Nicht mehr als 30

Irrflug

EIN KOMMENTAR Von Hans-Heinrich Pardey
24.09.2021
, 09:56
Tempo 30 flächendeckend - das kann heiter werden. Erfahrungen mit einer Farce von Verkehrsberuhigung.

Die Stadt – beileibe keine Me­tropole, ein beschauliches Landstädtchen mit Schloss, Park und aufsuchenswerten Konditoreien – diese Stadt hat in der Vergangenheit alle verkehrspolitischen Mo­den mitgemacht. Aus dem kleinen Zen­trum mit Riesenparkhaus führt schnurgerade eine breite Straße hi­naus Richtung Autobahn. Als es schick war, Radwege auf dem Trottoir farblich abzusetzen, bekam die Straße einen solchen. Als Kreisverkehre aufkamen, musste an einer der wenigen Kreuzungen gleich einer sein. Die Ausfallstraße verläuft entlang eines Wohnviertels, das man früher als bürgerlich bezeichnet hätte.

Heute wirkt es so, als werde hier von wohlsituierten Bewohnern mit Mehrheit grün gewählt. Vielleicht hängt es damit zu­sammen, dass diese Straße zur Tempo-30-Zone erklärt wurde. Konsequenzen: Die Teilung des mehr als aus­reichend breiten Bürgersteigs wurde aufgehoben, die blau-weißen Radwegschilder verschwanden. Bis zum Ortsausgangsschild sollen Radfahrer auf der Fahrbahn unterwegs sein. Da­nach beginnt ein begleitender Radweg neben der Straße. Kein Mensch fährt hier 30 km/h, die rasenden Boten ha­ben Mühe, die Höchstgeschwindigkeit nicht allzu offensichtlich zu überschreiten. Gelegentlich steht eine vier­rädrige Registrierkasse in dezentem Anthrazit mit dem roten Blitz am Straßenrand.

Aber das ist bald wieder vergessen. Wer hier Fahrrad fährt, weicht tunlichst auf den Bürgersteig aus. Da wird er von Senioren mit der Gehhilfe angefuchtelt. Solch eine Farce von Verkehrsberuhigung täglich zu erleben berechtigt zu den schönsten Hoffnungen für den Fall, dass die in diesem Wahlherbst wieder hervorgekramte Forderung nach flächendeckender Einführung von Tempo 30 verwirklicht werden sollte.

Quelle: F.A.Z.
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