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Elektro-Tretroller

Wir sind die Außenseiter

Von Marco Dettweiler
 - 10:47
So sollten sie stehen.

Jetzt kommt mal alle runter! Ihr Fahrer eines Elektro-Tretrollers, Fahrrads, E-Scooters, Motorrads oder Autos. Wir sollten uns zusammensetzen und darüber reden, wie wir uns die Zukunft des Stadtverkehrs vorstellen. So geht es nicht weiter – schon gar nicht, wenn alle über den Elektro-Tretroller schimpfen: Nein, nicht alle Nutzer fahren zu zweit drauf. Nein, nicht jeder stellt ihn mitten im Weg ab. Nein, nicht alle fahren auf dem Bürgersteig. Nein, nicht nur Kinder fahren darauf. Und nein, die Nutzer werfen sie nach der Fahrt nicht in den Main.

Dennoch müssen sich alle E-Tretroller-Fahrer, die sich ordentlich und den Vorschriften gemäß verhalten, erst einmal hinten anstellen. Busse, Autos, Motor- und Fahrräder waren zuerst im Straßenverkehr da. Es wird eine Weile dauern, bis der neue Teilnehmer ernst genommen wird. Leider tun einige Städte selbst wenig dafür, dass es mal so kommen könnte. Die Stadt Frankfurt diskriminiert mit Zustimmung der Verleiher die Rollerfahrer. Etablierte Routen der Fahrradfahrer sind gesperrt. Egal, ob jemand mit Circ, Tier oder Lime unterwegs ist: Wer auf den Grüngürtel biegt, um wie viele Radfahrer die Fußgängerzone der Innenstadt zu umgehen, wird gebremst. Entweder fährt der Motor die Geschwindigkeit auf Schritttempo herunter, oder die App verbietet es formal durch rot gekennzeichnete Gebiete, woran sich nicht alle halten. Dasselbe gilt für die Fahrten am Main, wo täglich Tausende radelnd zur Arbeit pendeln, Rollerfahrer aber absteigen müssen.

Das kostet. Denn Zeit ist Geld, auch für Rollerfahrer. Pro Minute Leihdauer verlangen die Vermieter zirka 20 Cent. Allein ein Euro wird für das Entsperren fällig. Würde man es schaffen, ständig die Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h zu halten, kostet der Kilometer mindestens 60 Cent plus die Startgebühr von einem Euro. Die Erfahrung zeigt, dass es langsamer vorangeht, so dass eine Fahrt beispielsweise vom Gallus ins Nordend mehr als vier Euro kostet. Damit bleibt nur noch ein Verkehrsmittel übrig, das teurer ist: das Taxi. Es hat den gleichen Vorteil wie der Tretroller: Man kann mit ihm (fast) von Tür zu Tür fahren.

An allen „öffentlichen Plätzen“ abstellen

Das geht mit dem Leihrad auch. In Frankfurt gibt es seit 2003 die Möglichkeit, sich Call-a-bike-Räder der Deutschen Bahn auszuleihen. In den ersten Jahren war die Idee dieselbe wie heute bei den Elektro-Tretrollern: Gerät sichten, entsperren, losfahren, abstellen – und die Leihgebühr wird automatisch abgebucht. Dann schränkte die Bahn die Möglichkeit ein und führte fixe Stationen in Frankfurt ein. So wie es Nextbike immer noch anbietet. Mittlerweile können die DB-Räder an beliebigen Orten abgestellt werden. Auch Byke und Limebike erlauben es, die Fahrräder an allen „öffentlichen Plätzen“ abzustellen.

Als vor zwei Jahren Städte wie Frankfurt mit Billig-Mieträdern überflutet waren, wurde Fluch und Segen solcher Verkehrsmittel klar. Wenn sie einfach mit dem Smartphone entliehen und irgendwo abstellt werden können, lockt dies viele Kunden. Und im Vergleich zu den Rollern sind die Leihräder geradezu günstig. So kostet bei Byke eine Ausleihe von zwanzig Minuten einen Euro. Dafür stehen und liegen die Räder an Stellen in der Stadt herum, wo sie stören und nicht hingehören. Die Aufregung über die wild abgestellten Leihräder war groß.

Es gibt keine Wartezeit

Bei den Elektro-Tretrollern ist sie noch viel größer. Doch ihre Attraktivität ergibt sich nun mal aus der einfachen Ausleihe in Kombination mit der Verfügbarkeit. Ungeachtet des Fahrpreises gibt es derzeit wenige Verkehrsmittel, die so bequem und schnell ausgeliehen werden können. Es gibt keine Wartezeit. Geradezu im Vorbeigehen lässt sich ein Tretroller ausleihen und wieder abstellen. Insofern ist die Einschätzung völlig richtig, dass sich dieses Verkehrsmittel als Ersatz für den Fußweg anbietet. Die Frage ist nur: Warum sollte die Bewegung zu Fuß ersetzt werden? Weil es schneller geht? Weil es mehr Vergnügen bereitet? Weil es hip ist? Dreimal ja. Weil Elektro-Tretroller auch umweltfreundlich sind? Klares Nein – der Weg zu Fuß ist immer noch emissionsärmer. Hier ist ab und zu das Argument unterwegs, dass doch Autofahrer auf die Roller umsteigen könnten. Doch das macht kaum jemand.

