Das Fahrrad passt zu mir

Wie man sitzt, so fährt man

Von Susanne Braun
31.07.2015
, 20:14
Laservermessung durch Burkhard Basikow
Nur Leistungssportler profitieren von der richtigen Sitzposition auf dem Rad? Nein, Biometrie kann auch den Radfahrer-Alltag schmerzfrei machen.
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Zum Ausprobieren steht in der Redaktion das Rennrad CCT Team Ultegra Di2 des oberbayerischen Herstellers Corratec. Prompt fragen Kollegen, ob sie auch mal damit fahren dürfen. Bitte, aber keinesfalls etwas daran verändern! Das Rad ist mittels Biometrie exakt auf die Fahrerin eingestellt worden. Wie? Was gibt es an einem Rad schon viel einzustellen? Sattelhöhe vielleicht. Nun, eine Biometrie kann deutlich mehr.

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Methoden, um die optimale Sitzposition auf dem Fahrrad zu finden, gibt es zahlreiche. Zum Beispiel liefert der BikeScanner von „RadLabor“ auf Basis einer großen Datenbank von Fahrradmodellen für fast jedes Rad Geometrieempfehlungen, die nach der computerbasierten Körpervermessung auf das persönliche Rad übertragen werden. Hierbei handelt es sich um standardisierte Erfahrungswerte, die eine allgemeingültige Anpassung an Alltagsradler hergeben.

Andere Verfahren gehen vom orthopädischen Ansatz aus: Körperstatik und Beinachsen werden vermessen, Fehlstellungen und Ausweichbewegungen von Knien oder Hüfte mittels Video analysiert. Die Position von Sattel, Vorbau, Lenker und Pedalplatten wird entsprechend individuell angepasst. Eine dynamische Vermessung - wie beispielsweise die „retül-Analyse“ - filmt den Fahrer unter Belastung auf dem Rad dreidimensional. Die Software ermittelt anhand von auf den Körper geklebten Punkten Bewegungsabläufe und Körperwinkel.

Wozu bloß das alles? Ist das nicht höchstens für Spitzensportler und Profis wichtig? Nein, vielen Freizeitradlern wird die Freude am Radfahren durch körperliche Beschwerden getrübt: eingeschlafene Füße und Hände oder andere Körperteile, Nackenverspannungen, Rückenschmerzen, Knieschmerzen, vor allem aber Sitzprobleme - der Sattel als sprichwörtlich wunder Punkt. Nicht immer geht es bei einer Sitzpositions-Analyse um Leistungsoptimierung.

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Oft nicht erkannt: unterschiedlich entwickelte Muskulatur

Mit dem CCT-Team wird eine professionelle Biometrie der Autorin gemacht. Doch die Erwartungen sind nicht allzu hoch. Denn es ist nicht die erste Vermessung, und keine hat die Rennradfahrerin in der Vergangenheit wirklich überzeugen können. In der „Villa Aktiv“ in Gießen wird zwar das Rad zunächst in die Rolle eingespannt, doch dann geht es erst mal um den Körper. Konkrete Beschwerden oder Schmerzen auf dem Rad? Keine. Dennoch checken Physiotherapeutin Gigi Bernhard und Sportwissenschaftler Burkhard Barsikow eingehend durch Sichtprüfung und Fühlen: Fußstellung, Beinstellung, Beinlängen, Becken. Das Ergebnis: minimale Abweichungen, im Prinzip alles perfekt.

Danach geht es um Dehnfähigkeit: Je beweglicher der Körper, desto aerodynamischer kann die Sitzposition gestaltet werden. Das Ergebnis: fast vorbildlich. Einer gewissen Rechts-links-Dysbalance wird mit einer ersten Massage der Gesäßmuskulatur gegengesteuert. Die Anweisung folgt, bestimmte Dehnübungen zu machen und vor allem eine spezielle Rolle und einen kleinen Ball zur Selbstmassage an den entsprechenden Stellen einzusetzen. Nicht selten wird bei Sitzpositions-Analysen vermeintlich ein Beckenschiefstand erkannt, obwohl in Wirklichkeit nur unterschiedlich entwickelte Muskulatur vorliegt, was durch gezielte Übungen zu beheben wäre.

