Seid netz zueinander

Aus dem Off warnt eine Stimme: „Achtung, Sie sind zu schnell!“ Der Tonfall der weiblichen Stimme ist resolut und ein wenig zu gebieterisch. Daran dürfte sich noch etwas ändern. Grundsätzlich aber ist die Ansage aus den Lautsprechern im Motorradhelm anscheinend Bestandteil einer Zukunft, der wir unbeirrbar entgegensteuern. „Linkskurve in 200 Metern“, sagt die Stimme während der Fahrt auf dem Testparcours von Bosch in Boxberg, und kurz darauf ein weiteres Mal: „Achtung, Sie sind zu schnell!“
Was zu schnell ist für die nächste Kurve und was nicht, das lässt sich programmieren und sogar individuell ans Können des Fahrers anpassen. Sein Motorrad wird imstande sein, den Fahrstil zu analysieren. Ein Beispiel von vielen für all das, was die Industrie sich gerade ausdenkt beziehungsweise schon in der Schublade hat in punkto Assistenz und Vernetzung. Das motorisierte Zweirad wird datendienstlich rundum umsorgt, es folgt darin dem Automobil in schnellen Schritten, und wenn man den Verantwortlichen in den Unternehmen glaubt, dann ist das Motorrad ebenso wie der Scooter demnächst nicht mehr die Oase analogen Erlebens, sondern Bestandteil von Big Data.
Auf dem konzerneigenen Testgelände führte Bosch jetzt vor, wohin die Reise geht – zum „digitalen Schutzschild“ fürs Zweirad durch Kommunikation per Datenaustausch mit allen anderen Verkehrsteilnehmern. Zur tiefgehenden Anbindung des Smartphones ans Fahrzeug, zur Integration von Smartphone-Apps ins frei konfigurierbare Cockpit-Display, das ein Computer ist und „Integrated Connectivity Cluster“ genannt wird. Zum „Connected Horizon“, der die Person im Sattel dank der Verbindung mit der Internet-Cloud vor etwas warnen kann, das noch außer Sichtweite liegt. Zu weiteren Assistenzsystemen und vielleicht sogar zu Motorrädern und Scootern, die von selbst für ihre Fahrer mitbremsen oder mitbeschleunigen – wenn ein Algorithmus das für notwendig erachtet, um eine Gefahr abzuwenden.
Wann immer die Vernetzung gepriesen wird, ist zugleich von Sicherheit die Rede sowie der Notwendigkeit, Unfallzahlen zu reduzieren. Damit ist der wunde Punkt angesprochen: Zusammenstöße, weil Zweiräder übersehen werden, Stürze durch Fahrfehler, Übermut oder rutschigen Fahrbahnbelag, mangelnder Schutz und Verletzungsrisiko. „Dies ruft nach mehr intelligenter Sicherheitstechnik“, folgert Bosch-Manager Fevzi Yildirim.
Der Europa-Chef der Zweiradsparte des Konzerns, der einer der bedeutendsten Zulieferer der Branche ist, spricht von einer „Zeitenwende der Mobilität“. Die stehe nicht erst bevor, sie habe längst begonnen. „Und sie wird sich in den nächsten Jahren schneller als je vollziehen“, sagt Yildirim. „Auch das Motorrad muss seine neue Rolle finden. Wir müssen es zukunftsfähig machen.“
„Denken wir 20 Jahre weiter“
Stephan Schaller, oberster Motorrad-Mann bei BMW, äußert sich ähnlich. „Denken wir 20 Jahre weiter: Die Autos fahren zum großen Teil elektrisch und sind stark vernetzt. Bliebe das Motorrad auf dem Stand von heute, hätte es keine Überlebenschance. Es muss sich weiterentwickeln, es muss leiser, elektrisch und emissionsfrei werden und durch Konnektivität jene Sicherheits-Features nutzen, die die Autoindustrie fürs autonome Fahren entwickelt.“
Autonomes Fahren? Vielleicht sogar auf zwei Rädern? Das nicht, stellt Schaller klar: „Es wird aus meiner Sicht nie ein autonom fahrendes Motorrad geben. Das ist nicht der Sinn eines Motorrads. Es ist ein Hobby-Produkt, das Spaß macht. Doch es macht noch mehr Spaß, wenn der Sicherheitsfaktor erhöht wird.“
Es gehe darum, erklärt Schaller, jene Technik, die für autonom fahrende Autos entwickelt werde, so einzusetzen, dass die Sicherheit des Motorrad- oder Rollerfahrens erhöht werde. „Das hat sehr viel mit Konnektivität zu tun, mit dem Verwenden von Massendaten, die von Autos erfasst werden und die wir uns zunutze machen, um Unfälle zu vermeiden.“
Kein anderer Zweiradhersteller gibt bisher so klar zu erkennen, welche Ideen für die kommenden Jahre und Jahrzehnte verfolgt werden, wie BMW. Im vergangenen Oktober hatten die Münchener die Studie „Vision Next 100“ vorgestellt, ein emissionsfrei angetriebenes Motorrad, das sich selbst ausbalancieren kann, bei Fahrfehlern regelnd eingreift, ohne Helm und Schutzkleidung bewegt werden darf, weil es dank Vollvernetzung jegliche Gefahren vorhersieht – ein kühner Ausblick auf Überübermorgen. Vor wenigen Tagen nun wurde der Entwurf eines Scooters für die urbane Mobilität von morgen enthüllt (Technik und Motor vom 30. Mai). Hervorstechende Eigenschaft des „Concept Link“ genannten Fahrzeugs neben Elektroantrieb und futuristischem Design: umfassende Vernetzung. Mit dem Smartphone, mit der Umgebung, mit der Cloud, mit anderen Fahrzeugen und über entsprechende Kleidung sogar mit dem Fahrer persönlich.