Im Vergleich zu allen rein motorgetriebenen Verkehrsmitteln ist der Elektro-Tretroller auf jeden Fall der umweltfreundlichste. Die Geräte haben Motoren mit einer Leistung zwischen 150 und 250 Watt. Auf hundert Kilometer verbraucht ein Roller zirka eine Kilowattstunde, wenn man immer mit maximaler Geschwindigkeit von 20 km/h unterwegs wäre. Etwa den gleichen Verbrauch hat man im Haushalt, wenn man zwei Abende vor dem Fernseher sitzt, eine Ladung Klamotten wäscht, Pizza backt oder eine Woche lang jeden Morgen den Wasserkocher für eine Viertelstunde anschaltet.

Vor Ort auswechseln wäre leichter

Damit sich das Lebensende eines Elektro-Rollers möglichst weit hinauszögert, kümmern sich sogenannte Juicer, Ranger, Hunter oder Charger um die Wartung. Die Helfer rücken meistens nachts mit einem Lieferwagen aus, um die Roller einzusammeln und aufzuladen. In Frankfurt sind für Circ etwa fünfzehn Mitarbeiter unterwegs, die auch tagsüber arbeiten, für Tier sind fast nur halb so viele Juicer. Deren Job wäre etwas leichter, wenn die Roller austauschbare Akkus hätten – so fahren die Mitarbeiter von Uber, die sich um die mietbaren roten E-Bikes etwa in Berlin kümmern, mit einem Lastenfahrrad durch die Stadt und wechseln die Batterien vor Ort aus.

Dafür werden die Elektro-Tretroller, wenn sie zurückgebracht werden, wieder in Reih und Glied aufgestellt. Die häufig unterbezahlten Einsammler warten und laden also nicht nur, sie räumen auch auf. Würden Städte wie Frankfurt am Abend dann immer noch so aussehen wie am Morgen, gäbe es ein Ärgernis weniger. Es geht übrigens in Frankfurt um etwas mehr als 2000 Scooter von vier Unternehmen, die sie vermieten. Im Vergleich dazu: In der Frankfurter Innenstadt werden werktäglich innerhalb von acht Stunden 213.000 Autos und mehr als 45.000 Fahrräder gezählt. Die öffentliche Erregung richtet sich im Wesentlichen gegen eine kleine Menge von Leih-Tretrollern. Wer sich so ein Verkehrsmittel kauft, wird es nicht irgendwo auf dem Bürgersteig abstellen oder in den Main werfen. Im Alltag wird es eingesetzt, abgestellt und gesichert wie ein Fahrrad. Das ist jedenfalls unsere Erfahrung mit drei Testgeräten, mit denen wir mehrere Wochen in Frankfurt unterwegs waren: BMX X2City, Metz Moover und Moovie StVO. Wie mit dem Fahrrad ging es werktags vom Nordend ins Gallus und zurück. Danach und am Wochenende dienten die Roller als Verkehrsmittel zum Einkaufen, Freundesbesuch oder zum Erreichen der Sporthalle.

Nach wenigen Tagen wird deutlich: Es macht mehr Spaß, als mit dem Rad zu fahren, ist aber weniger komfortabel. Um ein ordentliches Schloss mitzunehmen, braucht man einen Rucksack. Der muss ausreichen für den Einkauf, denn für die Ablage auf einem Gepäckträger oder in einem Korb ist kein Platz. Wenn der Akku nicht austauschbar und im Hinterhof keine Steckdose ist, muss der Scooter mit in die Wohnung, um aufgeladen zu werden – es sei denn, der Akku lässt sich wie beim X2City herausnehmen, der zudem etwa 20 Kilometer lange durchhält. Bei allen anderen muss die Batterie jeden Tag aufgeladen werden, wenn die Pendelstrecke etwa zehn Kilometer beträgt. Das kostet übrigens nicht viel. Geht man von einem Strompreis von 30 Cent pro Kilowattstunde aus, bezahlt man etwa 6 Cent pro Ladung.

Auch im Verkehr verhält sich der sich regelkonform bewegende Rollerfahrer wie ein Radfahrer. Bürgersteige sind tabu, Radwege der Favorit und die Straßen leider die Regel. Die maximale Geschwindigkeit von 20 km/h reicht aus, um gemütliche Radfahrer zu überholen, an ambitionierten Pendlern bleibt man damit nicht dran. Wie für Radfahrer gilt keine Helmpflicht, einen aufzusetzen ist trotzdem sinnvoll. Niemand klappt seinen Roller zusammen und nimmt ihn mit in Supermarkt, Kino oder Kneipe; dafür ist er zu schwer und unhandlich. Im Winter wird es für alle Zweiradfahrer hart, für den Rollerfahrer jedoch härter. Weil der Fahrer sich nicht wirklich bewegt, heizt der Körper nicht ein und friert viel früher.

Haben sich die Emotionen etwas gelegt? Dann können wir jetzt also wieder aufsteigen, Respekt voreinander zeigen und den Winter in Ruhe auf uns zukommen lassen – dann sind in Frankfurt ohnehin wieder weitestgehend Autos auf der Straße zu sehen.

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„Metz Moover“ im Test
Taugen E-Roller als Fahrrad-Ersatz?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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