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Fahrtbericht Nissan Leaf

In der Ruhe liegt der Saft

Von Holger Appel
 - 15:32
© Hersteller, F.A.Z.

Dieser Text könnte so beginnen: Das Elektroauto ist Murks, untauglich im Alltag, es schränkt über Gebühr ein und die Fummelei mit dem Kabel verdirbt einem jegliche Freude.

Oder er könnte so anfangen: Das Elektroauto entwickelt seine eigene Faszination, Nissan hat mit dem mehr als 24.000 Mal gebauten Leaf das derzeit vermutlich reifeste Angebot, mit den Beschränkungen lernt man umzugehen, das gute Gewissen fährt mit und diese Ruhe - ach, herrlich.

Beides wäre richtig, das macht eine Beurteilung so schwierig.

Reichweite

Beginnen wir also mit einer Begebenheit aus unserem Testalltag. Ein jedes Fahrzeug muss irgendwie in die Redaktion gelangen, was in der Regel „auf Achse“ geschieht. Die wenigen Elektroautos, die bisher da waren, kamen auf einem Anhänger, denn Reichweite und Ladezeit machen Reisen unmöglich.

Der Nissan Leaf indes verführt dazu, die Fahrt von der Deutschland-Zentrale bei Köln nach Frankfurt mit einem Schnelllade-Stop aus eigener Kraft in Angriff zu nehmen, schließlich versprechen die Japaner mit vollem Akku 175 Kilometer Reichweite.

Schon nach wenigen Minuten bewahrheitet sich freilich, was sich als goldene Regel für jedes Elektroauto herausstellt: Die Autobahn ist der Reichweitenkiller. Die zuständige Digitalanzeige fällt ebenso schnell, wie der Adrenalinspiegel des Fahrers steigt.

Die Hand greift zum Wählknopf und legt die Stufe „Eco“ ein. Mit 80km/h stehen die Chancen besser, ans Ziel zu gelangen. Ausschalten der ohnehin zu schwach dimensionierten Klimaanlage addiert weitere fünf Kilometer, man wird ja bescheiden, in der Stadt bringt der Verzicht auf einen kühlen Kopf 15 Kilometer, aber das nützt jetzt nichts. In Montabaur ist der Traum ausgeträumt, knapp 100 Kilometer hat der Leaf geschafft, bis er sich auf den Hof eines Nissan-Händlers rettet.

Laden

Die Händler sollen über Schnellladepunkte verfügen, an denen sich das Gefährt mittels Mode-3-Kabel binnen 30 Minuten zu 80 Prozent aufladen lässt. Leider trifft das noch nicht auf alle zu, jener hat nur eine Haushaltssteckdose wie du und ich. Das ist das Ende der Fahrt, denn das für jedermanns Dose vorgesehene EVSE-Kabel begrenzt zum Schutz vor Überlast den Ladestrom auf 10 Ampere, womit ein kompletter Ladevorgang bis zu 14 Stunden dauert. So nimmt der Chauffeur den Zug nach Hause, kehrt am nächsten Tag mit demselben zurück und bringt den Leaf in Etappe zwei ans Ziel.

Leistung

Wer es krachen lässt, den Nissan mit der beachtlichen (die meisten Konkurrenten schaffen nur 130 km/h) Höchstgeschwindigkeit von 145km/h (unser Exemplar schien enthemmt und lief Tacho 166 km/h) über die Autobahn jagt, dem geht schon nach 40 bis 50 Kilometer der Saft aus. Haken wir also Reisen ebenso ab wie eilige Etappen über Land.

Stadtfahrt

In der Stadt und auf der Fahrt aus dem Vorort ins Büro zeigt sich der Leaf indes von seiner starken Seite. Hier gelingt es zeitweise sogar, zusätzliche Reichweite „in den Akku zu fahren“. Durch die effektive und mit angenehmer Verzögerung versehene Bremsenergie-Rückgewinnung entstehen Reichweiten, die allemal für das tägliche Geschäft ausreichen.

Lautstärke

Des Abends hängt man den Leaf an die Steckdose und nimmt ihn morgens aufgeladen in den Tag. Das geschieht mittels Druck auf den Startknopf, der eine Lightshow auf der Anzeigetafel in Gang setzt und den Raum erfüllt mit sanften Klängen eines Windspiels aus dem Geisha-Haus. Hernach herrscht entspannte Stille, man könnte glatt vergessen loszufahren.

Tut man es doch, verbünden sich die Sitze, die vorne wie hinten Sessel für die kaiserliche Kleinfamilie sind, mit dem komfortbetonten Fahrwerk und dem säuselnden Motor zu einer Quelle der Fortbewegung, die wolkengleich schwebend ihre Kraft aus der Ruhe schöpft. Der Lärm anderer Verkehrsteilnehmer wirkt plötzlich aufdringlich, es ist erstaunlich, wie Fahrten im Leaf auf die Psyche der Passagiere wirken: ausgleichend, beruhigend, entschleunigend.

Fahrverhalten

Gepäck lässt sich in erfreulichem Maße einladen, klappbare Rücksitze sind keine Selbstverständlichkeit im Elektro-Reich. Scharfe Kurven mag der 1,6 Tonnen schwere Leaf nicht, Ampelstarts indes führen zu Genugtuung, hinterlässt die lineare Beschleunigung doch in Gesichtern von Sportwagenfahrern Spuren der Fassungslosigkeit.

