Fahrbericht Sportster S

Harley macht den Breiten

Von Ulf Böhringer
17.08.2021
, 16:25
Der Vorderreifen ist unglaubliche 160 Millimeter breit.
Die Sportster ist tot, es lebe die neue Sportster: Der amerikanische Motorradhersteller Harley-Davidson bricht radikal mit der Tradition seiner ältesten Baureihe.
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Die jahrzehntelang gebaute Sportster-Baureihe war, technisch gesehen, stets einfach gehalten: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, luftgekühlter Zweizylinder-Motor mit 45-Grad-Zylinderwinkel, zwei Ventile je Zylinder, unten liegende No­ckenwellen. Als 1200er leistete sie ma­ximal 67 PS bei bescheidenen 6000/min sowie 96 Newtonmeter. 130 Millimeter breit war der breiteste Vorderreifen, 150 der Hinterreifen, das Gewicht lag um die 260 Kilogramm. Insgesamt ein nach Harley-Maßstäben eher schlankes, de­zen­tes Motorrad mit einem zierlichen Rundscheinwerferchen. 2020 war die Zeit der Sportster abgelaufen; begonnen hatte sie schon 1957, womit die Sportster-Baureihe die bei Weitem älteste der Motor Company war. Nun gibt es wieder eine Sports­ter, die Sportster S. Sie ist Vorbotin der neuen Familie der Marke.

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Alles, wirklich alles an der Sportster S ist nicht nur neu, sondern auch anders: flüssigkeitsgekühlter V-Motor mit 60-Grad-Zylinderwinkel, vier Ventile je Zy­linder, je zwei oben liegende Nockenwellen, variable Ventilsteuerung, doppelt so viel Leistung, nämlich 122 PS bei 7500/min und 125 Nm, nur noch 228 Kilo. Der Vorderreifen ist unglaubliche 160 Millimeter breit, der Hinterreifen 180. Mächtig dick sind die scramblerartig hochverlegten Auspuffrohre, auffällig ist der Querscheinwerfer, zähnefletschend und natürlich LED-befeuert. Eine Sportster soll das sein? Meint Harley das ernst?

Kurze, klare Antwort: Ja, die Amerikaner meinen es ernst. Sie sind dabei allerdings – zumindest beim Erstlingswerk, das als S-Version das Spitzenmodell der künftigen Baureihe darstellt – eher zum Bau eines Powercruisers umgeschwenkt. Zumindest suggeriert das die Sitzposition, aber auch die enormen Reifen­dimensionen weisen in diese Richtung.

Beim ersten Umkreisen des niedrigen Motorrads – die Sitzhöhe beträgt lediglich 753 Millimeter – reiben sich so gut wie alle Betrachter die Augen: Ein Bulle von Bike ist das, ein von den Entwicklern rücksichtslos testosterongemästetes Zweirad! So fährt es sich denn auch, zumindest im Fahrmodus Sport: Wie Baron Münchhausen fühlt sich der Fahrer, nämlich als Reiter der legendären Kanonenkugel. Spontan dreht der Vierventil-V2 hoch, schüttelt ohne nennenswertes Vibrieren seine 125 Newtonmeter bei 6000/min aus dem Är­mel und dreht jenseits des Leistungsmaximums munter weiter, bis ein Drehzahlbegrenzer bei 9500/min dem furiosen Treiben ein Ende bereitet. Auch wenn das Drehmoment-Maximum dem Wert der noch jungen Pan America entspricht, von der das Sportster-Triebwerk abgeleitet ist, so liefert der nun Revolution Max 1250T heißende Motor deutlich mehr Kraft im unteren und mittleren Drehzahlbereich. Ein echter Tritt ins Kreuz.

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Zugleich ist der V2 – nicht nur im Re­gen-Modus, aber da ganz besonders – ein umgänglicher Geselle, beschleunigt auch aus 2000 Umdrehungen heraus anfangs willig, später wild, kennt kein Konstantfahrruckeln, braucht weniger als fünf Li­ter Benzin. Das Sechsganggetriebe schaltet sich leicht und präzise, lediglich die Leerlaufsuche gerät mitunter zum Ge­duldspiel.

Bremst er­staunlich gut und zuverlässig

122 PS und nur eine Bremsscheibe im Vorderrad? „Rechts, auf der Schokoladenseite des Bikes, wollten wir das Vorderrad wirken lassen“, sagt Harleys Styling-Boss Brad Richards. Stil diktiert Funktion. Ein Punkt, der Betrachter am sinnhaften Denken der Amerikaner zweifeln lässt. Doch unterwegs dann die Erkenntnis: Mit ihrer 320 Millimeter großen Brembo-Einzelscheibe und dem radial montierten Vierkolbensattel bremst die Sportster S er­staunlich gut und zuverlässig.

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Klar scheint dagegen, dass sich die Ent­wickler bei der Wahl des Vorderreifens arg vergriffen haben. 160 Millimeter vorn! Doch der von Dunlop speziell an­gefertigte Pneu überrascht nicht weniger als die einzelne Bremsscheibe: Die Sports­­ter S lässt sich dank des spitz konturierten Reifens leicht einlenken und durcheilt Kurven bis hin zur maximalen Schräglage – Harley gibt 34 Grad an – stabil, ja sogar freudvoll.

Langsam wundern wir uns über nichts mehr. Nicht über das runde TFT-Display mit seinen zahllosen Funktionen bis hin zur Navigation, nicht über die fünf Fahrmodi, die dynamische Traktionskontrolle, das Kurven-ABS, die Reifendruckkontrolle. Alles funktioniert, und zwar bestens. Alles? Ja, solange die Straßen glatt sind wie der oft zitierte Kinder-Popo. Dann gleitet oder sprintet die Sportster S dahin, dass es eine Wonne ist. Kurzhaxerte ha­ben freilich das Problem, dass sie sich zum Gangwechsel ordentlich strecken müssen, denn Rasten und Pedale sind recht weit vorn montiert. Die Sitzhaltung des Piloten oder auch der Pilotin ist deshalb aber nicht unbequem und trotz des nach vorn orientierten Oberkörpers weit entfernt von einer Klappmesserhaltung. Lästig wird die Sportster S, wenn die Straßenqualität sinkt. Gullydeckel, Kanten, Schlaglöcher, Frostaufbrüche – immer wieder gibt’s einen Tritt in den verlängerten Rücken. Hat man in Milwaukee vergessen, der Sportster eine Federung mit auf den Weg zu geben? Nein, es gibt sogar ein Verstellrad für die Vorspannung, links hinten. Aber leider nur 51 Millimeter Federweg, von denen – geschätzt – gerade zehn die Arbeit aufnehmen wollen. Der Zwölfliter-Tank harmoniert gut mit dem Komfortangebot.

Ein wenig leichter wird die Ungemach, wenn man die „Mid Pegs“ hat montieren lassen. Die mittige Fußrastenanlage kostet zwar 850 Euro zusätzlich, doch fährt sich die Sportster S damit nicht nur sportlicher, sondern der Fahrer kann adaptiv auch leichter den Hintern heben, wenn Ruppigkeiten ins Sichtfeld kommen. Ein Beifahrersitz ist genauso im Zubehörprogramm wie ein flacher, leicht abnehmbarer Windschild. Ab 15.495 Euro ist der in Thailand gebaute, optisch und auch technisch überzeugende Powercruiser zu ha­ben. Bestens geeignet für Fahrer mit Neh­merqualitäten.

Quelle: F.A.Z.
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