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Fahrbericht Motoguzzi V85 TT

Bello aus Mandello

Von Walter Wille
 - 15:15

Fahrbericht V85 TT
Eine echte Guzzi

Genaugenommen ist ja das ganze Leben ein einziges Abenteuer, von der Geburt an bis zu seinem im Ungewissen liegenden Ende. Bloß vergisst man das im Alltag allzu oft, weil vieles viel zu geradlinig und asphaltiert verläuft. Zum Glück gibt es immer mal wieder jemanden, der einen daran erinnert, etwas daraus zu machen, der das Signal zum Aufbruch in den Fahrtwind gibt, um dem Alltag den Auspuff zu zeigen. Moto Guzzi zum Beispiel, die Motorradmarke aus Italien, deren Weg seit 1921 keineswegs immer geradlinig verlief, sondern mitunter abenteuerliche Wendungen nahm.

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Die Geburt der V85 TT hat auf sich warten lassen. Drei Jahre lang hatte Moto Guzzi keine Reiseenduro mehr im Programm, heute gern als Adventure Bike bezeichnet. Schon 2017 als Prototyp ausgestellt, ist sie jetzt endlich da, bereit zu allem, was einen Schuss Abwechslung ins Leben bringt. 11 990 Euro kostet sie einfarbig in Grau, Blau oder Rot. Für 310 Euro extra wird sie in auffälligen Mehrfarblackierungen namens „Giallo Sahara“ und „Rosso Kalahari“ geliefert, wobei obendrein der Sitzbankbezug von etwas aufwendigerer Machart ist.

Darüber hinaus unterscheiden sich die Ein- und die Mehrfarbigen durch den Reifentyp. Erstere werden mit dem straßenlastigen Metzeler Tourance Next ausgerüstet, Letztere mit dem etwas grobstolligeren Michelin Anakee Adventure. Wer das TT im Modellnamen – es steht für Tutto Terreno – wörtlich nehmen und in „jeglichem Terrain“ zurechtkommen will, wird der letztgenannten Variante zugeneigt sein. Die Bunten sind also noch etwas mehr tutto als die Einfarbigen.

Keinerlei Unterschied gibt es beim V85. Das Kürzel steht für den V-Motor mit 850 Kubikzentimeter Hubraum, dessen zwei Zylinder – typisch Guzzi – im 90-Grad-Winkel quer unter dem Tank hervorstehen. 80 PS generiert das Aggregat bei 7750 Umdrehungen, eine Leistung, die niemanden überfordert und keinen langweilt. Bei 80 Newtonmeter über null liegt der Gipfel des Drehmoments, der erreicht wird, wenn die längsliegende Kurbelwelle 5000 Mal in der Minute rotiert. Muss sie aber gar nicht: Eine Menge Schubkraft wird schon in niedrigeren Drehzahlen bereitgestellt.

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Das Triebwerk, traditionsgemäß ein luftgekühlter Zweiventiler, stammt von dem der V9 ab, wurde jedoch radikal überarbeitet und in ein neues Chassis gesteckt. Kein quirlig quicker Sport-, sondern ein bäriger Genussmotor von feiner Laufruhe und trotzdem mit dem unnachahmlichen Beat einer Guzzi gesegnet. Aus einer kräftigen Drehzahlmitte heraus trommelt der V2 oben heraus alles zusammen, was er hat, und zeigt dabei sogar Andeutungen von Spritzigkeit. Souveräner allerdings wirkt er beim Baggern weiter unten – eine gute Voraussetzung für Tutto Terreno.

Die V85 TT ist kein Fliegengewicht

In der Tat ist die TT nicht wählerisch hinsichtlich der Beschaffenheit der Wege. Sie nimmt, was ihr unter die Speichenräder kommt, das vordere 19, das hintere 17 Zoll groß. Im Sinne des Weckens von Abenteuerlust werden Federwege von jeweils 170 Millimeter geboten, 210 Millimeter Bodenfreiheit, hervorragende Brembo-Bremsen sowie ein angenehmes Handling, komplettiert durch einen massiven Motorschutz aus Aluminium, Handprotektoren, Vorderrad-Schnabel sowie einen Offroad-Endtopf, der sich in halber Höhe ans Fahrzeug schmiegt. Ergonomie und Sitzhöhe (830 Millimeter) kommen Klein- wie Großgewachsenen entgegen. Die V85 TT als einziges Adventure Bike der Mittelklasse mit Kardanantrieb ist kein Fliegengewicht – 229 Kilo mit gefülltem 23-Liter-Tank –, fühlt sich aber recht leicht und wendig an.

Wüstenträumereien sind nicht verboten, doch geht es hier nicht um eine Hardcore-Geländemaschine. Was die Mannen aus Mandello geschaffen haben, ist vielmehr eine klassisch schnörkellose Enduro im Geist der Achtziger mit den Mitteln von heute, wobei sie in digitaler Hinsicht auf dem Teppich bleiben. Drei Fahrmodi (Straße, Regen, Offroad) stehen zur Verfügung, die sich in der Gasannahme sowie im Regelverhalten von ABS und Traktionskontrolle unterscheiden. Weder arbeiten diese Hilfssysteme schräglagenabhängig, noch sind Schaltassistent oder Fahrwerkselektronik an Bord. Dafür werden als Teil der umfangreichen Serienausstattung ein modernes (unnötig kleinteilig geratenes) TFT-Farbdisplay sowie Smartphone-Konnektivität geboten, ferner LED-Beleuchtung, Tempomat, USB-Buchse im Cockpit sowie verstellbare Hebel für Bremsen, Kupplung und Schaltung. Lediglich eine Griffheizung kostet extra.

Ein umfassendes Sortiment an Zubehör, von Gepäcktransport über Wetterschutz bis Verschönerung, zum Teil in Paketen zusammengefasst, steht zusätzlich zur Verfügung. Die äußere Hülle des formschönen Tanks besteht aus Kunststoff, was schade ist. Ansonsten muss man den Hut ziehen davor, welche Mühe sie sich mit vielen hübschen Details machen in der historischen, in Würde gealterten Fabrik von Mandello del Lario, dem Geburtsort jeder Moto Guzzi seit 1921.

Details wie dieses: Dreht man den Zündschlüssel, läuft vorn im Doppelscheinwerfer ein sympathisches Schauspiel ab. In vier Schritten entfaltet sich das LED-Tagfahrlicht in Gestalt des Guzzi-Adlers mit ausgebreiteten Schwingen. Ein Highlight im Wortsinne und zugleich das Zeichen zum Aufbruch. Wohin auch immer. Es muss nicht der direkte Weg sein und auch kein asphaltierter.

Quelle: F.A.Z.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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