Corratec CCT Team Ultegra Di2
Komfort und Stabilität in Karbon: Corratec CCT Team Ultegra Di2 Bild: Braun

Langsam wird deutlich: Diese Biometrie ist anders. Hier scheint man an der Ursache anzusetzen, statt das Übel hinzunehmen und an einem Ausgleich durch Keile und Platten in und unter den Schuhen zu arbeiten. Doch um die Schuhe geht es auch hier - und um Kinesiologie. Die geht von der Annahme aus, dass bestimmte Muskelgruppen auf Störungen und Unausgeglichenheit im Körper mit „kurzzeitigem reflexartigen Versagen“ reagieren.

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Zunächst steht die Radlerin barfuß auf beiden Füßen, und Gigi Bernhard versucht, den gestreckten Arm seitlich nach oben zu ziehen, während die Probandin gegenhalten soll. Klappt nicht, der Arm bleibt am Körper. So soll es sein, der Kraftfluss ist okay. Radschuhe anziehen, dieselbe Übung, der Arm saust in die Höhe. Kein Wunder, sagt Burkhard Barsikow, die Einlegesohlen sind eigentlich für Plattfüße gedacht. Sie werden kurzerhand getauscht, und nun hält der Muskel stand. Es ist wie Zauberei.

Effektive Tritttechnik und ermüdungsfreie Armhaltung

Auf dem Rad werden Bein-, Knie- und Hüftwinkel herkömmlich gemessen. Es wird viel ertastet, statt Laser und Software kommen Know-how und jahrelange Erfahrung zum Einsatz. Und auf dem Rad wieder ein kinesiologischer Test. Diesmal soll die Nackenmuskulatur einem Druck gegen die Stirn standhalten. Sie kann es nicht, der Kopf lässt sich nach hinten wegdrücken, etwas stimmt nicht. Sattel, Pedal und Lenker sind die drei möglichen Kontaktstellen, an denen Störungen des Kraftflusses auftreten können. Dort wird nun verändert. Das Rad CCT Team ist mit Rahmengröße M etwas zu lang, ein kürzerer Vorbau muss her, deutlich kürzer sogar. Die Haltung ist immer noch etwas gestreckt, aber akzeptabel.

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Als es um die Sattelposition geht, kommt dann doch Software zur Anwendung. Die Messtechnik von „gebioMized“ misst die Satteldruckverteilung. Da der Sattel ungefähr sechzig Prozent des gesamten Körpergewichts trägt, ist die Druckverteilung auf dieser kleinen Fläche wichtig. Sensoren in einer über den Sattel gezogenen Haube liefern Daten, Software macht aus ihnen eine Grafik der Druckpunkte und -verhältnisse. Immer wieder wird der Sattel minimal justiert, Höhe, Ausrichtung über dem Tretlager und Neigung. Und immer wieder wird unter Belastung getreten, bis das Bild eine möglichst homogene Verteilung auf Sitzbeinhöcker und Dammbereich zeigt.

Es folgt noch ein Exkurs über effektive Tritttechnik und ermüdungsfreie Armhaltung. Zwei weitere Hausaufgaben! Eher witzig, dass für jede dieser Aufgaben ein farbiger Punkt als ständige Mahnung auf den Lenker geklebt wird. Nach beinahe drei Stunden Begutachtung, Vermessung und Beratung ist das Rad angepasst, und es geht hinaus auf die Straße: Das Fahrgefühl ist anders und undefinierbar seltsam am Anfang. Nach der ersten Zwei-Stunden-Ausfahrt schmerzt die Beinmuskulatur. Aber die bunten Punkte funktionieren. Ständig denkt die Radlerin: Arme beugen, Hacken runter. Bilder stehen vor Augen, wie der Tritt aussehen soll. Es dauert länger als nur ein paar Tage, bis die Muskulatur sich allmählich anpasst, was natürlich nicht am Rad liegt, sondern an der neuen Sitzposition.

