Specialized Turbo Levo

Noch abgefahrener

Von Holger Appel
26.06.2021
, 10:09
Das neue Turbo Levo: Unter dem Dämpfer ...
Specialized erneuert sein elektrisches Topmodell Turbo Levo. Es soll alles besser können als der schon exzellente Vorgänger. Zu wahnwitzigen Preisen.
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Legt Mercedes-Benz die S-Klasse neu auf, stellt sich regelmäßig die Frage: Was soll denn noch besser werden? Den Ingenieuren fällt natürlich immer wieder etwas ein, und wenn es die Erfindung einer S-Klasse der S-Klasse ist, die sie dann Maybach nennen. Ob Specialized das Pendant in der Welt des Fahrrads ist, lassen wir dahingestellt, die Amerikaner sehen sich jedenfalls sicher in diesen Sphären. Und sie haben ähnliche Ideen. Ihr Flaggschiff im Bereich elektrische Mountainbikes heißt Turbo Levo, und wem das trotz einer beachtlichen Menge an Spitzentechnologie zu profan ist, der greift zum Modell S-Works. Da wir Anhänger der ökonomisch auf recht stabilem Fundament stehenden These von Angebot und Nachfrage sind, hauen uns die Preise auch nicht aus dem Sattel. Höchstens ein ganz klein wenig. Das von uns den Hang hinaufgequälte Turbo Levo Pro kostet 11 500 Euro, das Spitzenmodell S-Works erforderte 14 000 Euro. Wer es am Mountain mit dem Biken übertreibt und das gute Stück zerstört oder aus sonstigen Gründen nach S-Works lechzt, der ist allein für den Karbonrahmen mit 7000 Euro dabei. Dafür gibt es andernorts ganze Räder, oder zwei. Aber kaum welche mit diesem Ruf. Der kommt nicht von ungefähr.

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Specialized schickt das Turbo Levo jetzt in dritter Generation auf den Markt. Seit 1995 setzt es Maßstäbe, was es selbstredend nun wieder tun soll. Und zwar mit Fahrgefühl, Zuverlässigkeit, Anpassungsfähigkeit und Konnektivität. Ins Auge fällt die neue Formensprache. Das Oberrohr läuft nun knickfrei aus, das Dreieck darunter beherbergt den noch kunstvoller als zuvor hineinkonstruierten Dämpfer für die Hinterachse. Die Kundschaft hat ein stärkeres Fahrwerk gefordert. Und bekommen. Die Kartusche drohte die Wasserflasche zu verdrängen, irgendwie passen nun doch beide hinein, wenn auch haarscharf. Wo früher Rockshox Aufgaben des Federns und Dämpfens übernommen hat, ist nun Fox am Werk, vorne auch durch Kriegsbemalung nicht zu übersehen im Format 38.

Welche der beiden Offerten besser ist, fällt in die Kategorie Glaubensfrage. Wir vermuten, der Wechsel hat nicht nur mit vereinzelt aufgetretenen Problemen an der Gabel zu tun, sondern ist auch Lieferfähigkeiten geschuldet. Verfügbarkeit ist ja ein großes Thema dieser Tage. Unzweifelhaft ist Fox Spitzenklasse. Das Fahrwerk zeigt beachtliche Lust an der Beanspruchung, trägt seinen guten Teil zur erfreulichen Handlichkeit dieses Fahrrads bei und vermittelt auch im flotten Geradeauslauf Stabilität. Es fährt mit unterschiedlich großen Rädern, vorn 29 und hinten 27,5 Zoll.

Das neue Levo kommt konstruktiv dem Abfahrer etwas mehr entgegen, obgleich wir es auch für Auffahrer empfehlen können. Der von Brose zugelieferte Motor hat einen neu konstruierten Riemen, welcher der Haltbarkeit zuträglich sein soll. Der linear zupackende Antrieb ist eine Wucht, kraftvoll und leise. In der Regel ist er nicht zu hören, nur unter vehementer Last beginnt er zu wimmern. Mit bis zu 565 Watt und 90 Nm verstärkt er die eigene Leistung um das Vierfache, wie Specialized es plastisch ausdrückt. Ins eigene Bild gesetzt, können wir uns nicht erinnern, je den ersten der zwölf Gänge benötigt zu haben. Der Turbomodus ist derart forsch, dass es stets einen dagegenhaltenden Berg braucht, sonst verirrt sich der tretende Rhythmus vom Runde ins Eckige. Im Alltag an der 25-km/h-Schallmauer ist der Modus Tour der passendere. Wer es noch individueller will, justiert die Motorunterstützung während der Fahrt fein. So oder so scheinen die 22 Kilogramm Gewicht zu verfliegen. Doch Obacht, so eine E-Bike-Fahrer-Kombination ist ein schweres Ensemble. Vor allem Gabel und Bremse müssen dem standhalten. Die filigranen Bremsscheiben haben uns zunächst besorgt, sind mit ihren 220 und 200 Millimetern aber offensichtlich ausdauernder, als sie aussehen, sie haben uns nie im Stich gelassen. Der Lenker war uns am Levo schon immer zu breit, er misst 800 Millimeter. Aber absägen geht bekanntlich leichter als anschweißen, unter dem abzuziehenden Griff sind sachdienliche Markierungen vorhanden.

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Geladen wird der 700-Wh-Akku über eine neu formierte Buchse, deren Steckerkontakt zusätzlich mit einer Klappe geschützt wird. Das ist etwas umständlich, und wer den Stecker nicht perfekt hineindrückt, bleibt regungslos am Fleck. Der mehrfache Schutz soll Hochdruckreinigern standhalten, die der kundige Kunde selbstredend nie einsetzt, aber als umsichtiger Konstrukteur rechnet man eben mit allem. Ein Geschäft hat sich Specialized derweil selbst zerstört. Das meistverkaufte Zubehörteil war ein Tacho, das Vorgängermodell hatte schlicht keinen. Die erzieherische Vorstellung, Tempo, Strecke und Reichweite möge der Kunde aus Gründen des Purismus auf seinem Smartphone ablesen, hat sich nicht durchgesetzt. Nun informiert ein kleines Display auf dem Oberrohr mit scharfen Zeichen. Dortselbst wird das Turbo Levo auch mit einem Tastendruck in Gang gesetzt.

Es gibt es in diversen Rahmengrößen. Specialized hat eine eigene Nomenklatur erfunden, die sich vom Standard der Beininnenlänge als Maßstab löst. Die neuen Formate sollen stärker Rücksicht nehmen auf Wünsche, ob etwa jemand ein verspielteres Fahrgefühl bevorzugt oder lieber satter am Trail liegen möchte. Vor der Fahrt steht also der Besuch beim Fachhändler, was ohnehin kein schlechter Rat ist angesichts der Investition. Wer die scheut, übt sich in Geduld. Gerade wurde die Version Expert für 9300 Euro eingeführt. Es sollen weitere, günstigere Modelle folgen. Was in der Höhenluft der S-Klasse natürlich relativ ist.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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