Fahrbericht Cranchi T36

Zwei Schiffe zum Preis von einem

Von Dieter Wanke
Aktualisiert am 09.08.2020
 - 23:05
Schneller Rumpf und obendrauf ein Haus: Cranchi T36zur Bildergalerie
Crossover überall, auch in der Yachtwelt: Cranchi kreuzt mit dem Modell T36 Gleiter und Trawler. Das verspricht ein sportliches Fahrverhalten, viel Platz im Salon und hervorragenden Wetterschutz gleichermaßen.

Die italienische Traditionswerft Cranchi feiert in diesem Jahr ihr hundertfünfzigjähriges Bestehen und gehört damit zu den ältesten Werften im modernen Bootsbau. Noch immer befindet sich der 1870 eröffnete Betrieb im Besitz der Gründerfamilie. Mittlerweile ist die fünfte Generation am Ruder. Das derzeitige Angebot umfasst 15 Modelle. Die Palette beginnt mit trailerbaren Acht-Meter-Einsteigerbooten und endet bei der mehr als 25 Meter langen Luxusyacht Settantotto, die im Januar auf der Messe in Düsseldorf ihre Weltpremiere feierte.

Mit der T36 Crossover gelang den Bootsbauern aus Piantedo in der Nähe des Lago di Como ein besonderer Wurf. Der Rumpf eines Gleiters wurde mit Aufbauten im Trawler-Stil kombiniert. Das verspricht ein sportliches Fahrverhalten, viel Platz im Salon und hervorragenden Wetterschutz gleichermaßen. Letzteres wissen Skipper zu schätzen, die sich in nordeuropäischen Revieren tummeln. So lässt sich das Boot auch in den Übergangszeiten nutzen und die ansonsten recht kurze Saison verlängern. Um die Kunden in Deutschland kümmert sich seit 2017 der Importeur Enjoy Yachting aus Seelze bei Hannover, der mit eigenem Händlernetz auch regional vertreten ist. Basis des Crossover-Boots ist der Rumpf der Z35. Liebhaber flotterer Linien können bei gleichem Fahrverhalten also auf dieses Modell zugreifen. Die Aufbauten der T36 Crossover wurden neu entwickelt.

Das edel anmutende Testboot ist mit Extras gespickt. Die erste Option in Form der auf Knopfdruck ausfahrbaren elektrischen Gangway nutzen wir gleich zum Betreten der Yacht. Hier erwarten uns Teakbeläge auf der Badeplattform und dem Cockpitboden, ein Aufpreis kostender Elektrogrill kommt in Sicht. Das Cockpit-Möbel mit Waschbecken und Teak-Schneidebrett dagegen gehört zur Serienausstattung, ebenso die Heckdusche am Durchgang zum Cockpit.

Im Cockpit befindet sich eine L-förmige Sitzgruppe, wahlweise mit massiver Teak-Tischplatte. Mittels Handläufen gut abgesicherte Gangborde führen zum Bug. Für die gesamte Ankervorrichtung mit 15-kg-Bruce-Anker, 50 Meter Kette und elektrischer Winde verlangt Cranchi im Gegensatz zu manchem Mitbewerber keinen Aufpreis, wohl aber für Liegepolster sowie eine weitere Dusche.

Obwohl die Aufbauten im Trawlerstil gehalten sind, erwartet die Gäste im Salon keineswegs ein rustikales Fischerambiente, sondern modernes Yachtmobiliar mit hohem Wohnkomfort. Herzstück des Innenraums ist der Durchgang, an dem sich backbords eine Sitzgruppe in U-Form mit Klapptisch befindet. An Steuerbord finden sich eine Pantry mit Kühlschrank, Arbeitsfläche, Zweier-Kochfeld und Spülbecken sowie in Kopfhöhe installierte Stauräume. Bei Nichtgebrauch verschwindet die Küche hinter einer Abdeckung. Direkt davor befindet sich der Steuerstand. Die Rückenlehne des Fahrersitzes lässt sich nach vorne klappen, was die Ablagefläche nochmals verlängert. Zwei Luken im Dach stehen für die Lüftung zur Verfügung. Große Fensterflächen lassen viel Licht herein. Jalousien kosten extra, was auch für die kombinierte Heizungs- und Klimaanlage für Kabinen und Cockpit gilt.

Am vorderen Ende des Deckshauses führt ein Niedergang zu den Schlafgemächern. Die Grundversion mit drei Kabinen und einer Nasszelle samt elektrischer Toilette und getrennter Dusche ist für eine 12-Meter-Yacht beachtlich. Eine Aufteilung mit zwei Kabinen und zwei Bädern wird als Alternative angeboten. In der stattlichen Bugkabine ist eine 1,92 × 1,52 m große Doppelkoje montiert. Mittschiffs gibt es eine Eignerkabine mit einer Deckenhöhe von 2,07 Metern im Eingangsbereich, die sich dann über der 1,90 × 1,80 m großen Liegefläche deutlich reduziert. In der kleineren dritten Kabine mit einer Stehhöhe von knapp 1,90 Metern sind zwei Stockbetten installiert.

Keine Wahlmöglichkeiten haben Interessenten bei der Antriebstechnik. Die Werft hat entschieden: In den Maschinenraum kommen zwei Volvo Penta D4 EVC/E/DPH mit je 221kW (300 PS) und Aquamatic-Z-Antrieben mit gegenläufigen Doppelpropellern. Wer am Steuerstand Platz nimmt, findet eine komplette Instrumentierung sowie ein serienmäßig installiertes elektrisches Trimmsystem von Volvo Penta vor. Plotter und Bugstrahlruder gehören zu den Extras. Die Ablesbarkeit der Instrumente ist gut, weniger gut die Tatsache, das für die Fußstütze, unerlässlich für eine entspannte Sitzposition des Rudergängers, Aufpreis verlangt wird.

Bei voller Beschleunigung geht zunächst die Nase nach oben, was die Sicht nach vorne einschränkt. Das ändert sich wieder, wenn nach neun Sekunden die stabile Gleitfahrt erreicht ist. Hier liegt bei 2200 Umdrehungen eine Geschwindigkeit von 13 kn (24 km/h) an. Die Höchstgeschwindigkeit von 36,5 kn (68 km/h) ist nach insgesamt 25 Sekunden erreicht. Die effizienteste Reisegeschwindigkeit bei 3000 Touren beträgt 28 kn (52 km/h). Dann reicht der 600-Liter-Tank für eine Distanz von gut 170 Seemeilen, wobei dann noch 15 Prozent Reserve im Tank schwappen. Bei Verdrängerfahrt im Bereich der Rumpfgeschwindigkeit, die für Trawler relevant ist, lesen wir einen stündlichen Verbrauch von rund 10 Litern ab. So können mit einer Tankfüllung Distanzen von mehr als 400 Seemeilen überbrückt werden. Das entspricht in etwa dem, was sich die Konkurrenz auch mit einer stärkeren Maschine unter solchen Bedingungen genehmigt. Allerdings verfügt im Gegensatz dazu die Cranchi T36 Crossover über zwei Triebwerke in einem flotten Rumpf mit der Möglichkeit der schnellen Gleitfahrt. Für typische Trawler mit einer Single-Motorisierung ist deutlich früher Schluss.

Insgesamt hinterlässt die Cranchi T36 Crossover das Bild eines bis ins Detail solide verarbeiteten Boots. Die interessante Kreuzung eines Gleiters mit einem Trawler kostet knapp 400.000 Euro aufwärts. Viel Geld. Aber man bekommt ja praktisch zwei Schiffe zum Preis von einem.

Quelle: F.A.Z.
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