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Fahrbericht KTM 790 Adventure

Locker vom Höcker

Von Walter Wille
 - 10:24
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Fahrbericht KTM 790 Adventure
Doppelter Fahrspaß

Gary Lineker, der Altinternationale, würde es ungefähr so formulieren: Rallye Dakar ist, wenn sich viele Rennfahrer auf einen langen, mörderischen Weg über Stock und Stein aufmachen und am Ende immer Österreich gewinnt. Seit 2001 dominiert KTM den Wettbewerb, der einen Ruf erbarmungsloser Härte genießt wie die Vendée Globe für Solo-Weltumsegler oder Yukon Arctic Ultra für Extremläufer. Wenn die racingverrückte Mannschaft in Orange ein geländegängiges Reisemotorrad auf den Markt bringt, dann wäre es nicht echt ohne den serienmäßig eingebauten Geist der Dakar.

Ein solches Fahrzeug muss, na klar, eine verlässliche Maschine sein, vor allem aber ein Kumpel, der einem die Gewissheit gibt, durch Dick und Dünn zu gehen. Egal wie dick, egal wie dünn. Leichtgewichtig und leicht zu dirigieren, nicht überfordernd in haarigen Situationen, vertrauenerweckend, wenn es in den persönlichen Grenzbereich geht. Die KTM 790 Adventure ist das Motorrad, dem die Szene seit Monaten mit genau diesen Erwartungen entgegenblickt.

Jetzt kommt sie in den Handel, für 12.759 Euro. Und sie kommt nicht allein. Von Anfang an begleitet wird sie von einer R-Version für 1000 Euro mehr, die mit Änderungen in gar nicht mal so vielen, aber einigen wesentlichen Punkten entschieden Richtung kerniges Offroad-Bike mit Nehmerqualitäten getrimmt ist. Die eine preist KTM als „das offroadtauglichste Langstrecken-Motorrad“ an, die andere als „langstreckentauglichstes Offroad-Motorrad“.

Eine Mildere und eine Wildere also. Im Fall der Adventure ohne R setzt KTM auf ein ausgewogenes Verhältnis von Asphalt und Nichtasphalt, wobei deren großdimensionierte Speichenräder – vorn 21, hinten 18 Zoll – und lange Federwege von 200 Millimeter schon ein Zeichen der Erdverbundenheit setzen. Auch die Basis-Fassung der Maschine ist für Sauereien zu haben, nicht zuletzt dank ihres moderaten Gewichts von 189 Kilo ohne Treibstoff sowie eines konstruktiv interessanten Kniffs: Der 20-Liter-Tank ist im oberen Teil klein und schmal gehalten, zieht sich dafür links und rechts an den Fahrzeugseiten herunter. Der Großteil des Tankvolumens befindet sich weit unten, das Benzin lagert vor den Füßen des Fahrers. Im Sinne des Handlings ist ein niedrig liegender Schwerpunkt eine feine Sache, zudem gewährt die flache, schlanke Oberseite des Tanks im Offroad-Einsatz Bewegungsfreiheit für Fahrer oder Fahrerin.

Der Hängebauchtank mag mit dem gängigen Schönheitsideal schwer zu vereinbaren sein, hat aber seinen Reiz durch das Wissen um die Tatsache, dass das Prinzip von KTM-Wettbewerbsmaschinen stammt. Er ermöglicht im Zusammenspiel mit der Kompaktheit des Zweizylindermotors zudem eine für diese Art Motorrad sensationell geringe Sitzhöhe. Mit 830/850 Millimeter (die Bank lässt sich verstellen) schreckt die 790 Adventure auch Menschen unter einsachtzig nicht ab. Bedenken, dass der Treibstoffbehälter bei Stürzen Schaden nehmen könne, weisen die KTM-Mannen energisch zurück. Das sei ausgiebig geprüft worden. Auf Testfahrten auch schon mal unfreiwillig.

