Foto: Rick McCloskey

Balz auf Rädern

Von ULI BÖCKMANN
Foto: Rick McCloskey

25. Juli 2022 · Über Jahrzehnte hinweg pflegten amerikanische Teenager eine spezielle Form des Flirtens. Dazu brauchten sie einen Boulevard und jede Menge Hubraum. Über einen Cruising-Sommer vor 50 Jahren.

Der Van Nuys Boulevard verlief von seinem südlichen Anfang am Ventura Boulevard in Sherman Oaks durchs gesamte San Fernando Valley bis in den Norden durch Panorama City und darüber hinaus. Heute sind das längst alles Teile von Los Angeles. Schon am Mittwochabend war die erste Cruising Night der Woche, und der Boulevard zog Kids und Autos aus ganz Südkalifornien an, vor allem am Wochenende. Wer in den 50er-, 60er- oder 70er-Jahren jung war, ein Auto oder Motorrad hatte und in dieser Gegend lebte, für den war der Van Nuys Boulevard der ideale Ort, um zu sehen und gesehen zu werden.“

Stop and Go: Van Nuys Boulevard als langsam dahinrollende Partnerschaftsbörse.

Rick McCloskey erinnert sich noch gut an die Hoch-Zeit der Cruising-Kultur, die er als Teenager in ihrer prächtigsten Blüte erlebte. Er ist 13 Jahre alt, als ihn der wirtschaftliche Aufstieg seiner Eltern im Jahr 1957 ins San Fernando Valley nördlich von Los Angeles verschlägt. „Meine Eltern zogen damals von West Hollywood an die Stadtgrenze von Van Nuys. Unser neues Haus befand sich nur einen Block westlich des Boulevards, von meinem Fenster aus konnte ich ihn sehen, keine 200 Fuß entfernt. Direkt neben unserem Haus war eine schmale Gasse, die nur bis zu unserer Grundstücksgrenze gepflastert war, dahinter kam nur noch Staub und Dreck. Wer sich hier auskannte, bog rechts in den Magnolia Boulevard und nutzte unsere Gasse und die staubige Fläche dahinter zum Wenden, wobei im Dreck auch gerne ein paar Donuts gedreht wurden. Dann fuhr man wieder zurück auf den Boulevard, halt in die andere Richtung. So ging das die halbe Nacht, denn schon bald wusste jeder von dieser Wendemöglichkeit. Ich liebte diesen nächtlichen Sound und wurde mit der Zeit ziemlich gut darin, die Motoren anhand ihres Klangs zu identifizieren. Meine Eltern waren weniger begeistert.“


„Ich liebte diesen nächtlichen Sound und wurde mit der Zeit ziemlich gut darin, die Motoren anhand ihres Klangs zu identifizieren.“
RICK MCCLOSKEY

Die USA hatten nach dem Zweiten Weltkrieg einen enormen Wachstumsschub und obendrein einen Babyboom erlebt, so dass Anfang der Sechzigerjahre Millionen amerikanische Teenager zwar noch keinen Alkohol trinken, dafür aber ein Auto fahren durften. Gerade mal 16 musste man sein, um hinters Lenkrad zu kommen, nach einer überschaubaren Prüfung durfte man dann fahren, wonach einem der Sinn stand oder was man sich leisten konnte – wie groß oder stark auch immer.

Teenager-Romantik in den frühen 70ern: Auf dem Autodach sitzen und in den Nachthimmel schauen.
Teenager-Romantik in den frühen 70ern: Auf dem Autodach sitzen und in den Nachthimmel schauen.

So wurde der Führerschein zum begleitenden Dokument beim Übergang von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen, und weil viele Familienväter in diesen Jahren ihre alten Karossen gegen brandneue Limousinen tauschten, war der Gebrauchtmarkt randvoll mit billigen Hubraum-Riesen, auf die sich nun die Teenager stürzten. Schon bald wimmelte es auf den Straßen von jungen Fahrern, die sich mit acht Zylindern unter der Haube der elterlichen Kontrolle entzogen.

