Trendurlaub Camping

Premiere im Wohnmobil

Von Daniel Mohr
09.11.2020
, 15:37
Campingurlaub soll ja in Corona-Zeiten ideal sein. Warum also nicht mal mit der Familie ausprobieren, wie das geht? Unterwegs mit dem Weinsberg Carasuite 700 ME von Knaus Tabbert.

Die erste Fahrt im Wohnmobil endet auf einer Wiese. Nach wenigen Kilometern. Wieso war denn auch die Ortsausfahrt Büchlberg gesperrt? Und das Navi wusste nichts davon. Und leitet uns danach auf schmale Feldwege im Bayerischen Wald? Also klarer Beschluss: Wendemanöver, bevor gar nichts mehr geht. Mit 7,41 Meter Länge. Auf drei Meter breitem Weg. Dank an die Wiese, die den großen Wendekreis möglich macht und nicht so matschig war, dass die Reise hier schon geendet hätte.

Denn wir wollten schließlich einen coronaidealen Herbsturlaub machen – kontaktarm, flexibel, zum ersten Mal im Wohnmobil. Der Härtetest zum Einstieg gelingt. Noch vor Einbruch der Dunkelheit steht der Weinsberg Carasuite 700 ME des Herstellers Knaus Tabbert auf dem Campingplatz des Ferienhofs Schiermeier am Südrand des Bayerischen Waldes.

Drei andere Wohnmobile sind noch da, wo sich im Sommer Dutzende Camper tummeln. Die Kinder sind begeistert. Es gibt Ziegen, Ponys, Katzen, einen kleinen Hund.

Der Bauer hilft mit der Gießkanne

Damit die Freude anhält, gilt es, das Wohnmobil zu beheizen. Schließlich pendelt sich die Außentemperatur hier Anfang Oktober bei acht Grad ein und die Vermutung liegt nahe, dass die Innentemperatur bald nicht viel höher sein wird. Zwei Gasflaschen stehen parat und lassen sich wie bei der Übergabe beschrieben in Gang setzen. Für einen technischen Laien ein Erfolgserlebnis. Der Anschluss der Stromkabel klappt nicht ganz wie erläutert, funktioniert aber. Ein Wasserschlauch fehlt allerdings. Erfahrene Camper werden so etwas immer dabeihaben. Wir nicht. Aber mit einer geliehenen Gießkanne des Bauern lässt sich der Frischwassertank füllen, so dass das Wasser fürs Erste reicht.

Der Beginn der Reise ist ein Anpassungsprozess. Zwei Erwachsene und drei Kinder im Alter von acht Jahren, sechs Jahren und knapp zwei Jahren müssen sich auf etwa zwölf Quadratmeter Wohnfläche arrangieren. Anfangs wundert man sich, dass dies manchen Leuten wirklich Spaß machen kann und sie das als Urlaubsform wählen. Den ersten Quadratmeter nehmen ja allein unsere matschigen Schuhe in Beschlag.

Ein Schwebebett über dem Küchentisch

Später entspannt sich die Lage etwas. Erstaunlich viele Regalfächer werden nach und nach entdeckt. Und die Profis haben natürlich üppige Vorzelte zur Wohnraumerweiterung. Die Kochsituation muten wir uns nicht zu. Ein Pizzadienst sorgt für das Abendessen. Die Schlafsituation ist für die Kinder herrlich. Im hinteren Teil des Weinsberg findet sich über die volle Breite des Wagens von innen 2,18 Meter eine Schlafwiese, auf der die Kinder sich prima prügeln und irgendwann dann auch schlafen können. Die Erwachsenen ziehen nach geschafftem Tagwerk im vorderen Mittelfeld des Wagens eine in der Fachsprache Hubbett genannte Fläche von der Decke herunter. Mittels Leiter oder anderer Klettertechniken kann man sich auf dieses 1,42 Meter breite Bett begeben, das in etwa 1,50 Meter Höhe über dem Esstisch zum Hängen kommt. 60 Zentimeter beträgt der Abstand zwischen Bett und Decke. Das sollte beim plötzlichen Hochschrecken in der Nacht bedacht werden.

Spätestens beim Einschlafen merkt man auch, warum die Wohnmobilbranche viele Begriffe aus der Schifffahrt entlehnt. Unser Schiff schwankt im Hafen jedenfalls auch. Und zwar selbst dann, wenn der kleinste 16-Kilogramm-Passagier sich bewegt. Seekrank kann man davon vermutlich nicht werden. Aber man ist es aus seinem Erdgeschoss-Bett von zu Hause eben nicht gewohnt. Ebenso wenig wie die Lautstärke des Regens, der des Nachts aufs Wohnmobildach prasselt, wenige Zentimeter vom Ohr entfernt.

