Lucid will nach Europa

Das nächste Start-up klopft an

Von Stefan Grundhoff
26.09.2021
, 15:38
Im Prinzip eine konservative Limousine: Lucid Air. Hier mit 800 PS
Das amerikanische Elektroauto-Start-Up Lucid kündigt an, nächstes Jahr nach Deutschland zu kommen. 750 Kilometer Reichweite klingen vielversprechend. Die Preise sind hoch.
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Das Auto neu zu erfinden, haben in jüngster Zeit schon viele Start-ups versprochen. Anders als Byton oder Faraday Future ist Lucid Air bisher nicht ins Straucheln geraten. Ende des Jahres sollen die ersten Exemplare auf amerikanischen Highways rollen und Mitte 2022 die ersten Lucid Air nach Europa kommen. Das elektrische Luxusmodell sollte auch in Deutschland eine Chance haben.

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Chefdesigner Derek Jenkins kommt mit federnden Schritten auf den Parkplatz des Hotels von Monterey an der kalifornischen Pazifikküste. Er hat stramme Tage hinter sich, denn das Autofestival rund um Pebble Beach ist für die amerikanische Elektroauto-Neugründung enorm wichtig. Auf der Veranstaltung „The Quail“, dem wohl exklusivsten Auto-Event der Welt, präsentierte er vor mehr als 3000 betuchten Autofans den Lucid Air. „Die Rückmeldungen waren bestens. Wir sind zufrieden“, sagt der Chefdesigner. „Unser Startmodell, die besonders exklusive Dream Edition mit rund 500 Fahrzeugen, ist schon ausverkauft.“ Der Lucid Air ist 1080 PS stark, 270 km/h schnell und soll Reichweiten von bis zu 750 Kilometern schaffen. Das alles hat seinen Preis: 170.000 Dollar müssen Interessenten mitbringen.

Für ein erstes Kennenlernen zeigt uns Jenkins ein Modell der mittleren Ausstattungsvariante Grand Touring. Hier gibt es 800 PS und das Versprechen von mehr als 650 Kilometer elektrischer Reichweite. Mit einer Länge von 4,97 Metern rangiert der Air auf dem Niveau eines Audi A6 oder eines 5er BMW, innen bietet er mit einem Radstand von 2,90 Metern jedoch so viel Platz wie eine Mercedes-Benz-S-Klasse. Wer sich nicht für die teuren Versionen für 130.000 oder eben 170.000 Dollar entscheiden möchte, kann auch zu den Basisvarianten greifen, die 480 sowie 620 PS Leistung und angeblich rund 600 Kilometer Reichweite bieten. Da wäre man mit 80.000 Dollar dabei.

Lucid hat seine Zentrale in Newark, unweit der Tesla-Fertigung in Fremont in der Bay Area von Kalifornien. Gefertigt werden die Elektrolimousine und ein für 2023 geplantes Elektro-SUV jedoch rund eine Stunde südlich der Stadt Phoenix in Arizona. 12.000 Fahrzeuge seien derzeit vorbestellt und angezahlt, heißt es. Die Auslieferungen sollen nach einigen Verzögerungen wegen der Corona-Pandemie im November beginnen, bevor es Mitte kommenden Jahres nach Europa und später in die Vereinigten Emirate gehen soll. Erst danach steht die Expansion nach China – dort dann wohl auch mit einer eigenen Fertigung – an, um hohe Strafzölle zu vermeiden.

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Der Testwagen biegt vom Hotelparkplatz ab und fährt durch Monterey Richtung Schnellstraße. Die Fahrbahn ist zerborsten, und die tiefen Schlaglöcher sind typisch für das marode Straßennetz. Doch auch ohne Luftfederung bügelt der 2,3 Tonnen schwere Lucid Air die Unebenheiten recht locker weg. „Bei einem Start-up-Unternehmen, wie wir es sind, ist man natürlich immer etwas mehr als nur der Designer“, beschreibt Jenkins seine Rolle. Man sei besonders eng in die Entwicklung eingebunden. „Wir brauchen hier gar kein Head-up-Display, alles ist perfekt im Blick.“ Die Instrumente, 34 Zoll groß und leicht um den Fahrer gewölbt, erinnern an die des Porsche Taycan. Die meisten Funktionen lassen sich über einen großen Touchscreen in der Mittelkonsole steuern, der auf Wunsch jedoch ins Armaturenbrett hineinfährt und große Ablagen darunter freigibt. Das wirkt ebenso schick wie praktisch gelöst. Der Rest der Funktionen läuft per Sprache oder Drehregler am Lenkrad.

Als endlich ein freies Stück Straße auftaucht, zeigen die 800 PS kurz, was in ihnen steckt. Der Antritt ist so brachial, wie man es mittlerweile von vielen starken Elektroautos kennt. Kaum zu glauben, dass die 1080-PS-Variante noch wilder beschleunigen soll. Hier soll der Spurt von 0 auf 100 km/h in weniger als drei Sekunden absolviert sein. „Aber die Reichweite ist für uns das Wichtigste“, hebt Jenkins hervor. Deshalb bringe es der Lucid Air auf einen cW-Wert von 0,21. Mit 800-Volt-Technik soll es weniger als 20 Minuten dauern, das 113-kWh-Akkupaket fit für die nächsten 450 Kilometer zu machen. Wer sich dieses Jahr noch ein Exemplar reserviert, soll zumindest in den Vereinigten Staaten drei Jahre lang unentgeltlich laden können.

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Im Innern bietet der Air Luxus und einen Hauch skandinavischer Schlichtheit. Leder, Hölzer und Wolle, alles fasst sich gut an. Die Sitze sind bequem, bieten Seitenhalt und Langstreckenkomfort. Dafür lassen sich anders als im Mercedes EQS auf Knopfdruck auch Seiten- und Heckfenster verschatten. Bei Temperaturen jenseits der 30 Grad in der Region Monterey ist das nicht unangenehm. Ärgerlicher ist, dass sich das aufpreispflichtige Panoramadach, das sich je nach Modellvariante auch weit über die Köpfe der Frontinsassen zieht, nicht elektrisch bedecken lässt. So üppig die Beinfreiheit ist, um den Kopf geht es enger zu. Wer will, kann sich aus 21 Lautsprechern beschallen lassen. Das Kofferraumvolumen beträgt lediglich 456 Liter, doch bietet der vordere Laderaum weitere 202 Liter. Ob die Höchstgeschwindigkeit und die vielen PS 2022 in Deutschland noch ein Kaufargument sein können, wird sich zeigen. Vielleicht schon nach dem Wahltag.

Quelle: F.A.Z.
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