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IAA

Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

Von Paula Lochte
Aktualisiert am 15.09.2019
 - 16:52
Der elektrische Taycan von Porsche: Die meisten Besucher müssen sich vorerst mit einem Foto begnügen.zur Bildergalerie
Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

Es gibt sie noch. Die Frauen und Männer, vor allem Männer, die Autos umkreisen. Die über den Lack und die Nähte am Lenkrad streichen. Die den Geruch nach neuem Leder und Kunststoff einsaugen, der noch ungetrübt ist von Babykotze, Schweiß oder Duftbäumchen. Und deren Vorstellungskraft ausreicht, um sich in einer Messehalle hinter das Steuer zu klemmen, Spiegel und Sitz anzupassen – und so zu tun, als brausten sie mit mehr als 300 Kilometern pro Stunde über die Autobahn. „Man muss doch noch träumen dürfen“, sagt einer der Messebesucher, der mit Sohn und Enkel gekommen ist. Und: „Der ganze Elektrokram nervt mich tierisch, ich glaube da nicht dran.“

Den Elektrokram haben die Automobilhersteller in diesem Jahr in die ersten Reihen ihrer Stände in der Frankfurter Messe gestellt. Noch bis Ende kommender Woche überbieten sie sich auf der Internationalen Automobilausstellung gegenseitig mit ökologischen Superlativen. „Elektroautos für alle“ verspricht Volkswagen, während Ford den „meistelektrifizierten SUV“ anpreist. Porsche wiederum präsentierte zur Eröffnung am Donnerstag der Bundeskanzlerin stolz seinen elektrischen Sportwagen Taycan. Angela Merkel quittierte die Lobhudelei mit einem trockenen: „Okay, ich hatte nicht vor, einen zu kaufen.“

Auch Diesel und Benziner sind noch da

Die IAA steht 2019 im Zeichen der Klimakrise. Es hat Tradition, dass Umweltaktivisten gegen die Automesse protestieren, doch allein die Kundgebung vor dem Messegelände am Samstag, an der sich laut Veranstaltern rund 25000 Leute beteiligten, zeigte: Der Protest hat eine neue Dimension erreicht. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive; allerdings stehen auf der Messe hinter den Reihen der Elektroautos und Hybride weiterhin Diesel und Benziner, einige mit der schlechtesten Kohlendioxid-Effizienzklasse G. Und die Messebesucher scharen sich auch oder gerade dann um SUVs und Coupés, wenn auf deren Dach eine Greenpeace-Aktivistin steht und diese mit knallgelbem Plakat als „Klimakiller“ brandmarkt.

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Demos und Proteste zur IAA
„Es muss ein Umdenken her“

Dabei war das Messeformat schon wenn nicht für tot, so doch zumindest für überholt erklärt worden: 800 Aussteller auf einer Fläche von 24 Fußballfeldern klingt zwar beachtlich – doch vor zwei Jahren waren es noch tausend auf einem größeren Gelände gewesen. In diesem Jahr sagten hingegen reihenweise Autohersteller ab, darunter die französischen Marken Peugeot und Citroën, außerdem Suzuki, Subaru und Toyota aus Japan oder auch der britische Luxushersteller Rolls-Royce. Es hieß, die Zeiten der klassischen Produktschauen seien vorbei und Autohersteller zu Anbietern von Mobilitätslösungen geworden.

Auf der IAA sind die Stände, über denen verheißungsvolle Begriffe wie „New Mobility“ oder „Connectivity“ stehen und an denen vor allem geredet wird, dennoch nicht die Publikumsmagneten. Das bleiben Autos, die man anfassen und in denen man Probe sitzen kann. Die Besucher stört nicht, dass genau wie früher Neuwagen präsentiert werden, sondern dass es nicht mehr sind: „Schade, dass es so leer ist dieses Jahr – aber toll ist es trotzdem“, ist immer wieder zu hören. Erwachsene freuen sich über formvollendete Leistungsträger, pubertierende Jungs setzen sich in kaum bezahlbare Sportwagen, und Kinder staunen über Fahrzeuge ohne Lenkrad. Dazu Dolby-Atmos-Sound wie im Kino. Die Brust vibriert bei so viel Bass.

