So reinigen Sie ihr Rad

Der verflixte Frühlingsfahrradputz

Von Hans-Heinrich Pardey
24.03.2015
, 10:21
© Johannes Krenzer, Johannes Krenzer
Fahrradputzen ist offensichtlich nicht beliebt. Dabei fehlt es nicht an Putz- und Pflegemitteln, die es im Frühling weniger lästig machen. Doch was hilft wirklich?

Angesichts von fast so vielen Fahrrädern wie Bürgern - rund 72 Millionen zu 80 Millionen - ist es verwunderlich, dass nicht an jeder Ecke eine Waschbox für Fahrräder steht. Solche Waschautomaten existieren und funktionieren ähnlich wie Waschstraßen für Autos, sind aber proportional kleiner und kommen ohne riesige rotierende Bürsten aus. Man findet sie nur ganz vereinzelt, noch weniger häufig als ein Parkhaus fürs Bike. Den Deutschen ist es offenkundig ziemlich wurscht, mit einem verdreckten Rad unterwegs zu sein. Jedenfalls sind sie in diesem Punkt entschieden indifferenter als bei der Pflege ihres Autos.

Nun ist unbestreitbar: Die glatten Flächen einer Karosserie lassen sich wesentlich leichter maschinell wie manuell - zumindest oberflächlich - reinigen als das Maßwerk aus Rohren, Zügen und Speichen eines Fahrrads. Dort kommt man an zahlreiche Ecken ungleich schwieriger heran als an die Unterseite von Autotürgriffen - was einer der Punkte ist, an denen sich die Automatenwäsche von einer manuellen Reinigung leicht unterscheiden lässt.

Fahrradputzen wird daher verbreitet als lästig, zeitraubend und auch kompliziert eingeschätzt, was wiederum in heftigem Kontrast dazu steht, dass es zum Teil hochspezialisierte Putzmittel und -werkzeuge in geradezu verschwenderischer Fülle im Fahrradladen wie im Baumarkt gibt. Das auf dem Foto aufs Geratewohl zusammengestellte Sammelsurium ließe sich mühelos vermutlich verdoppeln - durch die von noch weitaus mehr Anbietern offerierten Produkte, die alle ganz Ähnliches tun sollen.

Mountainbikes sind Kärcher-kompatibel

Fahrradputzen lässt sich nämlich auf einen ziemlich einfachen Nenner bringen: reinigen und rückfetten. In einem ersten Schritt sollen Lack-, blanke wie eloxierte Metall-, Gummi- und Kunststoff-Flächen von Staub, Abrieb und Schmutz in meist fettiger Bindung befreit werden, um anschließend an den richtigen Stellen wieder Schmierung zu applizieren und empfindliche Flächen mit einem Schutzfilm zu überziehen. Am deutlichsten wird dieser nahtlose Übergang von Putzen zu Pflege an der Kette: erst säubern und dann wieder ölen.

Auch beim Fahrradputzen gibt es Hardliner: Die halten einfach mit dem Gartenschlauch oder mit noch mehr Wasserdruck aufs schmutzige Rad. Das funktioniert gut beim Mountainbike, vor allem gleich nach dem Schlammbad einer Ausfahrt, und zwar aus zwei Gründen: Der erdige Dreck hat sich noch nicht so festsetzen können wie das teuflische Gemisch aus hochfeinem gummi-, metall-, salz- und teerhaltigem Straßendreck, wenn es erst einmal draußen ein halbes Jahr lang in feuchten Nächten und im warmen Sonnenschein so richtig anbacken konnte.

Zweitens ist das Mountainbike als Rad fürs Grobe an den empfindlichen Stellen wie etwa den Lagern meist gegen spritzendes Wasser gedichtet. Ein günstiges Alltagsrad ist das häufig nicht. Es leidet, wenn es mit dem Kärcher traktiert wird, und ist in der Regel viel zäher verschmutzt.