Verbrauch

Im Durchschnitt addiert sich dies unter vollem Einsatz der Klimaanlage zu einem Verbrauch, der mit rund 22kW/h auf 100 Kilometer klar über der Normangabe liegt. Setzt man 22 Cent je Kilowattstunde Strom und 1,50 Euro je Liter Kraftstoff an, ergibt sich ein Äquivalent von ungefähr 3,2 Liter Kraftstoff.

Ladevorgang zu Hause

Zum Alltag gehören andere Hürden. Im Nissan sind gleich zwei Ladekabel mitzuführen, die nach kurzer Zeit sich verheddernd umherliegen wie daheim an Papis Rasenmäher. Eines ist mit Haushaltsstecker versehen, das zweite mit einem Mennekes-Spezialstecker. Zum Laden muss das sechs Meter lange und vier Kilogramm wiegende Kabel vorn ins Auto gesteckt werden, dazu ist die Klappe aus dem Innenraum heraus zu entriegeln. Die andere Seite gehört in die Steckdose, die nicht allzu weit entfernt sein sollte, denn die Benutzung eines Verlängerungskabels ist untersagt.

Wir trauten uns zudem nicht, das orangefarben leuchtende Kabel des Nachts quer über den Bürgersteig zu legen, könnte doch jemand darüber stolpern. Wer eine Garage hat, mag sich zur Installation einer Ladebox entscheiden, die kostet rund 950 Euro und liefert volle Kraft binnen acht Stunden.

Ladevorgang in der Stadt

Zur Stromaufnahme im öffentlichen Raum bieten sich Ladesäulen der Energieversorger an, sofern sie nicht, wie dauernd geschehen, von Fahrern herkömmlich betriebener Fahrzeuge zugeparkt sind. Einmal mussten wir in zweiter Reihe tanken, einmal auf dem Bürgersteig. Immerhin war diesmal eine Elektro-Parkbucht am Flughafen Frankfurt frei, das ist nicht trivial, denn Fraport schafft es nicht, die drei Plätze für Elektroautos freizuhalten.

Zum Auffinden derselben hilft die bordeigene Navigation mit bestens funktionierendem Touchscreen. Freilich zeigt die nicht die nächstgelegene Ladesäule an, sondern die nächste von RWE, weil Nissan einen Vertrag mit dem Essener Konzern hat. Manchmal ist ein regionaler Versorger dichter dran, in Frankfurt wählten wir des Öfteren Mainova.

Laden funktioniert durch einfachen Handyanruf, sodann gibt die Säule eine Dose frei, Strom fassen, fertig. Oder, komplizierter, mittels Durchgabe eines Codes an die Hotline von RWE. Oder durch einmalige Freischaltung, sofern das Ladekabel über eine Programmier-Einheit verfügt, die den Code zu speichern vermag und sich selbsttätig an der Säule einbucht. Abgerechnet wird via EC-Lastschrift, Kreditkarte oder Handyrechnung. Wird der Stecker ohne abermaligen Anruf der Mobilnummer gezogen, erhält der Fahrer eine SMS „Ladevorgang unerwartet abgebrochen“. Das hilft gegen Schelme, die einem den Saft abdrehen. Gegen Diebstahl wäre ein Vorhängeschloss mitzuführen. Manche Säulen wiederum blockieren den Stecker, bis der Anruf eingeht.

Fazit

Ja, die Welt des Elektroautos ist keine einheitliche. Man gewöhnt sich leidlich daran, wie an das gesamte Neuland, das beschritten wird. Der Weg wird ein weiter sein, und falls er nicht in die Sackgasse führt, ist der Leaf ein attraktiver Begleiter. 36.990 Euro verlangt Nissan. Das ist viel für ein Auto mit beschränkter Einsatzmöglichkeit, aber relativ erträglich für ein elektrisches und ein geradezu verführerisches Angebot für diese rollende Oase der Ruhe.

Nächste Woche: Audi A 8 hybrid 2.0 TFSI

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 36.990 Euro
Preis des Testwagens 36.990 Euro

Antrieb Wechselstrom-Synchronmotor mit 80 kW (109 PS), 280 Nm Drehmoment von 0 bis 2730/min

Einstufiges Automatikgetriebe

Lithium-Ionen-Batterie mit 24 kWh, Reichweite 175 km nach Norm, ohne Klimaanlage, Ladezeit 8 bis 14 Stunden

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,45/1,77/1,55 Meter

Radstand 2,70, Wendekreis 10,4 Meter

Leergewicht 1642, zulässiges Gesamtgewicht 1965 Kilogramm, Anhängerbetrieb nicht möglich, Kofferraumvolumen 330 bis 680 Liter bei umgeklappten Rücksitzen

Reifengröße 205/55 R 16

Höchstgeschwindigkeit 145 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 11,9 s

Verbrauch im Durchschnitt 22 kWh Strom inkl. Klimaanlage, bei Normverbrauch von 17,3 kWh je 100 Kilometer

Versicherungs-Typ-Klassen HP 17, TK 18, VK 21

Garantie drei Jahre oder 100.000 km, auch auf Lack, zwölf Jahre gegen Durchrostung, Mobilitätsgarantie drei Jahre bei autorisiertem Service

Quelle: F.A.Z.
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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