Aston Martins Chef im Gespräch

„Die nächste Generation Sportwagen wird elektrisch“

Von Holger Appel
17.05.2021
, 10:24
Seit vergangenem Jahr führt der Deutsche Tobias Moers die britische Sportwagenschmiede. Doch wohin steuert Aston Martin? Ein Gespräch zwischen Ernüchterung und Aufbruch.

Geschichte wiederholt sich. Alle Jahre wieder tritt ein neuer Chef an die Spitze der ruhmreichen britischen Sportwagenschmiede Aston Martin, und dann geschieht, was auch geschieht, wenn man daheim einen neuen Handwerker bestellt. Der schaut sich das Vorhandene an und spricht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: „Wer hat denn diesen Pfusch verzapft? Mannomann, da müssen wir wohl alles neu machen.“ So haben es seine Vorgänger gemacht, und so macht es jetzt Tobias Moers. Der im vergangenen August von der schnellen AMG-Truppe aus dem Hause Mercedes-Benz nach England gewechselte Manager ist einigermaßen entsetzt über die dortigen Abläufe, mit schwäbischer Effizienz haben die offenbar nichts zu tun.

Im Werk Gaydon wurden am Tag 15 bis 20 Sportwagen gefertigt, „auf zwei Linien mit 70 Stationen je Linie“, wie Moers im Gespräch mit der F.A.S. berichtet. „Jetzt haben wir 23 Stationen auf einer Linie“, sagt er und macht deutlich, was es noch alles aus den Tiefen eingeschlichener Gemütlichkeit zu heben gilt. „In der Automobilindustrie ist man normalerweise froh über 3 bis 4 Prozent Effizienzsteigerung. Bei uns sind 35 bis 45 Prozent möglich“, sagt Moers. Die Lackieranlage etwa habe Kapazität für rund 10.000 Autos im Jahr, Aston Martin verkaufte zuletzt 3400. Im Bau und damit auf der Bilanz lastend seien beständig um die 400 Autos gewesen, jetzt seien es rund 100, sagt Moers, der am liebsten das ganze Fließband zum Teufel jagen würde, weil es weder zum Ansehen der Marke passt noch die erhoffte Qualität mit sich bringt. Offenbar muss nahezu jedes Auto am Ende des Produktionsprozesses nachgearbeitet werden, bevor es in Kundenhand kommen kann, was Zeit, Geld und Motivation kostet.

„Die Schieflage war enorm, als ich anfing“

Trotzdem will er nicht in Automaten und Roboter investieren, sondern in Handarbeit. Und auf bessere Abläufe achten. Etwa 3000 unverkaufte Autos hätten rund um die Welt bei den Händlern gestanden, jetzt seien es etwa 1000, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Kapitalbindung und die Rabattfreudigkeit. „Ich verstehe nicht, wie sich die Dinge in der Vergangenheit so entwickeln konnten. Die Schieflage war enorm, als ich anfing, die Veränderungsbereitschaft gering. Aber jetzt geht es voran, die Mannschaft zieht mit“, sagt Moers.

Er baut Stellen ab, hat diverse Führungspersonen ausgetauscht, die Struktur verschlankt, Entscheidungsebenen einfach gestrichen. „Die handwerklichen Fähigkeiten der Leute hier sind gut. Wir sehen schon eine deutliche Verbesserung der hergestellten Autos. Die Nacharbeit haben wir reduziert“, sagt Moers. Er habe Verantwortung an Mitarbeiter vor Ort übertragen, die das mit Verlässlichkeit zurückzahlten.

