Elektromobilität bei BMW

Wischwasser unter dem Logo

Von Holger Appel
Aktualisiert am 16.11.2020
 - 11:51
Bayerns Moderne Welt: Außen gewöhnungsbedürftige Linien ...zur Bildergalerie
BMW will das Auto neu erfinden. Und Mini frisch positionieren. Und einen Roller anders denken. Mit einiger Energie, natürlich.

Die Geschichte der Freude am Fahren schreibt BMW seit 1929. Sie verlief nicht immer so geradlinig wie die Scheitel der Vorstandsvorsitzenden, und jetzt ist mal wieder Zeit innezuhalten. Wohin soll der Weg führen angesichts sich ändernder Strömungen in der Gesellschaft? „BMW strebt ständig danach, sich neu zu erfinden. Das ist zentraler Bestandteil unserer Unternehmensstrategie“, sagt der heutige Unternehmenschef Oliver Zipse und rückt das Scheinwerferlicht auf ein neues Modell, das den Namen iX trägt. Es soll nichts weniger sein als eine kleine Revolution. Gern auch eine große. Das Konzeptauto hatte unter der Bezeichnung Vision iNext seit Monaten einen Vorgeschmack gegeben. Nun ist das Serienmodell enthüllt, obgleich bis zur Markteinführung Ende 2021 noch einiges Wasser die Isar runterfließt.

Der iX kombiniert Aluminium und Carbon im Karosseriebau und bedient sich einer Architektur, die BMW den „modular skalierbaren Zukunftsbaukasten“ nennt. Er ist auf reine Elektromobilität ausgelegt. Von der Idee, sich von dem neuen Luxusgefährt sogleich autonom durch die Welt chauffieren lassen zu können, ist keine Rede mehr. Offenbar ist das vollautomatische Fahren doch nicht so greifbar, wie das noch vor kurzem viele versprochen oder in Aussicht gestellt haben, bei BMW und anderswo. Mercedes-Benz offeriert in der neuen S-Klasse bis zu 60 km/h freihändig auf der Autobahn im Stop-and-go-Verkehr. So weit, so nett. Niedrige Geschwindigkeiten unter relativ einfachen Bedingungen und Parken, das schaffen die Computer meist zuverlässig. Mehr nicht.

Der iX kommt in der derzeit beliebtesten Karosserieform, er ist ein stattliches SUV. BMW freilich hat Dynamik gepachtet, deshalb nennen sie es SAV, Sports Activity Vehicle. Das Designteam erkennt minimalistische Linien und im Innern ungeahntes Raumgefühl. Naturbelassene Materialien und Recycling-Werkstoffe sollen Körper und Gewissen zuträglich sein. Die Bedienung rund um den gekrümmten Bildschirm wird als klar verständlich dargestellt. Da sind wir gespannt, das behaupten viele Hersteller und wird immer seltener eingelöst. Mehr denn je möge der Mensch im Mittelpunkt stehen, wozu dann natürlich auch moderne Vernetzung gehört. Und weil dieser Mensch nicht mehr so gern wie früher Motorhauben öffnet und da ja sowieso nur noch freudlose Kabel liegen, haben sich die Bayern etwas ausgedacht: Der Einfüllstutzen für das Wischwasser sitzt unter dem Logo an der Front.

Entwicklungschef Frank Weber macht deutlich, welche Aufgabe zu bewältigen ist: „Der iX hat mehr Rechenleistung zur Datenverarbeitung und leistungsfähigere Sensorik als die neuesten Fahrzeuge unseres derzeitigen Portfolios. Er ist 5G-fähig, wird neue und verbesserte automatisierte Fahr- und Parkfunktionen erhalten und nutzt die leistungsstarke fünfte Generation unseres elektrischen Antriebs.“