Nahezu jeder Teenager in den Staaten durchlebte zwischen den Fünfziger- und späten Siebzigerjahren seine persönliche Cruise-Night-Phase. Wobei das Phänomen selbst deutlich älter ist, tatsächlich war schon im Jahr 1909 die Woodward Avenue in Detroit ein beliebter Versammlungsort der Patrolhead-Pioniere, doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg sprang der Funke dann auch auf die Jugend über. Zunächst in Südkalifornien, wo Jugendliche zumeist mexikanischer Herkunft mit ihren schrillen Lowrider-Umbauten wie motorisierte Paradiesvögel am Bordstein entlangbummelten, um bei den Mädchen Punkte zu sammeln. Das machte schnell Schule, und so entwickelte sich die hubraumstarke Balz zu einer Konstante der amerikanischen Jugendkultur. Die Cruise Night wurde zum zeitlich fix terminierten Ritual mit zuverlässig hoher Teilnehmerzahl, für die dem Nachwuchs nicht selten die Main Street zur Verfügung stand – rauf wie runter. Und so rollten an den Wochenenden in nahezu jeder größeren amerikanischen Stadt ganze Wagenladungen von Teenagern von Ampel zu Ampel, steuerten bisweilen angesagte Treffpunkte an, hörten im Radio die angesagten DJs und rauchten ihre ersten Marlboros.

Pick-up Party: Die Ladefläche eines Chevys war vor 50 Jahren der ideale Ort für ein spontanes Happening.

Schließlich registrierten auch die Autobauer, dass die regelmäßige Kreuzfahrerei mehr war als nur ein x-beliebiger Zeitvertreib. Mit aufgemotzten Autos über die Straße zu bummeln, hatte sich längst zu einer nationalen Leidenschaft entwickelt, was für die Arbeiterkinder mit ihren Muscle Cars ebenso galt wie für die Upperclass-Kids mit ihren schicken Coupés und Sportwagen. Die Hersteller griffen diese Sehnsüchte auf und stellten die passenden Fahrzeuge auf die Räder, der Mustang machte im Jahr 1964 den Anfang, rasch folgten Modelle wie GTO, Camaro und andere.

Die Masse jedoch blieb allein aus Kostengründen zunächst noch bei den älteren Schiffen, die auch deshalb recht beliebt waren, weil einfach mehr Leute reinpassten. Außerdem boten die geräumigen Sitzlandschaften deutlich mehr Komfort, um im Fall des Falles an seinem Mädchen rumzuschrauben – „Heaven’s in the backseat of my Cadillac, let me take you there, yeah, yeah …“

Weit mehr als nur ein Zeitvertreib: Für Teenager waren Cruise Nights bis in die Siebziger eine Kulturkonstante.
Weit mehr als nur ein Zeitvertreib: Für Teenager waren Cruise Nights bis in die Siebziger eine Kulturkonstante.

Wer allerdings noch auf der Suche nach einem willigen Gegenüber war, musste den Boulevard halt weiterhin als Kontaktbörse nutzen. Musste weiterhin auf der Lauer liegen, bis ein flüchtiger Blick von Auto zu Auto dann doch einmal mit einem Lächeln erwidert wurde, was allemal Aufforderung genug war, um an der nächsten roten Ampel ein paar Worte hinüberzurufen. Dann reichte manchmal ein kurzer Wink, und man fuhr gemeinsam auf den Parkplatz des nächsten Diners, um sich bei Coke und Cheeseburger näher zu beschnuppern. Dort kurvten Girls mit Pferdeschwänzen auf Roller Skates überaus geschickt zwischen den geparkten Karossen hin und her, um ihre Tabletts von außen in die heruntergekurbelten Seitenfenster zu hängen. Der Platz war erfüllt von der Musik aus den Autoradios, Bierdosen machten heimlich die Runde, jeder Parkplatz eine flüchtige Spontan-Party.

