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TV-Kritik: „Maybrit Illner“

Von Autohassern und Volkserziehern

Von Christoph Schäfer
 - 02:48
Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über die Zukunft der Autoindustrie

„Klima, Pendler, Arbeitsplätze – der Kulturkampf ums Auto“, lautete das Thema der jüngsten Diskussionsrunde von Maybrit Illner. Und, man kann es nicht anders sagen: Zu dieser Sendung kann man die Kollegen vom ZDF nur beglückwünschen. In der Woche der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt und wenige Tage vor dem großen Klimagipfel im Kanzleramt hatten sie ein hoch aktuelles, wichtiges Thema gesetzt. Auch die Gästeliste versprach Spannung: In den Ring stiegen VW-Chef Herbert Diess, die radikale Klimaaktivistin Tina Velo, Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und der ebenso bekannte wie unausweichliche Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer.

Das größte Konfliktpotential war zwischen Diess und Velo zu vermuten. Der Autoboss preist sich und seinen Konzern derzeit auf allen Bühnen für Volkswagens Schwenk zur Elektromobilität. Vor drei Tagen stellte er in der offiziellen Weltpremiere einen Hoffnungsträger seines Konzerns vor, den vollelektrischen ID3.

In Fahrt ist auch Tina Velo, Klima-Aktivistin und Sprecherin der Initiative „Sand im Getriebe“. Sie und ihre Mitstreiter wollen am Sonntag die Zugänge zur IAA blockieren, um gegen die „internationale Propagandashow für Dreckschleudern“ zu protestieren. Den Ton hatte Velo ebenfalls vor drei Tagen gesetzt, als sie gegen „eine hochgradig kriminelle Autoindustrie“ lederte und gegen „völlig unfähige Verkehrsminister, ein mafiös gestricktes Konglomerat“.

Erstaunlicherweise blieben beide Protagonisten in der Sendung deutlich zurückhaltender, als bei dieser Vorgeschichte zu erwarten war. Diess nutzte die Chance, um Berichte über neue Abgasmanipulationen bei Dieselwagen zurückzuweisen („Gott sei Dank ist nichts dran an der Geschichte“). Auch unternahm er drei oder vier Anläufe, um für den sparsamen Kleinwagen VW Up und für den neuen ID3 zu werben, ersparte sich und den Zuschauern aber vollmundige Werbesprüche seines Konzerns wie den von der „neuen Ära des elektrischen Fahrens“.

„SUV sind scheiße gefährlich“

Auch Velo hielt sich erstaunlich zurück. Natürlich wetterte sie gegen SUVs („Die Dinger sind scheiße gefährlich und gehören nicht auf die Straße“) und warb dafür, „Autos zurückzudrängen“. Den Vorwurf der „kriminellen Autoindustrie“ oder etwas anderes in dieser Preisklasse wiederholte sie jedoch nicht.

Dafür drehten mit CDU-Mann Kretschmer und Grünen-Politiker Hofreiter zwei andere Protagonisten überraschend schnell auf Kollisionskurs. Während Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag die Klimakrise noch als „Menschheitsherausforderung“ bezeichnete, deren Bekämpfung viel Geld kosten werde, machte ihr sächsischer Parteifreund gleich in den ersten Sendeminuten klar, wo seine Prioritäten liegen: „Ich bin ein begeisterter Autofahrer und ich stehe zum Diesel, das ist eine wunderbare deutsche Technik.“ Er habe einen 10 Jahre alten Diesel zu Hause „und er fährt, und er fährt, und er fährt“.

Hofreiter hingegen präsentierte sich in seiner ersten Einlassung wesentlich weniger zufrieden: „Wir haben schon so viele Zusicherungen der Autoindustrie bekommen und dann hat es am Ende leider nie gestimmt.“

Diese gegensätzliche Weltanschauung zog sich durch die gesamte Sendung. Nachdem ein extrem tendenziöser Einspieler des ZDF das Thema SUV einläutete („Sie sind schwer, schnell und tödlich“ und „für Leute, die gerne auf Stadtsafari gehen“), erklärte Kretschmer: „Ich freue mich, dass wir über große SUV debattieren. Dann haben wir in Deutschland keine anderen Probleme, dann geht es uns gut.“

