Unterwegs in einem Campervan

Bescheidenheit ist eine Zier

Von Boris Schmidt
30.06.2022
, 10:07
Ist ein Campervan tatsächlich groß genug für entspanntes Reisen und Wohnen unterwegs? Das kommt wie so oft auf die Ansprüche an. Erfahrungen mit dem Bürstner Campeo 600 C Black Forest.
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Den Einstieg in die Welt des Caravanings stellen neben den klassischen VW-Bus-Formaten die Campervans da, umgebaute Lieferwagen, in deren Blechhülle Fenster geschnitten werden und die innen entsprechend ausgebaut sind. Sie machen zurzeit gut die Hälfte des Absatzes an Neufahrzeugen aus. Sechs Meter Außenlänge sind ein gutes, kompaktes Maß und stellen Neulinge nicht zu sehr auf die Probe, wenn es um das Beherrschen und Parken geht. Auch der beschriebene Bürstner Campeo Black Forest ist ein solcher Sechs-Meter-Van. Es gibt ihn aber auch mit einer Länge von 6,40 Meter. Ein klassisches Wohnmobil-Maß sind sieben Meter.

Wir geben zu, bisher nie mit weniger als mit diesen sieben unterwegs gewesen zu sein, da genießt man den Komfort einer Heckgarage für die Fahrräder und schläft längs und nicht quer. Kleiner heißt bescheidener, und das muss zunächst nichts Schlechtes sein. Doch die Campervans haben hinten noch ihre Flügeltür aus ihrer ehemaligen Bestimmung als Lieferwagen, im Unterschied dazu sind klassische Wohnmobile hinten geschlossen. Steht die Flügeltür offen, blickt man auf die Liegefläche in halber Höhe, darunter ist Platz fürs Gepäck.

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Auf dem Bett könnten Kinder bis zu einer Größe von 1,55 Meter längs schlafen, zwei Erwachsene kommen quer gut zurecht. Größer als 1,90 Meter sollte man nicht sein. Nachteil: Ohne den anderen zu stören, ist ein nächtliches Aufstehen kaum möglich. Das Bad ist in Fahrtrichtung gleich links. „Kleiner als eine Flugzeugtoilette“, maulte die Partnerin. Aber es ist sehr funktional. Die Falttür lässt sich schließen, wenn man auf dem Örtchen sitzt, Duschen klappt besser als gedacht. Das Wasser wird schön warm, nur ist der Strahl etwas schwach. Generell gilt es, sehr organisiert zu sein, weil sonst ein Zusammenleben schnell im Chaos endet.

Knapper Stauraum bei längeren Reisen

Rechts neben dem Bad steht ein halbhoher, kleiner Schrank für drei bis vier Jacken. Für längere Reisen fällt der Stauraum knapp aus. Im „Schlafzimmer“ gibt es noch vier kleine Hängeschränke, zwei weitere finden sich oben an der Küche, die mit drei großen Schubladen unter dem Zweiflammenherd- und der kleinen Spüleinheit genug Stauraum für Kochutensilien und Vorräte bietet. Auch der Kühlschrank, der den Küchenblock abschließt, hat ein feines Maß (90 Liter). Die Tür öffnet in Fahrtrichtung, das mag man einerseits als Nachteil empfinden, andererseits kann man so von außen (Schiebetür rechts) nach einem Getränk greifen.

