Der See als Landebahn

JÜRGEN SCHELLING

24.07.2019 · Mit dem Wasserflugzeug vor majestätischer Alpenkulisse in der Schweiz starten und landen. Das ist ein seltenes, aber spektakuläres Vergnügen.

D as blaue Wasserflugzeug am Bootsanlegesteg der Uferpromenade erwacht urplötzlich zum Leben. Der Anlasser orgelt nur kurz, dann läuft der Motor. Jetzt müssen die Abläufe im Cockpit der Piper PA-18 Super Cub sitzen. Der Pilot hat seinen Platz vorne, hinter ihm eine erwartungsvolle Passagierin. Rasch setzt sich das Flugzeug in Bewegung. Nun heißt es aufpassen und vorausschauend agieren. Bremsen kann ein Wasserflugzeug schließlich nicht. Durch kleine Ruder hinten an den beiden Schwimmern lässt es sich im Wasser manövrieren. Das ist eine Premiere in der kleinen Gemeinde Weggis nahe Luzern am Vierwaldstättersee im Herzen der Schweiz. Zum ersten Mal dürfen hier Wasserflugzeuge starten. Der Zweisitzer steuert in Richtung Seemitte. Noch ein kurzer Check, ob die Startstrecke auch wirklich hindernisfrei ist. Jetzt gibt der Pilot mit der linken Hand Vollgas. Die Rechte hält den Steuerknüppel. 20 Sekunden später erhebt sich die Piper graziös in die Luft.

Hier auf dem Vierwaldstättersee inmitten der Schweiz ist erstaunlicherweise wie beim Start von einem Flugplatz Funkkontakt mit einem Tower möglich. Dieser temporäre "Tower" ist allerdings nur ein Zelt an der Uferpromenade von Weggis. Dort sitzen entspannt mehrere Piloten des Veranstalters, der Seaplane Pilots Association Switzerland, kurz SPAS. Sie haben alle aktuellen Wetter- und Luftfahrtinformationen rings um den See verfügbar. Deshalb stehen sie mit den Piloten der Wasserflugzeuge in Funkverbindung und versorgen diese mit notwendigen Informationen. Dass das wichtig sein kann, wird schon am folgenden Tag deutlich.

Die beiden Piper PA-18 sind auf dem schweizerischen Vierwaldstättersee seltene Exoten, das Baggerschiff hingegen gehört hierher. Foto: Jürgen Schelling



Jeder Pilot auf dem See entscheidet selbständig, in welche Richtung er startet und ob Wellengang, Wind oder Schiffsverkehr für ihn akzeptabel sind. Dafür heißt es aber auch besondere Vorsicht walten zu lassen. Denn von überallher können auf dem Vierwaldstättersee an diesem heißen Julitag Ausflugsschiffe, Sportboote oder Wassersportler auftauchen. Dafür sind Wetter, Sicht und Wellengang am ersten Tag dieses Treffens aber perfekt. Die teilnehmenden Piloten fühlen sich inmitten einer majestätischen Alpenkulisse im Paradies. Denn in der Luft und auf dem Wasser sein zu können verbindet das Beste aus zwei Welten. Allerdings bleibt das an diesem Wochenende nicht allzu lange so.

Drei der fünf teilnehmenden Flugzeuge des SPAS-Treffens sind vom Typ Super Cub des amerikanischen Herstellers Piper. Dieser Klassiker ist kurzstartfähig, robust und einfach zu fliegen. Zwei weitere Maschinen sind Ultraleichtflugzeuge vom Typ Savannah S des italienischen Herstellers ICP. Bei ihnen sitzen Pilot und Passagier anders wie bei der Piper nicht hintereinander, sondern nebeneinander. Alle nutzen sogenannte Amphibienschwimmer. Bei diesen lässt sich zusätzlich ein Radfahrwerk ausfahren, so dass die Flugzeuge sowohl auf Wasser als auch auf Asphalt- oder Graspisten starten und landen können.

Obwohl in der Schweiz Wasserflug eine lange Tradition besitzt, ist er dennoch stark eingeschränkt. Seit den 1950er Jahren ist Wasserfliegen in der Schweiz außer mit Sondererlaubnis einer Maschine für den Zürichsee nicht mehr möglich. Lediglich bei einer Handvoll Veranstaltungen dürfen die SPAS-Mitglieder auf Seen in der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz starten oder landen. Alle Teilnehmer haben zu ihrer Privat- oder Berufspilotenlizenz eine Wasserflugberechtigung, das sogenannte Seaplane-Rating.

  • Die PA-18-150 fliegt mit ausgefahrenen Landeklappen an. Direkt nach dem Wasserkontakt mit 90 km/h zieht der Pilot den Steuerknüppel gefühlvoll nach hinten. So wird das gefährliche Unterschneiden der Schwimmer vermieden. Foto: Jürgen Schelling
  • Die PA-18-150 fliegt mit ausgefahrenen Landeklappen an. Direkt nach dem Wasserkontakt mit 90 km/h zieht der Pilot den Steuerknüppel gefühlvoll nach hinten. So wird das gefährliche Unterschneiden der Schwimmer vermieden. Foto: Jürgen Schelling
  • Die PA-18-150 fliegt mit ausgefahrenen Landeklappen an. Direkt nach dem Wasserkontakt mit 90 km/h zieht der Pilot den Steuerknüppel gefühlvoll nach hinten. So wird das gefährliche Unterschneiden der Schwimmer vermieden. Foto: Jürgen Schelling

Um niemanden zu stören, respektieren sie zudem einige Auflagen. So dürfen an jedem der drei Veranstaltungstage nur maximal 60 Wasserstarts und Landungen absolviert werden. Die Flugpause zwischen 12 und 13.30 Uhr wird strikt eingehalten. Nach 19 Uhr geht ebenfalls keiner mehr in die Luft. Denn im Vorfeld hat es ein bisschen Knatsch gegeben. Einige wenige stören sich an der in ihren Augen angesichts des Klimawandels unnötigen Umweltbelastung und CO2-Abgabe durch die Wasserflugzeuge. Die Piloten verstehen die Welt nicht mehr. Denn ihre gerade mal fünf beteiligten Flugzeuge sind keine Umweltsünder. Jede 150 PS starke Piper Cub braucht knapp 30 Liter Flugbenzin vom Typ Avgas in der Stunde. Die beiden Ultraleichtflugzeuge vom Typ Savannah S mit ihren 100-PS-Rotax-Triebwerken benötigen sogar nur etwa 15 Liter Autobenzin je Stunde. Da verbrauchen wohl allein die Mofas, in der Schweiz Töffli genannt, rings um den See an den beiden Tagen deutlich mehr.

Dass das Tower-Zelt an der Uferpromenade eine sinnvolle Einrichtung ist, wird am zweiten Tag deutlich. Das Wetter hier mitten in den Alpen kippt am Nachmittag dramatisch, Sturmwarnung. Die durch aktuelle Meteo-Infos vorgewarnten Piloten urteilen schnell. Der Flugbetrieb wird rechtzeitig abgebrochen, Sicherheit geht vor. Eine gute Entscheidung. Im nicht weit entfernten Luzern werden wenig später durch Orkanböen Bäume entwurzelt, eine Yacht kentert, es gibt sogar Verletzte. Bei den Fliegern in Weggis bleibt hingegen alles heil.

24.07.2019
Quelle: Wasserflugzeuge: Der See als Landebahn