Bell 525

Ein Helikopter nicht nur für Polizisten

Von Jürgen Schelling
17.04.2021
, 09:08
Die neue Bell 525 soll so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau unter den Hubschraubern der Super-Medium-Klasse sein. Ob sie für die Bundespolizei fliegen wird, ist noch ungewiss.

Unter den Hubschraubern des amerikanischen Herstellers Bell gibt es zwei Klassiker, die selbst Laien geläufig sind. Das ist zum einen die legendäre UH-1 von Militär und Rettungsdiensten; den Spitznamen „Teppichklopfer“ erhielt der bauchige Ein-Turbinen-Helikopter wegen seines einzigartigen Fluggeräuschs. Und dann der deutlich kleinere Jet Ranger 206, von 1967 bis 2010 in mehr als 6000 Exemplaren gebaut und bis heute als robustes Allroundtalent noch weltweit im Einsatz. Das war gewissermaßen die gute alte Zeit für Bell. 2021 stehen dem zum amerikanischen Konzern Textron gehörenden Hersteller mit Airbus Helicopters und Leonardo gleich zwei schwergewichtige europäische Konkurrenten im Markt ziviler Hubschrauber gegenüber. Wohl auch deshalb hat Bell bei der Entwicklung des neuen Modells 525 mit „einem weißen Blatt Papier“ angefangen, wie Jonathan Castorena, Manager für die deutschsprachigen Länder bei Bell, hervorhebt. Das soll übersetzt heißen, dass kein altes Muster modifiziert und ausgereizt wurde, sondern alle Komponenten neu entworfen wurden.

Von Beginn an, so erklärt Castorena, habe Bell potentielle Kunden nach ihren Wünschen und Vorstellungen gefragt, um einen Hubschrauber zu bauen, der exakt den Erfordernissen künftiger Nutzer in der Super-Medium-Klasse bis zehn Tonnen Abfluggewicht entsprechen sollte. Mitten in Berlin wurde nun die erste 525 vorgestellt: Das Unternehmen will die Entscheidungsträger von Politik und Polizei in der Bundeshauptstadt überzeugen, dass sein neuer Helikopter perfekt als künftiger Drehflügler für die Gesetzeshüter wäre. Denn in den kommenden Jahren soll die Helikopter-Flotte der Bundespolizei, bisher aus vier Typen bestehend, gestrafft und auf nur zwei Muster vereinheitlicht werden.

Für das größere Modell, also einen Hubschrauber der Zehn-Tonnen-Klasse, steht daher wohl demnächst ein Auftrag von 40 Exemplaren mit etwa einer Milliarde Euro Beschaffungskosten an. Bell würde den bisherigen Platzhirsch bei der Bundespolizei-Flotte, Airbus Helicopters, bei dieser Ausschreibung gerne ausstechen. Es gibt die Bell 525 aber auch in einer VIP-Version, als Such- und Rettungshubschrauber oder als Versorgungshelikopter für Offshore-Plattformen und mit bis zu 19 Passagiersitzen.

Ein Manko: Noch hat die Bell 525 keine Zulassung durch die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA. Die ist aber nach Castorenas Worten noch in diesem Jahr zu erwarten. Erst danach prüft die europäische Agentur für Flugsicherheit EASA die Bell 525. Üblicherweise erhalten amerikanische Hubschrauber-Muster etwa ein Jahr nach der amerikanischen auch die europäische Musterzulassung. Die Entwicklung der Bell 525 hat sich deutlich verzögert. Ein Prototyp stürzte 2016 ab, beide Testpiloten kamen dabei ums Leben. Das warf das gesamte Programm zurück.

Die Bell 525 weist zwei wesentliche technische Neuheiten in der Drehflüglerbranche auf. Sie ist der erste zivile Helikopter, der mit Fly-by-wire-Technologie fliegt. Und sie hat erstmals Sidesticks anstelle des sonst üblichen Steuerknüppels. Das bedeutet eine Umstellung für routinierte Berufspiloten, denn nur solche werden eine Bell 525 fliegen. Gut 80 Jahre lang galt es als ehernes Gesetz bei in Serie gebauten Helikoptern, dass sich der Steuerknüppel zwischen den Knien des Piloten befindet und mit der rechten Hand bedient wird. Der Collective Pitch, also der Hebel für die Verstellung der Rotorblätter, ist hingegen immer links neben dem Sitz angeordnet und wird mit links bedient. Bei der Bell 525 dagegen liegt der rechte Arm des Piloten auf einer kleinen Auflage, davor der Sidestick, vergleichbar einem Airbus-Flugzeug.

Erstmals in einem zivilen Modell verwendet

Auch der Collective-Pitch-Hebel ist wesentlich kleiner als in herkömmlichen Modellen. Dadurch ist laut Bell das Steuern einfacher und weniger anstrengend. Tests im Simulator hätten gezeigt, dass sich Piloten rasch an die neue Art der Steuereingabe mittels Sidestick gewöhnten. Eine mechanische Verbindung zu den Steuerelementen im Rotorkopf gibt es nicht mehr, durch Fly-by-wire werden alle Steuereingaben elektronisch übertragen. Das System ist dreifach redundant abgesichert. Bell hat mit dieser Technologie große Erfahrung in seinen militärischen Helikoptern, verwendet sie in der 525 aber erstmals in einem zivilen Modell.

Die Bell 525 bietet eine hohe Geschwindigkeit. Fast 300 km/h sind für einen Helikopter ein hervorragender Wert, dazu trägt das einziehbare Radfahrwerk bei. Eine maximale Reichweite von 1074 Kilometern ermöglicht das Erreichen nahezu jedes Punkts in Deutschland mit einer Tankfüllung. Besonders wichtig für Piloten hingegen ist ihre Arbeitsbelastung im anspruchsvollen Einsatz. Deshalb soll ein speziell auf Helikopter abgestimmtes Avioniksystem vom Typ 5000H des Herstellers Garmin mit vier großen Displays die beiden Piloten während des Flugs unterstützen. Ein Vier-Achsen-Autopilot übernimmt vor allem im Reiseflug das Fliegen und entlastet so die Crew. Dieser Autopilot ist komplexer als der eines Airliners, weil ein Helikopter in der Luft stillstehen oder sogar rückwärts fliegen können muss. Eine äußerst großzügige Verglasung des Cockpits soll zudem hervorragende Sichtverhältnisse bei Start und Landung gewährleisten.

Um den Lärmpegel zu senken, hat die 525 erstmals in der Bell-Firmengeschichte einen Fünfblattrotor erhalten. Und um bei jedem Wetter einsatzbereit zu sein, ist eine Enteisung für Rotorblätter und Heckrotor vorgesehen.

Betriebs- und Unterhaltskosten der 525 sollen unter denen vergleichbarer Konkurrenten wie etwa H215 von Airbus Helicopters oder AW189 von Leonardo liegen, wie Bell verspricht. Das liege auch daran, dass der Helikopter via Satellit wichtige Daten schon im Flug an den Betreiber senden könne. Ähnliche Systeme nutzen Airlines für ihre Verkehrsflugzeuge. Damit können während des Flugs etwaige Wartungserfordernisse erkannt und direkt nach der Landung vorgenommen werden.

Quelle: F.A.Z.
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