Streicht der Fahrer mit der Hand über den Ärmel
Letzteres veranschaulichen die Münchener mit einer hübschen Spielerei: Streicht der Fahrer mit der Hand über den Ärmel seiner Jacke, öffnet und schließt sich die Schiebetür des Gepäckfachs unterm Sitz des Scooters. Stoppsignale und Blinklichter ließen sich leicht in eine Jacke einfügen, heißt es. Mit allerlei Technik bis hin zu Sensoren ausgestattete Kleidung könnte nach den Vorstellungen der BMW-Entwickler das Befinden des Fahrers überwachen, seinen Puls kontrollieren, feststellen, ob er eine Pause benötigt. Durch verschiedene Arten von Warnhinweisen an unterschiedlichen Körperstellen, zum Beispiel durch Vibrieren nach Art eines lautlos gestellten Handys in der Hosentasche, könnte auf Gefahren, auf andere Fahrzeuge, ein Stauende, auf überhöhte Geschwindigkeit vor der nächsten Kurve hingewiesen werden. Selbst ein automatisch ausgelöstes moderates Bremsmanöver gilt als denkbar; in einem solchen Fall könne die Kleidung ihren Träger durch eine „Aufweckfunktion“ darauf vorbereiten.
Schaller will „Concept Link“ als „nächsten, konkreteren Ableitungsschritt“ der noch sehr phantastisch wirkenden Studie „Vision Next 100“ verstanden wissen. „Concept Link“ soll zeigen: „Das ist alles nicht sehr fern. Das ist real. Im Zeitraum von drei bis acht Jahren wird sehr viel passieren.“
Zurück aufs Testgelände von Bosch, wo es ebenfalls schon sehr real zugeht. Auf dem Bildschirm eines fahrenden Kleinbusses wird unübersehbar vor einem sich von hinten nähernden und überholenden Motorrad gewarnt, das in diesem Moment genau das tut: sich nähern und überholen. Kurz darauf wird auf dem Bildschirm ein kreuzendes Zweirad angekündigt, noch bevor es der Kleinbusfahrer wahrgenommen hat. Er wäre bereit zum Ausweichen.
Bei Bedarf Warnmeldungen ausgeben
Durch derartige „digitale Sichtbarkeit“ mit Hilfe solcher Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation ließe sich nach einer Erhebung der Bosch-Unfallforschung ungefähr jeder dritte Unfall mit Beteiligung eines Kraftrads über 125 Kubikzentimeter Hubraum vermeiden. Direkt miteinander kommunizierende Fahrzeuge senden auf der Frequenz 5,9 Gigahertz bis zu zehnmal in der Sekunde ihre „Herzschläge“ und empfangen jene von anderen Verkehrsteilnehmern, verarbeiten laut Bosch-Fachleuten bis zu 5500 solcher Botschaften in der Sekunde mit Informationen über Fahrzeugtyp, Geschwindigkeit, Position und Fahrtrichtung des Verkehrs rundherum. Anhand hochkomplexer Algorithmen werden bei Bedarf Warnmeldungen ausgegeben. An dem Entwicklungsprojekt sind das australische Software-Unternehmen Cohda Wireless, der israelische Chip-Lieferant Autotalks und der italienische Motorradhersteller Ducati beteiligt.
