Peugeot Metropolis SW

Passend zum Baguette

Von Walter Wille
25.09.2021
, 10:53
Metro oberirdisch: Zwei Räder vorn, Kofferraum hinten  – so pflügt der Peugeot Metropolis SW durch die Stadt.
Der Dreiradscooter Peugeot Metropolis SW verbindet die franzö­sische Art mit dem Nährwert des Praktischen.

Fünfzehn Jahre nachdem Piaggio der staunenden Öffentlichkeit seinen ersten Dreiradroller vorgestellt hat und die bis dahin gültigen Denk- und Sehgewohnheiten aufs Äußerste strapazierte, kann man als Fazit festhalten: Eine massenhafte Verbreitung fand nicht statt. Viele Autofahrer trauen dem Braten nicht und bestehen auf Fahrzeugen mit vier Rädern. Das Angebot blieb überschaubar. Ein Flop war die Idee aber auch nicht. Piaggio MP3 und Konsorten und seit 2013 auch der Peugeot Metropolis schufen sich eine solide Nische mit nennenswerten Stückzahlen.

Das hat mehrere Gründe. Als Naturtalente im Wuseln sind Motorroller generell ideale Fahrzeuge für Pendlerdienst und Stadtgewühl. Sind schmal und wendig, bieten Wind- und Wetterschutz, Stauraum und Gelassenheit für die Parkplatzsuche. Hinzu kommen spezielle Eigenschaften, die das Dreirad-Konzept mitbringt: satter Kontakt zur Straße, hohe Bremskräfte dank des doppelten Vorderrads, verringerte Sturzgefahr auf rutschigem Untergrund oder bei Schreckbremsungen. Stand der Technik ist die Möglichkeit, den Vorderrad-Neigemechanismus auf Knopfdruck zu verriegeln, dann piept es zur Bestätigung, und der Scooter bleibt im Stand, vor der Ampel beispielsweise, aufrecht stehen. Beim Anfahren, piep, piep, löst sich die Verriegelung automatisch. Bei Peugeot piept es zudem, wenn die Blinker aktiv sind. Wir finden das gut, mit zunehmendem Alter wird man vergesslich.

So weit, so piep. Das Beste indes aus Sicht dreiradelnder Inhaber eines Autoführerscheins ist die Tatsache, dass selbst für hubraumstarke Scooter kein Motorradführerschein benötigt wird. Bei einer Spurweite von mehr als 46 Zentimeter gilt solch ein Vehikel als Zwei- und nicht als Einspurfahrzeug, sodass dank wundersamer Großzügigkeit des Gesetzgebers die Pkw-Lizenz genügt, obwohl das Fahrverhalten eindeutig dem eines Motorrollers oder Motorrads entspricht und in keiner Weise dem eines Autos. Hierzulande wird ein Mindestalter von 21 Jahren vorausgesetzt, sofern die Motorleistung mehr als 15 kW beträgt. Ungeübten sei ein Fahrkursus dringend empfohlen.

Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien sind die größten Märkte für dreirädrige Motorroller, wobei auf Frankreich allein rund die Hälfte der Verkäufe entfällt und davon wiederum ein erheblicher Anteil auf Paris. Hauptstadtfranzosen sind im Berufsverkehr besonders schmerzlos, das dritte Rad erhöht die Kampfkraft. Der Metropolis wird von einem 400-Kubik-Motor angetrieben, Peugeot hat ihn 2020 gründlich renoviert (Technik und Motor vom 22. September 2020). Stilistisch wurde er dabei an die Automobile der Marke angenähert – obschon Peugeot Motocycles gar nicht mehr zu PSA gehört, sondern zu 100 Prozent zum indischen Mahindra-Konzern. Aber Löwenembleme, Säbelzahn-Positionslichter, Krallenspur-Rücklichter verweisen auf Verwandtschaft und Herkunft. Die Trikolore trägt der Metropolis nicht zu unrecht an der Karosse, denn er wird im Werk Mandeure nahe der Schweizer Grenze gefertigt, mit gehobenem Niveau hinsichtlich Materialien und Verarbeitung. Das attraktive Cockpit mitsamt Multimedia-Farbschirm wird von einem Lichtband umrahmt, die Zeiger von Tacho und Drehzahlmesser bewegen sich wie in der Vierrad-Löwenwelt spiegelverkehrt zueinander.

