgespeckt. Das ist zwar auch darin begründet, dass der klassische Messeauftritt im digitalen Zeitalter in der Autobranche wie auch anderen Industrien zunehmend um seine Daseinsberechtigung kämpft.

Allerdings sitzt auch das Geld dieser Tage eben nicht mehr so locker. Dieselbetrug, milliardenschwere Investitionen in Elektromobilität und autonomes Fahren belasten die Budgets – eine schwächelnde Weltkonjunktur tut ihr Übriges. Zahlreiche Autokonzerne und Zulieferer haben ihre Prognosen für das Jahr gesenkt.

Hat der Handelskrieg Einfluss auf den deutschen Automarkt?

Die Aussichten für die kommenden Monate bleiben auch recht düster: Der deutsche Lobbyverband sieht die globalen Verkäufe in diesem Jahr um 4 Prozent auf 81 Millionen Stück zurückgehen. „Es wird zwar kein brillantes Jahr, aber von einer Rezession wie 2008 kann man dennoch nicht reden. In diesem und dem nächsten Jahr erwarten wir eher eine Seitwärtsbewegung“, beschwichtigt hingegen Fachmann Schmidt. Erst einmal zeigen die Prognosen für dieses Jahr jedoch nach unten: In Europa wird das Minus mit einem Prozent noch recht mäßig ausfallen.

In Amerika werden die Verkäufe wohl um 2 Prozent sinken. Der bedeutendste Faktor ist China: Der weltgrößte Einzelmarkt wird wohl um 7 Prozent auf knapp 22 Millionen verkaufte Autos schrumpfen. „Die Zeiten des prozentual zweistelligen Wachstums kommen so schnell nicht wieder. Das war maßgeblich durch China getrieben“, sagt Schmidt. Im Juli ist der dortige Autoabsatz im Vergleich zum Vorjahresmonat um 5,3 Prozent auf 1,51 Millionen gefallen. In den vergangenen 14 Monaten hat China damit den dreizehnten Absatzrückgang verzeichnet.

Es ist insbesondere der Handelskrieg mit Amerika, der sich auf das Portemonnaie der Menschen auswirkt. „Gerade der schrumpfende chinesische Markt hat einige Anbieter auf dem falschen Fuß erwischt. Das passt nicht zu den optimistischen Planungen vieler Unternehmen, die auf weiteres Wachstum gesetzt hatten. Die Situation in China wird also immer ungemütlicher“, sagt auch Peter Fuß, Auto-Fachmann der Beratung EY.

Vor allem die französischen und amerikanischen Konzerne hatten das zuletzt zu spüren bekommen. Die deutschen Hersteller konnten sich im Vergleich hingegen noch recht gut schlagen. Der Handelskrieg wirkt sich zwar zunehmend auf das Kaufverhalten der Chinesen aus, insbesondere auf das der Landbevölkerung und bisher weniger auf das der Oberschicht, die die ausländischen Premiummarken fahren.

Die deutschen Hersteller fertigen größtenteils vor Ort und sind bisher weniger vom Handelskrieg betroffen. Eine Herausforderung sind allerdings die SUVs, die oftmals in Amerika produziert und von dort nach China exportiert werden – und damit chinesischen Sanktionen auf importierte amerikanische Fahrzeuge unterlägen. „Wenn der Handelsstreit mit Amerika weiter eskaliert, wird das auch die deutsche Autoindustrie verstärkt zu spüren bekommen“, mahnt Fuß.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kopplin, Ilka
Ilka Kopplin
Redakteurin in der Wirtschaft.
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