Mit der Zeit kristallisierten sich Hot-Spots heraus, wobei sich vor allem die kalifornischen Locations hervortaten: der Colorado Boulevard in Pasadena, der Van Nuys Boulevard in Van Nuys oder auch die McHenry Avenue in Modesto, auf der auch George Lucas Anfang der Sechzigerjahre einen Gutteil seiner Jugend verbrachte. Ganz offensichtlich hatte diese Zeit bei ihm Spuren hinterlassen, denn als ihm später während seines Studiums der Anthropologie obendrein auch noch das Licht aufgeht, dass eine Cruising Night im Prinzip nichts anderes ist als ein typisches Paarungsritual seiner Generation, kommt ihm zum ersten Mal der Gedanke, diese besondere Zeit zum Thema eines Films zu machen. Was ihm im Jahr 1973 als blutjunger Nachwuchs-Regisseur mit dem Film „American Graffiti“ dann auch fulminant gelingt.

Easy Cruiser: Wichtigster Treff für Harley-Fahrer war der „June Ellen’s Donuts“.
Easy Cruiser: Wichtigster Treff für Harley-Fahrer war der „June Ellen’s Donuts“.

Die Low-Budget-Komödie – Lucas hatte für den Film ganze 775.000 Dollar zur Verfügung – spielt am Ende mehr als 120 Millionen Dollar ein und macht die Geschichte der Teenager-Clique, die am Ende ihrer Schulzeit im Sommer 1962 ihre letzte gemeinsame Cruise Night verbringt, zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres. Halb Amerika erkennt sich darin wieder, was wohl vor allem der Hartnäckigkeit des Regisseurs zu verdanken ist. Denn Lucas lässt keine Kompromisse zu, ihm schwebt für den Film ein in jeder Hinsicht authentisches Zeitdokument vor, weshalb er vor allem bei der Musik keine Abstriche machen will. Gleich 40 lizenzierte original Rock ’n’ Roll-Titel aus den Charts jener Zeit sieht das von ihm selbst geschriebene Drehbuch vor, und weil allein die Gebühren für die Musik mehr als 80.000 Dollar verschlingen, hat er kein Geld mehr für prominente Schauspieler. So besetzt er viele Szenen mit Laiendarstellern und vergibt die tragenden Rollen an unbekannte Nachwuchsschauspieler wie etwa Richard Dreyfuss, Harrison Ford, Ron Howard, Charles Martin Smith oder Kathleen Quinlan – sie alle begründeten mit „American Graffiti“ ihren späteren Ruhm.


„American Graffiti“: Halb Amerika erkennt sich darin wieder

Natürlich mussten auch die Fahrzeuge die richtigen sein, doch sollten sich diese Requisiten als das geringste Problem herausstellen. Ein Inserat in der lokalen Zeitung und ein paar Spots im Radio reichten aus, um schließlich aus mehr als 500, meist von jugendlichen Fahrern angebotenen Fahrzeugen auswählen zu können, rund 50 kamen im Film zum Einsatz. Schwierig wurde es mit der Authentizität dann allerdings bezüglich der Frisuren, denn die meisten Kids hatten so gar keine Lust, ihren Chevy oder Buick mit den in den Sechzigern angesagten Kurzhaarfrisuren durchs Bild zu chauffieren. Lucas fand Abhilfe auf einem nahegelegenen Stützpunkt der U.S. Army, dort gab es ausreichend junge Männer mit dem passenden Haarschnitt, die nur zu gern für die Dreharbeiten hinter das Lenkrad eines Custom Cars schlüpften.

