Fahrbericht VW Caddy

Er mag Olivenbäume

Von Boris Schmidt
09.05.2021
, 16:56
Der heimliche Star im VW-Programm gleich nach dem Bus ist sein kleiner Bruder Caddy. Mehr Nutzraum auf kompakter Fläche geht kaum, und der sparsame Umgang mit Kraftstoff überzeugt.

Wie viele Marken hat der VW-Konzern? Mehr als zehn? Ja, und das gute Dutzend voll macht die Sparte „Volkswagen Nutzfahrzeuge“, die neben MAN, Scania oder auch Ducati in ihrer Eigenständigkeit gern vergessen wird. Die Marke wird von Hannover aus gesteuert, dort gibt es sogar ein Werk, in dem der Transporter gebaut wird. Gemeint ist damit der VW Bus, das deutsche Nutzfahrzeug Nummer 1, das gleich nach dem Käfer kam und längst Kultstatus hat. Inzwischen läuft die sechste Generation vom Band, die siebte folgt bald. Der VW Caddy dagegen ist erst bei der fünften Generation angekommen. Seit 1979 bereichert der Kastenwagen das Nutzfahrzeugangebot und begeistert alle, die viel Raum auf kleiner Grundfläche suchen.

Noch frisch im Markt ist der neue Caddy 5, der jetzt auf der gleichen Plattform steht wie der aktuelle Golf VIII. Allerdings blieb es bei der Starrachse hinten, das ist der möglichst hohen Zuladung für den gewerblichen Einsatz geschuldet. Immerhin hat der fünfte Caddy hinten endlich keine Blattfedern mehr, sondern moderne Schraubenfedern. Zum Fahrverhalten eines Golf fehlt aber schon noch ein großes Stück, doch der ist natürlich in Sachen Nutzraum hoffnungslos unterlegen.

Ein Caddy bietet dank seines kastigen Aufbaus auf seinen 4,50 Meter Länge bis zu 2556 Liter Ladevolumen, reichliche 1200 Liter sind es allein hinter der Rücksitzbank. Die lichte Breite des Laderaums mit der niedrigen Ladekante beträgt 1,15 Meter, die Höhe 1,25 Meter. So passt eine Waschmaschine locker stehend in den Wagen oder eine Palette frischer Olivenbäume aus dem Gartencenter. Die asymmetrisch geteilte Rückbank lässt sich zusammenfallten und senkrecht stellen, dann misst die plane Ladefläche 1,70 Meter. Soll eine zwei Meter hohe alte Tür transportiert werden, ist das auch kein Problem.

Die Bank ließe sich mit wenigen Handgriffen ganz ausbauen, was weitere knapp 30 Zentimeter Ladelänge brächte. Doch die Tür passt auch schräg prima in den Laderaum, vorne liegt sie dann auf den Kopfstützen auf, und die riesige Heckklappe, die weit nach oben schwingt, lässt sich noch schließen. Ein Nebeneffekt der lichten Höhe ist die sehr gute Kopffreiheit auf allen Plätzen. Wem die Ladetalente noch nicht ausreichen, der kann den 4,85 Meter langen Caddy Maxi bestellen, was ein Ladevolumen von mehr als 3000 Liter bedeutet. Dann bietet sich auch eine dritte Sitzreihe an, doch auch für das kurze Modell gibt es sie gegen 869 Euro Aufpreis. Freilich bleibt als Siebensitzer kaum noch Laderaum übrig. Rechnerisch sind es 191 Liter.

Die Fondpassagiere gelangen traditionell über Schiebetüren mit starren Fenstern ins Wageninnere. Vor allem Eltern lieben diese Türen, die Kinder können sie nirgends dagegenhauen, und der Einstieg gelingt auch in engen Parklücken viel besser als mit Klapptüren. Und mit Fensterhebern rumzuspielen fällt zudem flach. Hinten sitzen Kind und Kegel recht gut, zwar eher steil und aufrecht, aber bequem. Der Testwagen war ein Sondermodell zum Marktstart, Move genannt. Es kommt von Haus aus mit einem festen Glasdach, das gute Raumgefühl wird so noch gesteigert. Move-Modelle sind immer noch zu haben, auch weil die Benziner-Caddy später nachgeschoben wurden. Auch ein Erdgas-Modell soll noch kommen, und zudem ist Allradantrieb geplant. Ob es einen Plug-in-Hybrid geben wird, ist noch offen.

Start-Stopp-System arbeitet ausreichend harmonisch

Gestartet wurde im November 2020 nur mit Dieselmotoren, der Testwagen hatte einen Zweiliter-TDI unter der Haube, der 122 PS bietet und ein schönes Drehmoment von 320 Newtonmeter schon bei 1600 Umdrehungen in der Minute. Untermotorisiert ist er damit nicht, die Basis bietet 102 PS und 280 Nm, ebenfalls aus zwei Litern Hubraum. Mit dem stärkeren Diesel wird stets ein gut arbeitendes Doppelkupplungsgetriebe kombiniert, das sieben Gänge bietet. Das Schalten kann somit der schlauen Technik überlassen werden, was gut funktioniert, auch das Start-Stopp-System arbeitet ausreichend harmonisch.