Hofreiter sah das anders. Er fand, dass die 3 bis 4 Prozent sehr großen SUV auf Deutschlands Straßen sehr wohl ein Problem seien. „Das höre ich überall: Das sind nur 3-4 Prozent. Das sagt auch die Flugwirtschaft, da sind dann auch 3 bis 4 Prozent und dann noch woanders 3 bis 4 Prozent und am Ende haben wir unsere Lebensgrundlagen zerstört.“

Streit um den Stadtpanzer

Einen Konsens darüber, ob SUV verboten gehören oder zumindest die besonders großen vielleicht doch, brachte die Runde nicht hervor. VW-Chef Diess wies darauf hin, dass manche besonders großen Modelle ohnehin nur in Nordamerika verkauft würden, Klima-Aktivistin Velo will die schweren und hohen „Stadtpanzer“ hingegen lieber gestern als morgen aus der Stadt werfen.

Nicht einig wurde sich die Gruppe auch in der Gretchenfrage, inwieweit die Deutschen künftig auf ein eigenes Auto verzichten müssen. Für Kretschmer eine absurde Forderung: „Eine kleine Gruppe erhebt sich hier über die anderen und will Autos verbieten.“ 68 Prozent der Deutschen lebten im ländlichen Raum, die brauchten die individuelle Mobilität. Alles andere sei „eine Illusion“.

Moderatorin Illner ergriff die Gelegenheit und leitete zu einem vorher ausgewählten Zuschauer im Studio über. Zu Gast war Ibrahim Gaddar, ein Optiker aus Castrop-Rauxel, der jeden Tag insgesamt 120 Kilometer zur Arbeit hin und zurück fährt und dafür angeblich oder tatsächlich 4 Stunden braucht (was eine durchschnittliche Fahrtgeschwindigkeit von 30 Kilometern je Stunde bedeuten würde). Gaddar sagt, dass er sein Auto brauche, weil er sich nicht auf unzuverlässige Busse und Bahnen verlassen könne. Er habe drei Kinder, die wolle er nach Feierabend auch mal sehen. Erwartungsgemäß spricht sich der Langstreckenpendler auch gegen höhere Benzinpreise aus, wenn auch mit besonders markigen Worten: „Einem Politiker, der Schuhe für 600 Euro anhat und einen maßgeschneiderten Anzug, dem ist es egal, ob der Sprit 15 Cent teurer ist oder nicht.“ Bei ihm, Gaddar, komme es am Ende des Monats aber auf jeden Cent an.

„Wir dürfen hier nicht Volkserzieher spielen“

Jeder in Illners Runde wollte dem armen Pendler helfen, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. VW-Chef Diess schlug Gaddar vor, ein preisgünstiges VW-Elektroauto zu leasen. Klimaaktivistin Velo empfahl, die Bahn auszubauen und günstiger zu machen. Kretschmer wiederum lehnte strikt ab, Autobesitzer zusätzlich zu schröpfen. „Wir dürfen hier nicht Volkserzieher spielen“, konstatierte er. Auch wenn das „für die Grünen schwer zu ertragen“ sei. Nötig sei vielmehr, die Infrastruktur auszubauen.

Der konservative Politiker, der seit zwei Wochen in Sachsen eine neue Regierung mit SPD und Grünen aushandeln muss, hat dafür drastische Vorschläge im Gepäck. Damit Straßen, Radwege und Bahnstrecken künftig wesentlich schneller gebaut werden, sollen aus dem Planungsrecht „die Verbandsklagen weg, die ganzen Umweltverträglichkeitsprüfungen weg“. Und dann ging Kretschmer frontal auf Hofreiter los: „Das sind Ihre Leute, die das alles reinverhandelt haben und die so neue Projekte verhindern.“

Die folgenden Wortbeiträge, sehr viele Sätze, gehen im Tumult unter. Als es wieder verständlich wird, dreht sich die hitzige Diskussion um die Frage, warum manche ICE-Strecke eine Bauzeit von 30 Jahren hatte. Kretschmer sagte, weil immer neu geplant werden musste (woran sinngemäß die Öko-Fritzen der Grünen mit ihren Kröten-Zählungen schuld sind). Hofreiter entgegnete, es gab schlicht zu wenig Geld für neue Trassen (woran die verblendeten Verkehrsminister der Union schuld sind).

Genau wie all die anderen Fragen konnte die Runde auch das Rätsel der 30-jährigen Bauzeit nicht lösen. Unterhaltsam war es trotzdem.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schäfer Christoph
Christoph Schäfer
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.
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