Über die zweite Art der Vernetzung, jene mit der Cloud, soll das Motorrad „um die Ecke“ schauen, frühzeitig auf Gefahrenstellen reagieren, auf Basis hinterlegter Straßenkarten Geschwindigkeitsempfehlungen geben, auf Bau- oder Unfallstellen hinweisen. Damit nicht genug: Liefern beispielsweise Autos durch Regeleingriffe ihrer Traktionskontrolle Hinweise auf Schotter, Dreck oder eine Ölspur auf der Fahrbahn, könnte der Motorradfahrer auch davon erfahren, bevor er die Stelle erreicht. Solche Informationen mit Angaben über den Grip des Asphalts wären laut Yildirim keine Utopie. Ebenso wenig wie ein Motorrad, das seinen Fahrer anhand von Wetterdaten aus dem Internet um einen Gewitterschauer herum leitet.
Rund 160 Millionen Stück im Jahr 2021
„Wir reden nicht über eine Technologie, die in zehn Jahren da sein wird, sondern über eine, die schon existiert und die schon bald in die Breite getragen wird“, sagt Yildirim. Mit dem vom nächsten Jahr an gesetzlich vorgeschriebenen E-Call-Notrufsystem für Personenwagen in Europa sei die technische Basis geschaffen und die Sache in Gang gesetzt. Zehn bis fünfzehn Prozent aller Verkehrsteilnehmer müssten über die Cloud vernetzt sein, damit eine „nutzbare Datengüte“ vorhanden sei. Im Fall der direkten Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation wird Yildirim zufolge sogar „eine Durchdringung von deutlich über 70 Prozent nötig sein, damit diese Kommunikation effektiv ist“.
Bosch erwartet weltweit eine steigende Nachfrage nach motorisierten Zweirädern aller Art auf rund 160 Millionen Stück im Jahr 2021, will laut Yildirim mit Motorradtechnik etwa eine Milliarde Euro Umsatz erzielen. Assistenzsysteme wie Totwinkelwarnung, Verkehrsschilderkennung oder Spurhaltehilfe sollen sich auch im Motorrad- und Rollermarkt verbreiten. Hochentwickelte Systeme wie ABS und Stabilitätskontrolle MSC mit Schräglagenerkennung sollen künftig nicht mehr nur den teureren Fahrzeugen vorbehalten bleiben. „Wir wollen unsere Sicherheitstechnologien in alle Klassen und Märkte bringen“, kündigt Yildirim an.
Kein Interesse an autonom fahrenden Zweirädern
Zu den Neuerungen, von denen sich das Unternehmen einiges verspricht, zählt auch eine My Spin genannte Technik, mit der sich Smartphones so mit dem bordeigenen Cockpit-Instrument, dem erwähnten Integrated Connectivity Cluster (ICC), koppeln lassen, dass auf dem Smartphone befindliche Apps über das ICC-Display gesteuert werden können. Mit mehreren Anbietern von Navi-, Wetter-, Musik- und sonstigen Apps hat Bosch dazu Kooperationen vereinbart. My Spin soll die Darstellung der Apps motorradgerecht verschlanken. Ohnehin wird es, wie Bosch-Entwickler einräumen, eine anspruchsvolle Aufgabe sein, all die vielen Informationen sorgfältig zu sortieren, sinnvolle Hierarchien einzurichten, die Anzeige aufs Notwendige zu beschränken, damit der Fahrer nicht abgelenkt wird.
Wie Schaller hält auch der Bosch-Manager nichts von autonom fahrenden Zweirädern. „Daran arbeiten wir nicht. Wir sehen keinen Mehrwert.“ Eine Maschine, die von sich aus in gewisser Weise aktiv wird, schließt das aber offenbar nicht aus. Die neueste Generation der Bosch-Stabilitätskontrolle MSC – eine Art ESP für Motorräder – könnte mehr, als die meisten Besitzer von mit MSC ausgerüsteten Motorrädern ahnen. Technisch wäre das System in Kombination mit Umfeldsensoren laut Yildirim schon in der Lage, unabhängig vom Fahrer Bremsmanöver vorzunehmen: „Wir nutzen diese Funktion bisher nicht. Die Herausforderung besteht darin, den Fahrer zu involvieren. Diese Frage stellt sich beim Auto nicht, dort kann man bremsen, sobald sicher erkannt worden ist, dass gebremst werden muss.“
Man könnte, führt Yildirim die Überlegungen fort, stufenweise vorgehen: „Zunächst den Motorradfahrer informieren, bevor die Situation eintritt. In der zweiten Stufe warnen. Für das Auslösen der Bremse schließlich müsste genau überlegt werden, wie man den Motorradfahrer integriert. Es muss haptisch sein. Und dann bleibt die Frage, wie man den Bremsvorgang gestaltet.“
Denn ein Motorrad, das seinen Fahrer abwirft, braucht niemand.











