Fahrbericht Knaus Van TI Plus

Vier schaffen das

Von Lukas Weber
03.11.2020
, 12:43
Was bringt der Allradantrieb im Wohnmobil? Wir wollten es wissen und sind mit dem teilintegrierten Van TI Plus von Knaus Tabbert auf Basis des Transporters MAN TGE losgefahren.

Planung heißt, den Zufall durch Irrtum zu ersetzen. Wir hatten geplant auszutesten, was ein Allradantrieb im Wohnmobil bringt, indem wir uns vorsichtig an die Grenze herantasten mit einem kräftigen Zugfahrzeug im Hintergrund, das notfalls die Fuhre aus dem Dreck holt. Dann kam der Zufall zu Hilfe – der spärlich mit Gras bewachsene Boden einer Parkgelegenheit auf der Fahrt zum Urlaubsziel schien fest, war aber tiefer als gedacht. Von den Mühen des Antriebsstrangs zeugen die Spuren, die Hinterräder des Knaus Van TI Plus schalten sich über eine Lamellenkupplung in einem Wimpernschlag zu. Davon spürt der Fahrer nichts.

Der Hersteller aus dem verträumten Ort Jandelsbrunn verwendet eine Basis von MAN, der Transporter TGE ist ein Schwestermodell des VW Crafter. Wahlweise gibt es ihn mit Front- oder Hinterradantrieb und mit Allrad, das macht ihn zum Exoten in seiner Fahrzeugkategorie und soll unter widrigen Umständen weiterhelfen. Der Klassiker: Abstellen auf einer trockenen Wiese, dann heftige Regenfälle. Piloten von Geländewagen mit zuschaltbarem Allrad kennen den erstaunlichen Unterschied zwischen zwei und vier angetriebenen Rädern, wir haben uns deshalb mit dem Knaus auch durch etwas tieferen Schlamm gewagt.

Die heftig wühlenden Räder zeigten die Grenzen jener Kombination: Der Erfolg stellt sich nicht ein, wenn die Reifen nur dürftig profiliert sind. Für schwierige Fälle außerdem zu empfehlen ist die gegen Aufpreis von 752 Euro erhältliche Differentialsperre hinten, die unser Testexemplar nicht hatte. Ein geländegängiges Fahrzeug wird der Van TI durch den Allradantrieb natürlich nicht, dazu ist vor allem der Überhang hinten viel zu lang; wer nicht Obacht walten lässt, setzt auf. Das ließe sich durch beherztes Abschrägen des Hecks vermeiden, ginge dann aber zu Lasten des riesigen Stauraums, der von beiden Seiten zugänglich ist.

Der gehört zu den feinen Talenten des Van TI Plus als Camper, auf festen Straßen hat er auch einige. Gegenüber der im vergangenen Jahr gefahrenen Version des Van TI Plus mit Frontantrieb hat unser diesjähriges Fahrzeug neben dem Allradantrieb ein paar weitere Zutaten, als da wären ein Diesel mit 177 statt 140 PS und eine Achtgangautomatik statt der Handschaltung. Das Erfreuliche daran: Der Verbrauch steigt dadurch nicht. Wer sich Mühe gibt, kann mit 10 Litern auf 100 Kilometer hinkommen, bei Reisetempo 120 – der Tacho gaukelt 130 vor – sind es etwa 11,5. Die Automatik schaltet sanft, sie hat aber viel Schlupf. Der starke Motor ist eine Wohltat, nie kommt das Gefühl auf, zu wenig Leistung zu haben.

Muss man wegen eines Notfalls eilig nach Hause und tritt das Gas bis zum Anschlag, erreicht der Van fast 160 km/h, dann genehmigt sich der Vierzylinder allerdings 15 bis 16 Liter, und der Van quittiert Überholvorgänge mit heftigen Seitenwindschlenkern, die aber am kleinen Lenkrad leicht abgefangen werden können. Man gewöhnt sich daran, wie auch an die Rückfahrkamera, die das Bild eines Fischauges liefert. Das Fahrwerk verkraftet alle Schläge unaufgeregt, es ist trotz hinterer Blattfedern weich und wankt dennoch nicht, die serienmäßigen Zusatz-Luftfedern erweisen sich in jeder Hinsicht als Segen.

Man fühlt sich wie in einem Volkswagen

Erfreulich ist auch das Fahrerhaus, der Wohnmobil-Novize fühlt sich auf den vielfach einstellbaren Sitzen mit Armlehnen wie Kris Kristofferson als Rubber Duck im Kinofilm Convoy, eine Sitzheizung gibt es indes nur gegen Aufpreis. Sonst fühlt man sich wie in einem Volkswagen, kein Wunder, es ist ja auch einer. So kommt uns das Navigationssystem bekannt vor, dem freilich die Gangart von Wohnmobilen unbekannt zu sein scheint – die vorausgesagten Fahrzeiten passen eher zu einem Golf GTI mit rücksichtslosem Fahrer. Außerdem stören uns Spiegelungen im unteren Drittel der Scheibe, sie machen das Handy in der Ablage zum Head-up-Display. Ein Teilintegrierter mit Original-Fahrerhaus und angeklebtem Wohnteil erinnert etwas an eine schwangere Termite, das ist Geschmacksache. Das hat aber gegenüber den Nasenbären mit ihrem engen Schlafabteil über den Köpfen den Vorteil, dass an der Stirn ein breites Fenster angebracht werden kann. Bis hinten gibt es deren vier, Sie bringen viel Licht in den hell gestalteten Innenraum.

Jener entspricht dem vor einem Jahr gefahrenen: Konventioneller Aufbau mit Betten im Heck, Küche und Sanitärbereich, davor eine Sitzbank für zwei Personen mit arg steil stehender Lehne und ausklappbarem Tisch, Fahrer- und Beifahrersitz lassen sich nach hinten drehen. Zwei Personen wohnen im knapp sieben Meter langen Van TI Plus auch im Winter komfortabel, zwischen Bad und Spüle können aber nur schlanke Leute aneinander vorbei. Gut gefallen uns die Klappen und Schubladen, die sich zart schließen. Ein drittes Kochfeld haben wir nicht vermisst, aber einen hohen Kleiderschrank. Klassenüblich ist der gesamte Wohnbereich Leichtbau, um die magische Grenze von 3,5 Tonnen einzuhalten.

Womit wir bei den Nachteilen des Allradantriebs wären. Wird es bei einem Leergewicht von knapp drei Tonnen plus Wasser, Treibstoff, Insassen und Gepäck ohnehin schon eng, frisst der 4×4 weitere 130 Kilo von der möglichen Zuladung. Mit Blick auf den Aufpreis von 4630 Euro für etwas, das man so gut wie fast immer unnütz mit sich herumschleift, mag bezweifelt werden, dass sich das lohnt. Wer gerade unterwegs feststeckt, sieht das womöglich anders.

Quelle: F.A.Z.
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Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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