Dabei gehört der Caddy zu den Autos, in denen man den Motor noch hören kann, wobei wir die Maschine nie als störend empfanden. Das Triebwerk geht flink und munter zur Sache, wenn es sein soll, beschleunigt es den Kastenwagen auf mehr als 180 km/h. In diesen Tempo-Regionen wird es schon laut, und die Empfindlichkeit gegen Seitenwind nimmt zu. In der Regel fährt man einen Caddy nicht so, sondern beschränkt sich vielleicht auf maximal 150 oder 160 km/h, und selbst dann gelingt es kaum, den Verbrauch an Dieselkraftstoff jenseits der Sieben-Liter-Marke zu pushen. Wer strikt nur 120 km/h fährt, dann bei rund 1800/min im siebten Gang, wird auf flacher Autobahn mit einem Verbrauch von 5,6 Liter im Schnitt auf 100 Kilometer belohnt. Da lässt es sich nicht meckern, und Familien freuen sich über die Schonung ihres Budgets.

Aber leider sind auch bei einem Caddy die Einstandspreise inzwischen sehr hoch. 35.879 Euro waren der Grundpreis des Testwagens, die Modellreihe startet bei 26.245 Euro. In den Test-Caddy hatten die Flottenplaner für fast 10.000 Euro Extras gepackt, die Navigation für 2106 Euro und das Travel-Assist-Paket mit 2172 Euro waren die größten Posten. Gut gefallen hat die blaue Lackfarbe, genannt „Costal Azur“, sie kostet 649 Euro.

Eigentlich positiv: Weil die technische Verwandtschaft zum Golf VIII eng ist, haben viele moderne Assistenzsysteme Einzug gehalten. Da ist der Caddy komplett auf der Höhe der Zeit, nur ein Head-up-Display gibt es nicht. Leider erbt er somit das neue VW-Bediensystem mit dem unsäglichen Wischen auf Flächen, für die Regulierung der Heizung zum Beispiel. Und der Touchscreen reagiert nicht immer auf den ersten Touch, das ist einfach lästig und eine Verschlimmbesserung.

Und wie der Golf hat der Caddy nur einen kleinen Knubbel für die Wahl der Fahrtrichtung in der Mittelkonsole. Weil drum herum viel Platz ist, legt man da gern was hin, was oft stört, wenn der Knubbel wieder gebraucht wird oder den Startknopf verdeckt, wenn der zum Stoppen der Maschine gebraucht wird. Ohnehin finden sich viele nützliche Ablagen im Caddy, auch oben auf dem sonst digitalen Armaturenbrett, unter den Fahrersitzen sind Schubladen, die Fächer in den vorderen Türen sind groß. Er ist halt ein prima praktischer Familienwagen.

Unser Fazit

STARK: Das riesige Platzangebot auf kompakter Grundfläche. Sparsamer und ausreichend starker Motor, sanft agierendes Doppelkupplungsgetriebe.

SCHWACH: Das Bedienkonzept ist zwar aus dem Golf, was aber nicht heißt, dass es gut ist. Hinten nur Starrachse.

FREIZEIT WAGEN: Wie beim großen Bruder T6 gibt es auch ein Modell California mit kleiner Küche und einem Zelt, das maßgeschneidert ans Heck passt.

Technische Daten und Preis

Empfohlener Preis 35.879 Euro

Preis des Testwagens 45.802 Euro

Vierzylinder-Turbodiesel, Hubraum 1968 Kubikzentimeter, 122 PS (90 kW) bis 2750 bis 4250/min, maximales Drehmoment 320 Nm bei 1600 bis 2500/min

Frontantrieb

Doppelkupplungsgetriebe, 7 Stufen

Länge/Breite/Höhe 4,50/1,86/1,83, Radstand 2,76, Wendekreis 11,40 Meter

Leergewicht 1700, zulässiges Gesamtgewicht 2250, Anhängelast 1500 Kilogramm, Kofferraumvolumen 1212 bis 2556 Liter

Reifengröße 255/55 R17 98h

Höchstgeschwindigkeit 186 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 11,2 s

Verbrauch 5,6 bis 7,1 Liter Diesel, im Durchschnitt 6,8 Liter auf 100 Kilometer, 136 g/km CO2 bei einem Normverbrauch von 5,2 Liter (WLTP), Tank 50, Adblue 15 Liter

Komfort & Sicherheit ABS, ESP, adaptiver Tempomat, Spurhaltekontrolle, Totwinkelassistent, Notbremsassistent, Rückfahrkamera, Verkehrszeichenerkennung, automatisches Fernlicht, Reifendruckkontrolle, Start-Stopp, Navigation, Audioanlage, Ladeschale fürs Handy

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmidt, Boris
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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