Zur gleichen Zeit, als George Lucas noch in den Vorarbeiten zu seinem Film steckt und am Drehbuch arbeitet, kehrt Rick McCloskey an den Van Nuys Boulevard zurück, den Ort also, an dem er einige Jahre zuvor seine Sturm-und- Drang-Zeit verbracht hatte. Er studiert inzwischen Geschichte und Kunst und besucht seine alte Cruising-Meile für ein Fotokunstprojekt im Sommer 1972 noch einmal mit der Kamera. Er kennt die Gegend in- und auswendig, weiß genau, wo welche Diners und Tankstellen sind und wann sich wo die verrücktesten Typen treffen. Was er jedoch nicht ahnt: Die Schwarzweiß-Fotos, die er in etwa einem Dutzend Nächten einfängt und von denen wir eine Auswahl auf diesen Seiten zeigen, dokumentieren einige der letzten Cruise Nights im San Fernando Valley: „Ich ahnte damals nicht, dass die Cruising Nights kurze Zeit später zu Ende gehen würden. Die Ölkrise im Jahr 1973 ließ die Benzinpreise enorm in die Höhe gehen, es wurde auf einmal richtig teuer, den Boulevard rauf und runter zu fahren. Hinzu kamen immer häufigere Beschwerden von Anwohnern und Geschäftsleuten, und schon bald wurden strenge Polizeikontrollen die Regel.“ Schließlich wird zunächst das Parken auf dem Van Nuys Boulevard verboten, und als auch das noch nicht hilft, macht man eine Einbahnstraße daraus.

Californian Summer: Zur Cruise Night kam man, um zu flirten, um Freunde zu treffen und sein Auto zu zeigen. Oder um einfach nur dort zu sein.

Auch viele andere Städte erlassen Verordnungen, die den Cruisern das Leben schwermachen. Die Polizei stellt vermehrt Strafzettel wegen Herumlungerns aus, in einigen Regionen werden sogar Ausgangssperren für Jugendliche verfügt, um das Treiben zu unterbinden. Und so wurde aus der Studienarbeit von Rick McCloskey zugleich auch eine historische Dokumentation, zeigen die Fotos doch ein kulturelles Phänomen, dass es schon kurz danach nicht mehr gab und dass es so auch nie wieder geben wird.

Rund 120 seiner eindrucksvollen Fotografien des Cruising-Sommers vor genau 50 Jahren hat er für einen großformatigen Bildband zusammengetragen (Rick McCloskey: Van Nuys Blvd 1972, ISBN 978-3-906822-36-5), in dem er das vibrierende Treiben auf dem motorisierten Laufsteg für die Nachwelt festgehalten hat.

Fast wie ein Raumschiff: Tankstelle am Van Nuys Boulevard
Fast wie ein Raumschiff: Tankstelle am Van Nuys Boulevard Alle Fotos: Rick McCloskey

Damals reichte ein Dollar, um den Tank für die Nacht zu füllen und das Auto zum Tor zur Welt zu machen, auch wenn man eigentlich nur vom pulsierenden Verkehr von Ampel zu Ampel gedrückt wurde und dabei flüchtige Momente unter die Räder nahm. Und doch hat diese Zeit zweifelsohne tiefe Spuren in die Seele derer gebrannt, die sie erlebt haben. An vielen Orten der Vereinigten Staaten finden deshalb heute Veranstaltungen statt, die den Night Cruise für eine Nacht im Jahr wieder wach werden lassen. Die größte dieser Veranstaltungen ist der „Woodward Dream Cruise“, der jedes Jahr am dritten Samstag im August auf quasi historischem Boden stattfindet. Wenn an diesem Tag in Detroits nördlichen Vororten die klassischen Woodward-Cruiser gefeiert werden, kommen alljährlich rund 40.000 Fahrzeuge auf die Woodward Avenue zurück, Muscle Cars und Street Rods ebenso wie authentische Serienmodelle aus jenen wilden Jahren. Rund eine Million Zuschauer stehen Spalier, und es ist anzunehmen, dass die weitaus meisten davon mit großer Wehmut an dieses Phänomen ihrer Jugendzeit zurückdenken, das sich in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre dann im veränderten Zeitgeist verlor.

Heute sind in den meisten Bundesstaaten Cruise Nights kein Thema mehr. Vielerorts wurde das Führerschein-Mindestalter auf 18 Jahre angehoben. Das Interesse der Jugend gegenüber einer solchen Freizeitaktivität ist merklich abgekühlt. Wo es früher hieß: Chevrolet oder Ford, heißt es heute: Apple oder Android.


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