Sehnsuchtsort vieler von Motorrad-Fernweh Geplagten

Dem Ziel, gar nicht erst zu stürzen, dient die famose Motorabstimmung. Der quirlige 799-Kubik-Reihenzweizylinder, der als mittragendes Teil im Rahmen steckt, ist weitgehend identisch mit dem des schon bekannten Naked Bikes 790 Duke, wurde jedoch durch andere Nockenwellen, Steuerzeiten und Ansaugwege so modifiziert, dass er vor allem in niedrigen Drehzahlen viel Schub zur Verfügung stellt. Seine Bulligkeit hilft beim Durchzirkeln von Kehren oder beim Entschärfen kniffliger Situationen auf losem Untergrund. Zum Beispiel im großen nordafrikanischen Sandkasten, Sehnsuchtsort vieler von Motorrad-Fernweh Geplagten, wo KTM der Presse die beiden Adventures präsentierte. Während Dakar-Heroen als Tourguides Richtung und Tempo vorgaben, prüfte der eine oder andere zur Berichterstattung Entsandte bei der Gelegenheit die Haltbarkeit von Tank und sonstigen Bauteilen unfreiwillig.

95 PS bei 8000 Umdrehungen, 88 Nm bei 6600/min und 200 km/h vermeldet das Datenblatt als Höchstwerte. Damit ist die Neue nicht der Super-Trumpf im Reiseenduro-Quartettspiel, was kein Makel, sondern Absicht ist nach der Devise: Weniger ist mehr. „Sie boxt weit über ihrer Gewichtsklasse“, ist KTM überzeugt. Die 790 Adventure in ihrer für den Hersteller aus Mattighofen typischen Sportlichkeit wird nur wenige Gegner finden und am ehesten gegen Kaliber wie die Honda Africa Twin, Triumph Tiger 800, Ducati Multistrada 950 in den Ring steigen oder die neue Yamaha Ténéré 700, die in wenigen Wochen vorgestellt werden soll. Sie geht die Aufgabe mit einer überaus respektablen Ausstattung an: Kurven-ABS mit Offroad-Modus, schräglagenabhängig arbeitende Traktionskontrolle, deren Toleranz stufenweise reguliert werden kann, drei Fahrprogramme (Straße, Gelände, Regen), LED-Licht, farbenprächtiger Bildschirm in TFT-Technik, verstellbare Lenkstange, Smartphone-Konnektivität zählen zur Standardausstattung, während der ausgezeichnet funktionierende Schaltassistent aufpreispflichtig ist. Das gilt auch für Tempomat und Griffheizung, Annehmlichkeiten, auf die man auf Reisen ungern verzichtet.

Die Blinker schalten leider nicht automatisch ab, was in der Sahara egal, ansonsten aber ein bisschen schade ist. Bis zu 450 Kilometer Reichweite mit einer Tankfüllung, wie KTM verspricht, sind ein wichtiges Argument zugunsten der 790 Adventure. Ihrer Rolle als Weltenbummlermaschine soll sie ferner durch vermeintliche Kleinigkeiten wie die unkomplizierte Erreichbarkeit von Batterie, Luftfilter, Sicherungen, durch Staufächer hinter den Seitenverkleidungen am Heck oder das Handyfach mit Ladeanschluss unterm Sattel gerecht werden.

So weit, so gut. Jetzt stelle man sich das Ganze eine Nummer martialischer vor. Offroad-Fahrwerk vom Feinsten, gewaltige Federwege von 240 Millimeter, noch mehr Bodenfreiheit (263 statt 233 mm), mehr Sitzhöhe (880 mm), Grobstollenreifen, hoch montierter Vorderrad-Kotflügel, niedrigerer und getönter Windschild, runde statt eckige Rückspiegel – das ist die 790 Adventure R. Die fährt – trotz baugleichen Motors und identischen Gewichts – in einer anderen Welt. Beziehungsweise wühlt.

Wo die Straße aufhört, fängt mit der R das Vergnügen richtig an. Ihren Piloten plaziert sie nicht auf einem zweigeteilten, gestuften Komfortpolster, sondern auf einem einteiligen, straffen Enduro-Schemel, gibt ihm drüber hinaus den vierten Fahrmodus „Rally“ an die Hand, der für die Standard-Adventure nur gegen Aufpreis erhältlich ist, verschärfte Einstellmöglichkeiten zur Verfügung stellt und seinen Namen verdient. Wer sich in Dünen und Geröllfeldern so zu Hause fühlt wie ein Kamel, lässt sich damit von nichts aufhalten. Und auch wer eine Rallye nur aus dem Fernsehen kennt, kann ihn spüren, den Geist der Dakar.

Quelle: F.A.Z.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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