Amerikanische Autohersteller

Die neuen Big 3

Von Thomas Geiger
07.12.2021
, 15:19
General Motors, Ford und Chrysler: Einst bestimmten die großen Drei den Takt der amerikanischen Autowelt. Nun geben Tesla, Lucid und Rivian den Ton an.
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Coole Cafés, lässige Frühstückskneipen, hippe Mo­de­geschäfte, Biosupermärkte und Designermöbel – wer die neuesten Trends in Los Angeles sucht, findet sie rund um den Abbot-Kinney-Boulevard in Venice. Um so irritierter bleibt der Flaneur vor der Fabrikzeile stehen, in der sich ein auf Hochglanz polierter Pick-up sonnt. Im Rest der USA mögen Pritschenwagen das Straßenbild bestimmen, doch hier an der kalifornischen Küste darf es doch lieber ein Mercedes sein, ein Porsche oder natürlich ein Tesla.

Indes ist das Schaustück kein gewöhn­licher Pick-up. Das, was im sogenannten Community Space ausgestellt und schon frühmorgens von Dutzenden Besserverdienern bestaunt wird, ist ein Rivian R1T, der sich drei Jahre nach dem Debüt der ersten Studie zu so etwas wie dem iPhone unter den Pritschenwagen gemausert hat: Er sieht cool aus, fährt mit seinem Elek­troantrieb clean – und ist ab­solut angesagt. Anders als der noch spektakulärere Cybertruck von Tesla ist der R1T sogar lieferbar. Während Elon Musk seinem Zeitplan hinterherhinkt, hat Rivian die ersten Hundert Exemplare des bis zu 800 PS starken und auf Reichweiten von über 600 Kilometer ausgelegten Hightech-Lasters schon auf den Straßen. Und es werden täglich mehr. Die Fabrik hat eine Kapazität von 150.000 Autos pro Jahr, und in den Orderbüchern stehen angeblich 50.000 Interessenten, die für die erste Serie, die stolze 75.000 und später immer noch mindestens 67.500 Dollar bezahlen müssen.

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Begeistert sind aber nicht nur die Be­steller, sondern mehr noch die Bör­sianer. Denn kaum wurde das mit Unter­stützung von Amazon aufgepäp­pelte Start-up erstmals an der Wall Street ge­listet, schoss Rivians Wert in die Höhe. Mit zeitweise über 130 Milliarden Dollar wurde der Neueinsteiger bisweilen höher gehandelt als BMW, VW und Daimler.

Damit folgt die Firma aus Plymouth in Michigan dem Vorbild Teslas. Denn im Jahr 15 nach der Premiere des Roadsters, damals noch ein in Handarbeit umgebauter Lotus Elise – wird Firmenchef Elon Musk als Messias der Mobilitätswende gefeiert, seine Firma ist der wertvollste Autohersteller der Welt. Dass die Firma noch keinen Zeitplan eingehalten hat, scheint die Analysten so wenig zu stören wie die minimalen Gewinne.

Ist Tesla deshalb überbewertet? Nicht, wenn man anschaut, was Elon Musk mittlerweile geschafft hat. Tesla betreibt oder baut Gigafactories auf allen drei Kontinenten mit einem nennenswerten Automobilmarkt. Sie werden in diesem Jahr wohl trotz Corona und Chipkrise eine knappe Million Fahrzeuge aus­stoßen. Niemand hat ein dichteres Ladenetz, und der Marktanteil steigt. Gefühlt ist das Tesla Model 3 auf den Straßen von Los Angeles mittlerweile präsenter als jeder Toyota, in Deutschland ist das Mo­del 3 dem VW Golf im September ge­fährlich nahegekommen.