Gegessen wird an einem kleinen Tisch direkt hinter dem Fahrersitz mit zweisitziger Bank in Fahrtrichtung. Platz ist aber hier nicht wirklich, zwei weitere Mitfahrer, die sich hier anschnallen könnten, sitzen sehr steil. Wie üblich, sind die vorderen Sitze drehbar, der Tisch lässt sich etwas verschieben und mit einer zweiten Ebene erweitern. Diese Möglichkeit nutzt man schon zu zweit gern. Wer zu viert auf sechs Metern unterwegs sein will, müsste sich schon gut verstehen. Ein weiteres Paar könnte oben schlafen. Für üppige 6166 Euro Aufpreis schneidet Bürstner ein Loch ins Dach, das sich dann nach oben klappen lässt. Seitlich falten sich Stoffwände auf, fertig ist ein weiteres Doppelbett. Eine Leseleuchte und eine Lademöglichkeit fürs Handy fehlen nicht. Nach oben geht es per Leiter. Ein fünfter Schlafplatz ließe sich aus der Essecke bauen, die Polster dazu (392 Euro) müssten freilich mit auf die Reise, und Platz ist nun mal rar. Unbedingt nötig ist ein Fahrradträger. Die Räder im Innenraum mitzunehmen kann nur eine Notlösung sein. Das Bett klappt zur Seite, Polster und Rost werden links und rechts festgezurrt, die Räder könnten stehend transportiert werden, wenn da nicht Tisch und Stühle fürs Outdoor-Erlebnis im Weg wären. Ganz zu schweigen von der Kabeltrommel für den elektrischen Anschluss auf dem Campingplatz. Und die Leiter muss auch noch irgendwo hin. Oder man legt die Räder aufs Bett. Auch nicht ideal.

Das Gelingen eines Camperurlaubs steht und fällt mit dem Wetter. Stehen sieben Sonnen am Himmel, hält man sich draußen auf, eine Markise (1485 Euro extra) spendet Schatten. Dann ist die Größe der mobilen Wohnung zweitrangig. Loben muss man die leistungsstarke Truma-Heizung, die auch im frischen April für wohlige Temperaturen sorgte und schnell das Wasser erwärmte. 100 Liter Frischwasser können an Bord, jedoch sollten während der Fahrt maximal 20 Liter gebunkert sein. Jeder Liter zu viel ist unnötiger Ballast. Einen vollen Brauchwassertank, er fasst 90 Liter, spazieren zu fahren verbietet sich von selbst. Um das sogenannte Grauwasser abzulassen, muss mit einem Maulschlüssel der Ablass links hinten geöffnet werden. Das macht man auf dem Campingplatz und niemals einfach auf der Straße.

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Kapitän der Landstraße

Letztlich haben sechs Meter Länge auch ihren Vorteil: beim Fahren. Zwar sind sechs Meter nicht die 4,50 Meter eines Mittelklasseautos, aber dennoch relativ kompakt. Die Sitzhöhe mag ungewohnt sein, aber sie schafft eine gute Übersicht, man darf sich ein bisschen als Kapitän der Landstraße fühlen. Der Campeo, dessen Beiname „Schwarzwald“ irreführend ist, weil die qualitativ ansprechende Inneneinrichtung kaum an eine rustikale Stube erinnert, basiert auf dem Citroën Jumper, der aufs Engste mit dem Fiat Ducato verwandt ist. Der bewährte 2,2-Liter-Turbodiesel leistet 140 PS, was fürs Vorankommen ausreicht. Üppig ist die Leistung freilich nicht, am Berg hat der Fahrer mit dem manuellen Sechsganggetriebe zu arbeiten, das sich etwas teigig schaltet. Auf der Autobahn sollen 160 km/h möglich sein, schneller als Richtgeschwindigkeit sind wir aber nie gefahren. Das bevorzugte Marschtempo auf 1700 absolvierten Kilometern betrug 110 km/h, mit dem Durchschnittsverbrauch von 9,5 Liter Diesel auf 100 Kilometer kann man zufrieden sein.

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Auch Campervans kosten neu rund 50.000 Euro und mehr, dieses Modell verlangt ohne Extras nach 49.700 Euro. Das gefahrene Exemplar kam auf 69.230 Euro. Wer ausprobieren möchte, wie er mit einem Wohnmobil zurechtkommt: Der Campeo kann direkt bei Bürstner gemietet werden, je nach Saison kostet das zwischen 75 und 136 Euro am Tag. Für eine Kaufentscheidung ist das zu empfehlen. Unser Fazit: Bescheidenheit ist eine Zier, doch bequemer ist es ohne ihr.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmidt, Boris
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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