All die Umbauten in den Abläufen werden jedoch keine Früchte tragen, wenn Aston Martin keine Kunden findet. Für die braucht es mitreißende Autos, die den Mythos der 1915 geborenen Marke in den Genen tragen. Die ihre ruhmreiche Geschichte mit James Bond nicht vergessen lassen und doch so fahren wie aus der Zukunft. Die führt geradewegs in die Elektromobilität, im Jahr 2025 soll die erste elektrische Plattform fertig sein und einen Sportwagen tragen. „Aston Martin steht für Luxus, und der dreht sich schnell Richtung nachhaltige Produkte“, sagt Moers. „Die nächste Generation Sportwagen wird elektrisch.“

Aston Martin soll den Plug-in-Hybridantrieb bekommen

Diese Drehung wird er mit der Kernmarke Aston Martin vollziehen, nicht wie von seinem Vorgänger geplant mit der Tochtermarke Lagonda. „Lagonda wird nicht die Elektroautomarke von Aston Martin“, stellt Moers klar, „wir sind zu klein für solch eine Strategie, sie würde die Kernmarke schwächen.“ Lagonda als Spitze des Luxusangebots, das wäre vielleicht eine Idee, für die aber derzeit weder gedanklich noch finanziell Kapazitäten vorhanden sind. Vorher sind Hausaufgaben zu erledigen, etwa der Einbau von Plug-in-Hybridantrieben. Mittelmotorsportwagen sollen damit ausgerüstet werden, wegen der Möglichkeit des elektrischen Fahrens in der Stadt und des Allradantriebs mittels einer elektrisch angetriebenen Vorderachse. Auch das große SUV DBX bekommt einen Plug-in-Hybridantrieb, wobei Moers darauf achten will, dass es „das agilste SUV am Markt“ bleibt. 25 bis 30 Kilometer elektrisch sollten die Hybride mindestens fahren können.

Zu dem DBX gesellen wird sich alsbald ein Derivat mit schrägem Heck, die dann als SUV-Coupé bezeichneten Fahrzeuge sind vor allem in China beliebt. Die anderen Modelle werden demnächst umfangreiche Facelifts bekommen, und zwar von außen sichtbare und von innen fühlbare. Moers legt höchsten Wert auf präzise Fahrbarkeit, weshalb er an Fahrwerk und Lenkung tüfteln lässt. Die Steifigkeit der Rohkarosse indes sei gut, meint er. Der nach ein paar Abstimmungsrunden auf der Rennstrecke in Silverstone nunmehr knackigere Vantage als F1-Sondermodell weist demnach in die richtige Richtung, obgleich das natürlich nur Feinarbeit an einem bestehenden Modell gewesen ist.

Die Produktion des viertürigen Rapide ist eingestellt „und kommt auch nicht wieder“, wie Moers sagt. Wer einen Viertürer braucht, soll DBX kaufen. Auch für Nostalgiker im Auftrag ihrer Majestät hat Moers eine eindeutige Botschaft. Ein Elektroauto solle seiner Meinung nach in Tradition und Design die Fortentwicklung einer Reihe sein, aber modern interpretiert. Man dürfe nicht allein auf Retro blicken. Es wird also keinen elektrifizierten DB 5 in der Neuzeit geben, nicht mal einen elektrischen Schleudersitz

Die Zielmarke: Bis zu 12.000 Autos im Jahr verkaufen

Die Verflechtung mit AMG soll im täglichen Geschäft weitere Früchte tragen und auch das Engagement in der Rennserie Formel 1. Dort unterhält Lawrence Stroll, der kanadische Eigentümer von Aston Martin, ein eigenes Team mit seinem Sohn Lance und dem deutschen Fahrer Sebastian Vettel als Piloten. Besonders erfolgreich sind die beiden bislang nicht unterwegs, die Entwicklung des Rennwagens steht weitgehend still. Das Team konzentriert sich auf die kommende Saison, dann müssen Plätze im vorderen Mittelfeld her. Von der elektrischen Formel E hält Moers trotz Klimadebatte nichts, sie entwickle beim Publikum einfach keine Anziehungskraft. Im Gegensatz zur Formel 1. „Die ist in der Markenwahrnehmung unschlagbar. Sie hat jedes Rennwochenende 80 Millionen Zuschauer rund um die Welt.“

Klappt das mit dem Abstrahleffekt und geht auch sonst der Plan auf, soll Aston Martin um das Jahr 2025 herum 10.000 bis 12.000 Autos im Jahr verkaufen. Solche Ziele hat man schon mal gehört, aber Moers’ Zuversicht ist unerschütterlich. „Das wird funktionieren. Und zwar ohne dass wir an Exklusivität verlieren.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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