Es geht um Sinnlichkeit, Ästhetik und pures Vergnügen. Das Auto scheint im Menschen einen Spieltrieb zu befriedigen. Am unmittelbarsten lässt sich das bei Mercedes beobachten. Der Hersteller erschafft auf der IAA nicht nur „immersive Erlebnisräume“ und wirbt kryptisch für eine „Entschleunigung der Beschleunigung“ durch sein „Energizing-Paket“ – er widmet auch einen ganzen Themenraum seinen Rennwagen. An der Wand hängt ein Formel-1-Auto, gegenüber steht ein Fahrzeug, das aus „Krieg der Sterne“ stammen könnte; beides sind bei den Messebesuchern beliebte Fotomotive.

Das Highlight thront in der Mitte des Raumes, es sind zwei Fahrgestelle vor einer Computersimulation: Einmal Lewis Hamilton sein, das wollen viele. Eine Schlange bildet sich. Ein Mann im beigen Anzug und sein etwa zwölfjähriger Sohn mit ähnlicher Brille und ähnlicher Frisur sind endlich dran. Beim virtuellen Rennen steuern sie im Sitzen mit einem echten Lenkrad, die Hosenbeine rutschen nach oben. Nach dem Rennen klopfen sich Vater und Sohn gegenseitig auf die Schulter. Schwer zu sagen, wer von beiden mehr strahlt.

Väter und Söhne, häufig im Partnerlook

Überhaupt haben viele Messebesucher ihre Kinder dabei. Die Automesse als Initiationsritual: Während die kleinen Kinder zu Hause bleiben oder bei der Kinderbetreuung der Messe warten, dürfen die größeren mitkommen. Meist ist es ein Gespann aus Vater und Sohn, häufig im Partnerlook: großer blauer Anzug, kleiner blauer Anzug; Pullis auf breiten und schmalen Schultern, die Ärmel vorne zu einem Knoten gebunden. Der Dresscode ist gehoben, dem Konfirmandenanzug verhilft die Automesse zu einem zweiten Auftritt.

Die Väter und Söhne zeigen sich gegenseitig ihre Lieblingsautos und fachsimpeln. Oft tauschen sie die Rollen. Dann sitzt das Kind am Steuer und der Vater auf dem Beifahrersitz. Den gutaussehenden Hosts und Hostessen, die auch ungefragt Produktinformationen geben und zu Probefahrten verführen, sagen die Väter dann: „Wenn er achtzehn ist, will er genau so einen Wagen fahren.“ Die Liebe zum Auto ist Familienangelegenheit, weitergegeben von Mann zu Mann. Wobei die Ausdauer, die es braucht, um die sieben Hallen der Automesse zu durchlaufen, trainiert sein will. Je später der Tag, desto müder werden die Kinderaugen, während die Augen der Väter immer noch leuchten.

„Jedes Auto ist gefährlich“

Wie zu groß geratene Kinder stehen die Erwachsenen auch auf der Agora, dem „Marktplatz“ in der Mitte der Messehallen. Zwischen Essensständen und mobilen Bars ist unter freiem Himmel ein Hindernisparcours für SUVs und Geländewagen aufgebaut worden. „Schließlich werden die Fahrzeuge im Alltag nur selten artgerecht bewegt“, heißt es auf der IAA-Website zur Begründung. Da würden vielleicht auch die vor den Türen der Messe protestierenden Umweltschützer zustimmen, die seit jeher fragen, welches Gelände es in der Stadt zu überwinden gilt, das die Breite und den Spritverbrauch eines SUV rechtfertigen würde.

Auf der Automesse müssen die Wagen mit Allradantrieb hingegen Schotterpisten, Schlaglöcher, extreme Steigungen und Schrägen überwinden. Am Steuer sitzen Profis, alles andere wäre zu gefährlich. Doch wer will, kann mitfahren und testen, wie es sich anfühlt, wenn – so beschreibt es einer der Fahrer – ein Geländewagen „sein Beinchen hebt“ (Antwort: in etwa wie in einem Kirmesfahrgeschäft). Nach einer Fahrt über den Hindernisparcours sagt ein schüchterner Wirtschaftsstudent, er könne sich gut vorstellen, sich eine Tages einen SUV zuzulegen. „Die aktuelle Diskussion ist totaler Quatsch“, meint er. „Jedes Auto ist gefährlich, und ein Sportwagen verbraucht auch viel Sprit.“ Also wenn, dann alle Spritfresser verbieten? Seine Antwort fasst das zentrale Prinzip der Automesse und der Liebe zum Auto zusammen: „Wo bliebe da der Spaß!“

Quelle: F.A.S.
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