Automotive-Experte Dallara

Fixe Rechner für flotte Autos

Von Michael Kirchberger
22.09.2020
, 10:07
In 3,2 Sekunden von 0 auf 100: Dallara Stradale
Mit Supercomputern drücken die Entwickler des Automotive-Experten Dallara aufs Tempo. Die 660 Mitarbeiter der Hightech-Werkstatt arbeiten unter anderem für die Serienfertigung von Audi, Bugatti, Maserati oder Porsche.
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Dallara wer? Kaum ein Automobil-Fan kennt diesen Namen. Dabei entwickelt Dallara die Basis für die Rennserie der Formel E, deren sich die Teams von Audi bis Porsche bedienen. Das Automotive-Unternehmen aus der Nähe von Parma, an den Osthängen des Apennin, gehört zu den Pionieren im Automobilbau. Die 660 Mitarbeiter der Hightech-Werkstatt arbeiten unter anderem für die Serienfertigung von Audi, Bugatti, Maserati oder Porsche, auch die Motorradmarke Ducati gehört zum Kundenstamm.

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Die Geschichte von Dallara beginnt 1959. Unternehmensgründer Giampaolo Dallara geht zu Ferrari, wird später Chefingenieur bei Maserati und gehört 1966 zum Entwicklungsteam des legendären Lamborghini Miura. Kooperationen mit Fiat und Ferrari, Toyota und Honda folgten, der Formel-1-Zirkus war das Spielfeld der enthusiastischen Italiener. Auch andere Autolegenden wie der Fiat X 1/9 oder der KTM X-Bow gehen auf das Konto der Ideenwerkstatt.

Bei diesen und anderen Entwicklungen zählt vor allem die Zeit. Nicht nur jene, die für das schnelle Absolvieren einer Runde auf der Rennstrecke vergeht, auch die, in der Projekte von der Idee bis zur Umsetzung in die Realität vorangetrieben werden. Ohne Computer geht das schon lange nicht mehr. Und ähnlich wie die Börsenmakler und Investment-Banker ihre Rechner in größtmöglicher Nähe zum nächsten Zugangspunkt zur Datenleitung positionieren, um den Vorsprung von wenigen Hundertstelsekunden für höhere Profite zu nutzen, setzt auch Dallara auf schnellste Supercomputer und Simulationen. In Varano de’ Melegari arbeitet im konstant auf 20 Grad temperierten Hochsicherheitstrakt ein maßgeschneiderter Next-Scale-M5-Rechner mit Intel-Xeon-Prozessoren des Computerspezialisten Lenovo und einem Arbeitsspeicher von 258 Terrabyte. Zehn weitere Server gehören zur Anlage.

Zeitgewinn ist kaum mit Geld aufzuwiegen

Fünf bis sechs Millionen Euro kosten die Rechner, doch der Zeitgewinn ist kaum mit Geld aufzuwiegen. Früher war für Entwicklungen stets aufwendiger Modellbau notwendig. Heute arbeiten die Ingenieure mit komplexen Rechenmodellen und dem Computer. Das Geschäftsmodell des Unternehmens folgt dabei einer sehr einfachen Richtlinie. „Was wir beim Motorsport lernen, verkaufen wir als Consultant an die Kunden“, sagt Gründer Giampaolo Dallara.

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Und dies überaus erfolgreich. Bei den amerikanischen Indy-Car-Rennen hat das Unternehmen die Pole-Position gewissermaßen abonniert. Audi profitierte in der ehemaligen DTM vom Knowhow der Italiener, und über die Formel 3 kam Dallara schließlich in die Formel E. Die Geschäfte gehen gut, die Mitarbeiterzahl hat sich seit 2006 mehr als versechsfacht. Man expandierte ständig, bis Corona kam. Die Aufgaben für Automobilhersteller werden zunehmend komplexer, Homologationen und Zertifizierungen spielen nicht allein bei der Abgasgesetzgebung eine Rolle, das Regelwerk für straßenzugelassene Fahrzeuge ist vom einstigen Broschürenformat längst zur regalfüllenden Wälzersammlung geworden.