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Der ausstehende Pick-up ist da noch gar nicht berücksichtigt. Doch während zwischen Tesla und Rivian wohl bald der Kampf um die Gunst der Siedler der Neuzeit entbrennen wird, macht sich be­reits ein dritter Newcomer stark: Lu­cid. Das vom einstigen Tesla-Manager Peter Rawlinson geführte Unternehmen aus Newark in Kalifornien hat vor wenigen Tagen mit der Auslieferung der ersten Lucid Air begonnen, die sich in der PS-Pyramide ganz oben einsortieren: Fast 1100 PS leistet der mindestens 169.000 Dollar teure Erstling und lässt mit bis zu 830 Kilometer Reichweite alle anderen Elektroautos alt aussehen. In schneller Taktung sollen weitere und vor allem billigere Modelle folgen, mit denen Lucid erst Masse und dann Kasse machen will. An der Börse wurden sie zwischenzeitlich mit einem Wert von 60 Milliarden Dollar gehandelt.

Tesla an der Schwelle zum etablierten Hersteller, Rivian mit einem gigantischen Börsenwert und Lucid womöglich vor dem Höhenflug – so haben die drei elektrischen Disruptoren Amerika „great again“ gemacht. Ganz nebenbei haben sie die alte Ordnung der amerikanischen Autowelt auf den Kopf gestellt und die Dinosaurier aus Detroit entmachtet. Wer heute von den „Big Three“ spricht, meint nicht General Motors, Ford und Chrysler.

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Das lassen sich die Alten so einfach ge­fallen? Es wirkt fast ein bisschen so. Stellantis jedenfalls hat sich im Rennen um neue Technologien schon lange verabschiedet, und General Motors teilt mit dem Volt und dem Bolt das Schicksal, das BMW mit dem i3 und i8 ereilt hat: Diese frühen Elektroautos waren ihrer Zeit vo­raus und fahren dem Markt nun hinterher. Einzig Ford ringt noch um An­schluss und hat dabei noch ein As im Är­mel: Den F-150 Lightning, die elek­tri­fizierte Version des legendären Pick-ups. Von 40.000 Dollar an teuer und für bis zu 480 Kilometer Reichweite ausgelegt hat dieses Auto das Zeug zum „Game Changer“. Man fragt sich, warum Ford davon im ersten Jahr nur 15.000 und später 80.000 Exemplare bauen will, wo doch schon jetzt 150.000 Reservierungen vorliegen. Der elektrifizierte Bestseller wird Ford vielleicht nicht zu alter Stärke führen, aber zumindest zurück ins Spiel bringen.

Dumm nur, dass es auf dem Spielfeld immer voller wird. Denn Rivian und Lu­cid schwimmen nicht allein in Teslas Fahr­wasser. Mindestens ein halbes Dutzend mehr oder minder junger Start-ups versucht es Elon Musk gleich zu tun und hofft auf einen Höhenflug erst an der Böse und dann in den Zulassungsstatis­tiken. Henrik Fisker zum Beispiel, der Designer des BMW Z8 und des Aston Martin DB9, will es nach der Pleite mit dem Karma jetzt noch einmal wissen und hat zum wiederholten Mal den Ocean angekündigt, der als elektrisches Crossover im Stil des Audi E-Tron vom Band laufen soll. Es gibt Canoo und Bollinger, und auf der LA Auto Show hat sich Edison Future ebenfalls mit einem elektrischen Pick-Up samt Solarzellen in der Ka­rosserie ins Gespräch gebracht.

Und selbst die deutschen Solartüftler von Sonos wollen es jetzt mit Geld von der Wall Street wissen, haben ihren Sion an die Börse gebracht und sich über einen kumulierten Kurswert von etwa zwei Milliarden Euro gefreut. Ob es allerdings alle Hersteller schaffen, die in sie gesetzten Hoffnungen zu erfüllen, wird sich zeigen müssen. Selbst der Besucherandrang im coolen Rivian Space in Venice ist dafür offenbar kein Garant. Denn nur einen Steinwurf entfernt hat vor fast 15 Jahren schon einmal eine Automarke den Aufbruch in eine neue Welt versucht: Mit dem Smart-House wollte Daimler die Amerikaner davon überzeugen, dass ein cooler Kleinwagen „the next big thing“ sein könnte. Die Designervilla war über Wochen gut besucht und der Testwagen ständig unterwegs. Doch der Erfolg der Kampagne war eher bescheiden. Nicht nur in Amerika ist der Smart längst Ge­schichte, sondern auch bei uns wird er bald eingestellt.

Quelle: F.A.S.
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