Nach dem Frühstück, das zu fünft am Tisch gut eingenommen werden kann, geht es Richtung Kärnten und damit auf die erste längere Fahrt. Es gilt viele Steigungen, enge Kurven und schmale Landstraßen mit entgegenkommenden Lkw zu meistern. Das ist nicht angenehm, funktioniert aber gut. Der 140-PS-Motor schafft jede Steigung mit Leichtigkeit. Die Breite des Fahrzeugs mit außen 2,32 Meter ist gewöhnungsbedürftig. Da wir aber im Alltag mit einem Ford Tourneo Custom, also einem Kleinbus, unterwegs sind, ist der Unterschied nicht sehr groß, und das Wohnmobil lässt sich ohne Übung gut steuern. Mit einem Gesamtgewicht von 3,5 Tonnen darf das Fahrzeug ohne Lkw-Führerschein gefahren werden. Die knapp drei Meter Höhe sind kein Problem. Nur an die Länge des Fahrzeugs sollte man beim Abbiegen denken. Und der Rückspiegel innen zeigt nicht viel mehr als Wohnmobilinterieur, aber eben nicht, was hinter einem los ist. Fürs Rangieren gibt es aber eine Rückfahrkamera.

Locker an den LKW vorbeigezogen

Die Tauern-Autobahn ist wunderbar. Nicht nur wegen des traumhaften Bergpanoramas, sondern auch, weil das Fahrzeug ganz entspannt mit 120 km/h seiner Wege zieht und Lastwagen locker hinter sich lässt. Außer dem Geklapper des Geschirrs im Innenraum ist es wenig anders als im Auto.

Hier zeigt sich zudem der wirklich große Vorteil dieser Form des Reisens. Das Ziel wird nach Wetter und unter weiträumiger Umfahrung der damals noch nicht so flächendeckenden Corona-Risikogebiete spontan ausgewählt: drei Tage bei Oktobersonne pur beim Seecamping Berghof am Ossiacher See. Wieder sind die Sanitäranlagen prima. Die nutzt man übrigens in der Regel, weil das Wohnmobil zwar eine Dusche hat, aber wer kann sich auf gefühlt 30 mal 30 Zentimetern schon duschen und setzt dabei nicht den Rest des Wagens unter Wasser? Die Toilettennutzung ist möglich. Das wird in einer Art Rollkoffer aufgefangen und muss regelmäßig entleert werden. Wer die Toilette wirklich nutzen will, muss sie täglich leeren, denn groß ist dieser Rollkoffer nicht.

Am Camping Enzo Stella Maris in Venetien am Mittelmeer gewinnt dann unsere Ausstattung endlich etwas an Format. Ein Zuwasserschlauch wird gekauft, ebenso ein Abwasserschlauch, weil die knapp 100 Liter fassenden Wasserbehälter an Bord selbst nur für Zähneputzen und Händewaschen recht schnell leer sind. Und eine Wäscheleine. Und es wird der neue Nachbar aus Bad Homburg beobachtet, wie er beim Wasseranschließen unter einer Fontäne komplett nass wird. Ebenfalls erstmals in geliehenem Fahrzeug unterwegs. Man ist nicht der einzige Camping-Analphabet.

Kein Profi mit Sackkarre

Aber natürlich auch noch weit entfernt von den Profis, die eine Sackkarre dabeihaben, um ihre Liegestühle von A nach B zu befördern. Auf der Rückfahrt fühlt man sich der Wohnmobil-Community schon etwas zugehörig. Auf der Landstraße winkt man offenbar entgegenkommenden Gleichgesinnten. Selbst als die Wasserpumpe zwischendurch nicht mehr geht, kriegen wir das Problem nach ein wenig Lesen in den zahlreichen Internetforen der Wohnmobilnutzer gelöst. Und der Wechsel der Gasflaschen bleibt uns erspart, weil die Anzeige E507H erst am Morgen der Rückgabe auf dem Heizungsdisplay erscheint – Flasche leer, Urlaub zu Ende.

Die Kinder weisen seither sehnsuchtsvoll auf jedes Wohnmobil hin, das ihnen ins Blickfeld kommt. Nur die Rollos fanden sie „billigen Schrott“ und „Fiddelskram“. Sie haben recht. Aber den „Pippi-Koffer“ fanden sie gut, „auch genial war unser Bett dahinten“, „euer Bett zum Runterklappen“, die Schubfächer im Boden, die Leiter, die drehbaren Fahrer- und Beifahrersessel und vieles mehr. Und auch die Erwachsenen müssen sich eingestehen, es hat etwas, einfach von einem Ort zum anderen zu fahren, ohne die Koffer wieder ein- und auszupacken, und mit vollem Kühlschrank an Bord.

Quelle: F.A.S.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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