Fahrbericht Kia Sorento

Auf den zweiten Blick

Von Holger Appel
15.01.2021
, 15:44
Mit dem maskulin gezeichneten Sorento möchte der koreanische Hersteller Kia im umkämpften Segment ein neues Wörtchen mitreden. Das gelingt überraschend gut.

Es gibt Autos, die sehen auf Fotos hinreißend aus und verlieren im Straßenbild ihre Attraktivität. Und es gibt den neuen Kia Sorento. Der bricht mit der Tradition seines seit 2015 gebauten Vorgängers und hat uns erst einmal erschreckt mit seinen wie aus einem zur Übertreibung neigenden Gewichtheberstudio gespannten Formen, mit den wie ein überdehnter Sehnenstrang emporragenden Rückleuchten, mit einer im Nirgendwo des hinteren Seitenfensters auslaufenden Zunge in Wagenfarbe. Die horizontale Dehnung der Front, wie wird sie passen zur senkrechten Erscheinung des Hecks?

Wir dürfen, nachdem der Sorento erstmals live vor dem Redaktionsgebäude auftauchte, konstatieren: im Original ein Ausrufezeichen, ein überraschend gut gelungenes dazu. Der Wagen wirkt stämmig, aber nicht aufdringlich, maskulin, aber nicht plump, kräftig, aber nicht krawallig. Die Verwunderung setzt sich nach dem Öffnen der Türen fort, es riecht innen nicht nach billigem Kunststoff, wie das oft in günstigen Autos ist und früher auch bei Kia der Fall war. Stattdessen weht gewisser Genuss durch den Raum.

Auch Augen und Hände werden verwöhnt. Die Oberflächen sind fein verkleidet und strukturiert, die Sitze adrett gemustert und von akkurat gesetzten Nähten eingefasst, der Materialmix zeugt von bemerkenswerter Stilsicherheit, die auch europäischen Geschmack trifft. Das ist keine Selbstverständlichkeit für Fahrzeuge aus Fernost. Es zahlt sich, obgleich der Sorento stärker als etwa das Modell Ceed amerikanisch orientiert ist, ganz offensichtlich aus, dass Kia in und um Frankfurt ein starkes Standbein hat, das sich nicht nur um den Vertrieb, sondern auch um die Emotionalität eines Autos kümmert.

In die Version mit Dieselmotor passt etwas mehr rein

Auf den Vordersitzen sind Langstrecken ein Vergnügen, in der zweiten Reihe lässt es sich recht gut aushalten, in Reihe drei ist trotz der Möglichkeit, das Gestühl davor zu verschieben, Schluss mit Lustig. Aber immerhin, sie ist an Bord. So wird der Sorento zum Siebensitzer, zumindest für kurze Strecken, bis ganz hinten die Thrombose zuschlägt. Möglich macht die neue Beinfreiheit die frische SUV-Plattform des Hauses. Sie erlaubt bei nahezu unveränderten Außenmaßen 35 Millimeter mehr Radstand, ein vorteilhafteres Gesamtpaket und die dem Aussehen zuträgliche gestrecktere Motorhaube. Obgleich der Innenraum mitsamt der 965 Euro extra fordernden dritten Sitzreihe zugelegt hat, bleibt ein sauber verkleideter Kofferraum mit ordentlichem Volumen. In die Version mit Dieselmotor passt etwas mehr rein, aber auch in der mit Hybridantrieb herrscht kein Platzmangel. Beladen gelingt rückenschonend, allerdings sind Kopfnüsse an der zu niedrig aufschwingenden Heckklappe programmiert.

Das Cockpit mit seinen klar ablesbaren Zeigern wirkt modern, ohne Weltraumallüren an den Tag zu legen. Allein die Kilometerstand oder Klimatemperatur meldenden Ziffern haben sie im Gestern vergessen, so wie das Markenlogo, das wie ein Relikt aus Billigheimer-Zeiten mitleiderregend auf dem Pralltopf prangt – und alsbald wohl geändert wird. Welch Wohltat sind dagegen die verbliebenen Kippschalter, zum Beispiel für Beheizung und Kühlung der Sitze, silbrig schimmernd und sauber rastend. Gut durchdacht sind die mannigfaltigen Ablagen, und weil ein Auto gar nicht vernetzt genug sein kann, sind haufenweise USB-Anschlüsse über alle Plätze verteilt. Dazu spielt eine feine Musikanlage von Bose auf, es reist sich wahrlich angenehm im neuen Sorento. Das liegt auch an der umfangreichen Ausstattung. Schon das Basismodell Edition 7 hat LED-Scheinwerfer, Rückfahrkamera, Parksensoren sowie Stau- und Spurhalteassistent an Bord.