Diesen Sommer kamen zwei Varianten des 400ers hinzu, der 10.455 Euro kostende GT, mit „sportlicher Lackierung“ und ein paar Späßchen wie getöntem, gekapptem Windschild und Alu-Boden auf dynamisch getakelt, sowie der hier gezeigte SW für 10.755 Euro. Dabei handelt es sich um den Versuch, das dreirädrige Genre um eine echte Innovation zu bereichern. Es ist der Kombi-Kofferraum am Heck – daher das Namenskürzel SW.

Held des Alltags

Oberhalb der Rücklichter türmt sich am SW ein Stauraum in die Höhe, eine Art integriertes Topcase, in das beispielsweise zwei Integralhelme übereinanderpassen. Ein zweites, eher flaches, aber breites Staufach findet sich unterm Sitz. Auch dieses öffnet elektrisch auf Knopfdruck, wenn sich der Transponder des Fahrzeugs („Smart Key“) in der Nähe befindet. Dort kommt neben weiteren Kleinigkeiten eine Laptoptasche gut unter. Der vordere und der hintere Stauraum sind über einen schmalen Tunnel verbunden, sodass auch das längste Baguette knusprig nach Hause überführt werden kann, ohne dass ein Stück abgebissen werden muss. Leider knallt die geöffnete Sitzbank herunter, sofern man sie nicht festhält. Andernfalls wär es perfekt.

Mit seinem Riesenstauraum – Peugeot spricht von zusammen 76 Liter Volumen – gewinnt der SW keinen Preis beim Concours d’Elegance, schwingt sich aber zum Helden des Alltags auf. Dort macht sich eine Reihe von Eigenschaften angenehm bemerkbar: großer Windschild mit weitem Einstellbereich, unverbauter Durchstieg, flacher Boden, Sitz- und Federungskomfort, tadellose Sicht in den Rückspiegeln, exzellentes Abblend- und Fernlicht, automatische Warnblinker, der erwähnte smarte Schlüssel für die Stauräume sowie den blau illuminierten Drehschalter für Zündung und Lenkerschloss, Handschuhfach, Smartphone-Fach mit USB-Buchse. Handy, App und Bluetooth ermöglichen eine Navigation mit der Darstellung von Pfeilen, Entfernungsangaben und Straßennamen auf dem Bordbildschirm, eine Lösung, mit der man gut zurechtkommt.

Interessanterweise zeigt das Navi ein generelles Tempolimit von 255 km/h auf deutschen Autobahnen an. Das kriegt jedoch der Einzylindermotor beim besten Willen nicht hin. Der liefert 36 PS bei 7250/min respektive 38 Nm bei 5750/min, entwickelt vom Start weg soliden Schub, setzt bei 70, 80 km/h gern zum Zwischenspurt an, marschiert munter bis Tacho 130 und gibt dann unter Mühen noch eine kleine Zugabe bis zur Höchstgeschwindigkeit, die laut Zulassung 135 km/h beträgt. Jenseits von 100 km/h verspüren Pendler mitunter ein leichtes Pendeln des 280-Kilo-Brockens, speziell unter Einfluss von Verwirbelungen Vorausfahrender. Das ist dann Pendeln im doppelten Sinne, aber harmlos.

Anders als im Fahrbericht zum Metropolis Allure vor einem Jahr empfanden wir den Antrieb diesmal als recht laut. Ein Wunder der Sparsamkeit war er nicht, genehmigte sich gemessene 4,6 bis 5 Liter auf 100 Kilometer, stets ein paar Zehntel über dem, was der Bordrechner als Verbrauch verkündete. Ein Start-Stopp-System wäre eine feine Sache, ebenso eine Elektroversion des Metropolis. Die war mal angekündigt, scheint aber auf sich warten zu lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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