Hohes Rechentempo ließe auch Fehler zu

Per Overgaard, Chef der europäischen Abteilung von Lenovo, macht den Bedarf an Rechnern in der Autoindustrie bildhaft. Die großen Hersteller würden mit jeder Neuentwicklung einen weiteren Superrechner in Betrieb nehmen, um den Zeitaufwand vom ersten Bleistiftstrich bis zum Serienanlauf im Rahmen des Finanzierbaren zu halten. Dennoch kommen sie ohne die Kooperationen mit Spezialisten wie Dallara nicht aus. Das hohe Rechentempo ließe auch Fehler zu, denn in diesen Fällen müsse man nicht wie früher ganz von vorne beginnen.

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60 Prozent der Kräfte bei Dallara bündelt der Motorsport. Entwicklungen im Kundenauftrag machen den Rest aus. Sie setzen sich vor allem aus drei Schwerpunkten zusammen. Der Leichtbau durch Karbonfaser wird nicht nur für Automobile perfektioniert, sondern auch für die Flugzeugindustrie vorangetrieben. Die aerodynamischen Eigenschaften der Chassis-Konstruktionen erforschen die Ingenieure im eigenen Windkanal. Darin lässt sich auch untersuchen, welchen Einfluss die Räder haben, sobald sie sich drehen, und wie sich die Belastungen auf das Chassis auswirken. Die Fahrdynamik kommt nach aller Rechnerei ebenfalls auf den Prüfstand. Die Fahrzeiten im Simulator sind allerdings für jeden einzelnen Testfahrer limitiert, schließlich kann das eindrucksvolle Gewirr von Hydraulikarmen und Elektromotoren eine Beschleunigung bis zu zwei G erzeugen.

Die Motorenentwicklung überlässt man jedoch den anderen. Das gilt auch für das einzige Eigengewächs, das Dallara selbst produziert. Den Dallara Stradale gibt es als Barchetta, also ohne Türen und Frontscheibe, als Roadster mit Windschutzscheibe, als Targa und als Coupé mit Flügeltüren. Für den Antrieb sorgt ein aufgeladener Vierzylinder-Benziner mit 2,3 Liter Hubraum. Der stammt von Ford und bringt es im Mittelmotor-Wagen der Italiener auf runde 400 PS und 500 Newtonmeter Drehmomentspitze zwischen 3000 und 5000 Umdrehungen in der Minute. Das alles wirkt weitaus munterer als höhere Leistungen in anderen Sportwagen, denn der Stradale kommt auf ein Leergewicht von nur rund 850 Kilogramm. 280 km/h sind als Höchstgeschwindigkeit möglich.

Eine Straßenzulassung hat der Zweisitzer zwar, gebaut wurde er jedoch für die Rennstrecke. In Varano de’ Melegari gibt es passenderweise eine: das Autodromo Riccardo Paletti, kaum einen Steinwurf vom Werk entfernt. Dort können Kunden ihren mindestens 190 000 Euro kostenden Sportler erstmals ausführen. Sie werden zu keiner Zeit das Gefühl erleiden müssen, untermotorisiert unterwegs zu sein. Wer nicht zu den Fahrtwind-Fanatikern gehört und gerne den Komfort einer Windschutzscheibe in Anspruch nehmen will, hat dafür gut 16 000 Euro Aufpreis zu zahlen.

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Wer einen Stradale begehrt, muss nicht nur solvent sein, sondern auch Geduld haben. Seit Ende 2017 produziert Dallara den Stradale, zwei Exemplare entstehen in einer Woche. Die Auflage ist auf 600 Fahrzeuge limitiert, und es wird keinen einzigen mehr geben, wie Giampaolo Dallara überzeugend anmerkt. Die Erstausgabe hat er vor gut zwei Jahren höchstpersönlich erhalten, als Geschenk zu seinem 81. Geburtstag.

Am Ende unseres Besuches in der Emilia Romagna nimmt uns der Grandsigneur der Motorsportentwicklung noch mal zur Seite. Würden wir ein Auto bauen, was wäre uns lieber, ein Kilogramm weniger oder zwei PS mehr, fragt er. Als wir das Mindergewicht wählen, strahlt er: „Buona decisione.“ Eine gute Entscheidung.

Quelle: F.A.S.
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