Das CCT Team hebt sich aufgrund mehrerer Details optisch von anderen Rennrädern ab. Da ist zum einen das relativ stark abfallende Oberrohr, was das Rad kompakt wirken lässt. Außergewöhnlich sind auch die nach unten gezogenen Kettenstreben, die nicht nur Blickfang sind, sondern vor allem ein Kettenschlagen minimieren sollen. Die Gabel ist im oberen Teil ein wenig nach hinten ausgeformt und führt über die gesamte Längsseite eine sehr spezielle Kante, so dass sie fast dreieckig ist. Auch dies dient nicht nur der Optik, sondern soll bessere Dämpfung bei gleichzeitiger Seitensteifigkeit bewirken.

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3500 Euro für ein biometrisches Allroundbike

Ebenso ungewöhnlich und wohl auch diskussionswürdig sind die Gummistulpen, die am Unterlenker den Abschluss zum Lenkerband bilden und besonderen Schutz für diesen Bereich bieten sollen. Anders ist auch die Sattelklemmung mit zwei Schrauben: Die eine dient der Befestigung der Sattelstütze, die andere ist für die Einstellung der Sattelhöhe gedacht. Einmal justiert, entfällt damit das lästige Markieren an der Stütze, für den Fall, dass sie zu Transportzwecken herausgenommen werden muss. Wieder ins Sitzrohr eingeschoben, rutscht sie genau in die ursprünglich justierte Höhe zurück. Mit solchen Details versucht sich Corratec in Entwicklung und Design vom Mainstream abzuheben.

Corratec-Details: Sattelklemme mit fixer Höhe
Corratec-Details: Sattelklemme mit fixer Höhe Bild: Braun

Das CCT Team weist insgesamt sehr gute Fahreigenschaften auf. Wir hätten zwar eine kleinere Rahmengröße bevorzugt, aber es bleibt dank großen Radstands im Vergleich zur nächst kleineren Größe auch trotz des kurzen Vorbaus erstaunlich laufruhig. Ein echtes Leichtgewicht ist das Rad nicht: Acht Kilogramm ohne Pedale bei einem Karbonrad - das ginge leichter.

Aber Gewichtsoptimierung hatte keine Priorität, sondern ausgeglichenes Fahrverhalten für längere Strecken. Das Rad fährt nicht spritzig oder besonders agil, wie man es sich vielleicht in den Bergen wünscht. Seine Qualitäten liegen in Stabilität, einer ausgewogenen Geometrie, unauffälligem und damit gut beherrschbarem Fahrverhalten auch bei hoher Geschwindigkeit. Man fühlt sich auch nach vielen Stunden noch wohl darauf, irgendwie gut aufgehoben.

Ausgestattet mit Komponenten der Serie Shimano Ultegra (Schaltwerk, Bremsen, Kurbel und Tretlager) sowie elektronischer Di2-Schaltung mit Elffach-Kassette, ist an den entscheidenden Stellen nicht gespart worden. Für Laufräder, Vorbau, Sattelstütze, Sattel und Lenker kommt die Corratec-Eigenmarke zum Einsatz. Das gelungene Konzept für einen Allrounder schlägt mit rund 3500 Euro zu Buche. Die Biometrie für ein Rennrad kostet in Gießen rund 180 Euro. Das klingt zunächst vielleicht teuer, relativiert sich jedoch, wenn man bedenkt, wie viel Geld auch Hobbyfahrer gelegentlich in bessere Aerodynamik oder Leichtteile investieren. Der Blick auf den eigenen Körper und dessen Optimierungspotential zahlt sich womöglich eher aus als ein kostspieliger Satz Laufräder.

Quelle: F.A.Z.
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