Kontraproduktiver Murks

Die besseren Ausstattungsversionen nennen sich Vision, Spirit und Platinum. Hier gibt es Ausstiegs- und Ausparkassistenten und einen Remote-Parkassistenten, der über die Tasten des Fahrzeugschlüssels den Wagen fernbedient einparken kann. Und ein richtiges Head-up-Display, das die Informationen deutlich in die Windschutzscheibe einblendet. Direktwahltasten für den – wie in vielen Autos der Konkurrenz auch – nervtötenden, weil nervösen und bisweilen erratisch korrigierenden Spurhalteassistenten gibt es nicht mehr. Leider. Kia hat so entschieden, weil es im Unfalltest Euro-NCAP gesonderte Punkte gibt, wenn sich die Korrektoren nur unter umständlichem Aufwand abschalten lassen. Wir haben das schon öfter geschrieben: Das ist kontraproduktiver Murks auch des Gesetzgebers, der am Lenkrad mehr irritiert denn die Sicherheit erhöht.

Eine jüngere Spezialität des Hyundai-Kia-Konzerns zieht auch in den Sorento ein. Der Totwinkelassistent spielt das Geschehen seitlich des Fahrzeugs mittels Außenkamera als Videofilm in den Tachometer ein. Wir haben uns damit nie recht angefreundet. Allerdings verstellt die B-Säule größeren, mithin den Sitz weiter zurückschiebenden Fahrern den Schulterblick, insofern ist das technische Hilfsmittel gern genommen.

Es ist schon einige Zeit her, als wir zuletzt einen Sorento bewegten. Wir haben ihn als behäbigen Gesellen in Erinnerung. Das Gefühl verfliegt mit dem Neuen. Er ist zwar kein Dynamiker vom Schlage der X-Burschen von BMW oder der Q-Herde von Audi, aber plötzlich kommt im Kia Freude am Fahren auf. Das Fahrwerk hat den hohen Aufbau recht gut im Griff, die Neigung in Kurven hält sich in sicheren Grenzen. Der Federungskomfort ist langstreckentauglich, wenngleich die grundsätzliche Abstimmung straff ausgeführt wurde. Wer Kanaldeckel oder Querfugen überfährt, bleibt darüber denn auch nie im Unklaren. Unser Testwagen hatte freilich satte 225/45 R 20-Reifen drauf, die Schönlinge mögen etwas Leid mitverursachen. 2

Der Motor läuft kultiviert

Für Vortrieb sorgen zunächst ein 2,2-Liter-Turbodiesel mit 202 PS oder ein 1,6-Liter-Benziner mit Mildhybrid und 230 System-PS. Jeweils verbunden mit Vorderrad- oder Allradantrieb. Der von uns bewegte Diesel überträgt seine Kraft über ein achtstufiges DCT-Getriebe sanft und präzise. Der Motor läuft kultiviert und überzeugt mit seinem zum Fahrzeugtyp bestens passenden Durchzug, verbraucht mit 8,9 Liter aber deutlich mehr als nach Norm.

Kia erwartet, dass sich 90 Prozent der Käufer für den Diesel oder später den Plug-in-Hybrid entscheiden. Wir erwarten, dass sich künftig mehr Interessenten für den Sorento entscheiden.

Unser Fazit

STARK: Dass Kia angestaubte Formen hinter sich lässt und Liebe zu adretten Einrichtungsgegenständen entdeckt. Die praktischen Seiten, bis auf die an der Schläfe interessierte Heckklappe halt.

SCHWACH: Die Überversorgung an piepsend oder bimmelnd mahnenden Aufpassern. Der etwas zu große Durst.

BEDENKENWEGTRÄGER: Sieben Jahre Garantie sind ein Wort, das unsere Sorgen über den Restwert lindert.

Technische Daten und Preis

Empfohlener Preis 54.384 Euro

Preis des Testwagens 56.021 Euro

Vierzylinder-Dieselmotor, vier Ventile je Zylinder, Direkteinspritzung, Hubraum 2151 Kubikzentimeter

Leistung 202 PS (148 kW) bei 3800 U/min, maximales Drehmoment 440 Nm bei 1750 bis 2750 U/min

Doppelkupplungsgetriebe mit acht Stufen

Allradantrieb

Länge/Breite/Höhe 4,81/1,90/1,70, Radstand 2,82, Wendekreis 11,60 Meter

Leergewicht 1852, zulässiges Gesamtgewicht 2510, Anhängelast 2500 Kilogramm, Kofferraumvolumen 705 bis 2100 Liter

Reifengröße 255/45 R 20

Höchstgeschwindigkeit 202 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 9,2 s

Verbrauch 7,6 bis 9,8, im Durchschnitt 8,9 Liter Diesel auf 100 Kilometer, 158 g/km bei einem Normverbrauch von 6,0 Liter, Tankvolumen 67 Liter

Komfort & Sicherheit Bose-Musikanlage, Head-up-Display, Navigationssystem mit 26-cm-Bildschirm, Rückfahrkamera, Park-, Stau- und Spurhalteassistent, Müdigkeitswarner, Bluetooth, DAB+, USB, Zwei-Zonen-Klimaautomatik

Die Anderen

Hyundai Tucson 1.6 CRDi Das Schwestermodell, 136 PS, ab 45.200 Euro

Mazda CX-5 Skyactiv-D Japanischer Schönling, 184 PS, 43.490 Euro

Renault Kadjar TCe 160 Mit Nissan-Genen, 160 PS, ab 39.350 Euro

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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