Die beiden Elektromotoren, die Leistungselektronik, die Ladetechnologie und der Hochvoltspeicher werden fortentwickelt. Auf kritische Rohstoffe aus dem Bereich der seltenen Erden verzichtet BMW. Der Antrieb werde nach jüngsten Berechnungen eine Höchstleistung von mehr als 500 PS erzeugen und den iX in weniger als 5 Sekunden von null auf 100 km/h beschleunigen, heißt es. Um die zwischen Verbrauch und Prestige auszutarierende Höchstgeschwindigkeit wird noch ein Geheimnis gemacht. Der Stromverbrauch soll nach der realitätsnahen WLTP-Norm weniger als 21 kWh je 100 Kilometer betragen, das wäre für ein Fahrzeug dieses Formats ein guter Wert. Der Akku fällt groß aus, vorgesehen ist ein Energiegehalt von mehr als 100 kWh brutto. Damit sollen im auf die Ausreizung dynamischer Anreize verzichtenden Normzyklus 600 Kilometer Reichweite drin sein.

Arg wichtig für die Akzeptanz im Markt ist die Dauer, die der Kunde an der Ladesäule vertrödeln muss. BMW sagt Gleichstrom-Schnellladen mit einer Leistung von bis zu 200 kW zu. Auf diese Weise könne die Batterie in rund 40 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen werden. Binnen zehn Minuten sei es möglich, Strom für 120 Kilometer Strecke nachzufüllen. Wie wir wissen, sind das Annahmen unter idealen Bedingungen, aber immerhin ist eine Entwicklung zu mehr Nutzerkomfort zu erkennen.

Zu Hause hat der Mensch meist mehr Zeit. An der Wallbox mit 11 kW benötigt der entleerte Hochvoltspeicher knapp elf Stunden, bis er wieder voll einsatzfähig ist. BMW ist sich der Sensibilität der Produktion bewusst und betont, die Batterien seien Bestandteil eines langfristigen Ressourcenkreislaufs mit hoher Recyclingquote. Für die Herstellung der Batteriezellen und des Speichers werde ausschließlich Strom aus erneuerbaren Quellen genutzt. Zum Preis äußert sich BMW noch nicht, die Region um 100.000 Euro gilt als wahrscheinlich.

Günstiger geht es bei der britischen Tochtermarke Mini zu, die gleichsam dabei ist, neue Wege für sich zu finden. Bewegung in der Stadt steht im Mittelpunkt, doch wie der Konzeptgedanke sich in Form eines Autos manifestieren soll, das will Mini erst im Laufe der kommenden Woche zeigen lassen. Schon klar ist, dass in mittlerer Zukunft alle Antriebe elektrifiziert werden, nicht aber alle rein elektrisch sein werden. Das Portfolio der rein elektrisch angetriebenen Fahrzeuge wird den Zweitürer, ein neues Crossover-Modell im Kleinwagensegment sowie ein kompaktes Crossover-Modell umfassen. Mit Verbrennungsmotor werden parallel dazu die Kleinwagenmodelle und ein Crossover des Kompaktsegments im Angebot sein. Da die Welt der Autoindustrie eine globale ist, wird der größte Markt in die Planung einbezogen.

In China will Mini deutlich an Bedeutung gewinnen. Das Ansinnen wird mit einer Produktion vor Ort unterlegt. Auf der Basis einer neuen, von Beginn an für reine Elektromobilität entwickelten Fahrzeugarchitektur sollen vom Jahr 2023 an in China in einer Kooperation mit dem lokalen Hersteller Great Wall Motor batterieelektrische Fahrzeuge produziert werden. Das weckt Sorgen, ob die Marke ihre Wurzeln in Großbritannien kappen könnte. Gerade haben sie in einem kecken Coup ihren Modellen die britische Flagge in die Heckleuchten gezaubert. Bei aller Liebe zur ständigen Neuerfindung: Es ist doch wohl kaum vorstellbar, das dort bald eine chinesische leuchtet. Oder, Herr Zipse?

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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