Mit Mikrofaser in jede Ecke

Wenn man nach der Winterpause so ein Schmutzbike vor sich hat, geht der erste Griff zur Bürste. Man nimmt einen gewöhnlichen Handfeger, eher weich- und langborstig. Aber es gibt auch Spezialbürsten mit größeren und kleineren, flächigen oder kegelförmigen Köpfen und harten wie weichen Borsten. Trocken kann bei diesem Abstauben auch schon der Mikrofaser-Noppen-Handschuh zum Einsatz kommen. Er ist, weil seine Noppen in die letzten Ecken vordringen, der beste Freund des Fahrradputzers.

Deshalb sollte man ihn - farblich kodiert - mehrfach haben: für die trockene, die wässrige, die fettlösende und die rückfettend-polierende Anwendung jeweils einen. Wer nicht nur einmal im Jahr ein Fahrrad putzt, sollte wie der Hobbyschrauber den Erwerb eines Montageständers ins Auge fassen. Der erspart einem nicht nur, sich zu dem auf dem Boden vor einem stehenden Patienten ständig hinunterzubeugen, er ermöglicht auch, ohne Umdrehen des Fahrrads, die Inspektion seiner schaurigen Unterseite auf Augenhöhe.

Zum gründlichen Putzen werden die Laufräder ausgebaut. Warum? Es ist nicht nur bequemer, sie separat zu behandeln, sondern man hat zum Beispiel mit eingebautem Hinterrad während der Bearbeitung von Kette und Ritzel(n) erst den Dreck und später überschüssiges Öl auf der Felge - höchst nachteilig für die dort anpackenden Bremsen.

Aufsprühen und fertig – oder Handarbeit

Die Grundreinigung der mehr verkrusteten als verschmutzten Flächen etwa rund ums Tretlager, aber auch an den Innenseiten der Schutzbleche, kann man mit einem Schwamm oder einem dicken Lappen voll warmen Wassers mit Spülmittel beginnen. Als Lappen funktionieren zurechtgeschnittene ausgeleierte Baumwoll-Shirts prächtig. Altkleider sollten lediglich weder wasserabweisend sein noch Fäden ziehen oder stark fusseln. Bewährt ist auch die Küchenrolle - aber mit dem saugstarken Papier nicht sparen, weil es schnell verschleißt.

Der modernere Weg, das Fahrrad vom Gröbsten zu befreien, sind Reinigungssprays. Der F100-Power-Gel-Fahrradreiniger von Dr. Wack, mit dem sehr gute Erfahrungen gemacht wurden, oder der „Fast action Bike Cleaner“ von Muc-Off schäumen auf, dringen in die Schmutzkrusten ein und lösen sie vom Untergrund. Nach einer gewissen Einwirkzeit - von bis zu 30 Minuten - einfach abspülen, fertig: so das Rezept der Anbieter.

Wenn man das nicht machen will oder wenn es besonders flott gehen soll, kann dem Einsprühen auch flinkes Abreiben folgen. Auf glatten Flächen arbeitet es sich mit Lappen flott und streifenfrei. Wo es um Rohre und andere Rundungen herum besonders eng zugeht, greift man nicht mit den Fingern, sondern zieht das Tuch an zwei Zipfeln hin und her.

Kette nach dem Ölen abwischen

Entfettungs- und Reinigungssprays sollte man sich daraufhin ansehen, ob sie ausdrücklich dafür geeignet sind, auf das gesamte Fahrrad aufgetragen zu werden. F100 und der britische Bike Cleaner versichern, jegliches Material einschließlich Karbon und Bremsbelägen zu schonen und zudem biologisch abbaubar zu sein.

Die Kette lässt sich auf ganz verschiedene Art falsch behandeln. Manche ölen sie nie oder erst (und dann meist massiv), wenn der rote Rost aus ihren Gliedern rieselt. Dann ist allerdings mit Schmierung nicht mehr viel zu wollen. Andere schwören statt auf Feucht- auf Trockenschmierung. Sie tragen diese häufig und reichlich auf, und ärgern sich dann so schwarz wie der Dreck ist, den diese nachträgliche genauso wie die zähe Erstschmierung einer neuen Kette geradezu magisch anzieht.

Während man sich bei modernen Zahnriemen auf Abspülen und zartes Einsprühen mit Silikonspray beschränken kann, gelten für die Behandlung der klassischen Kette (ob mit oder ohne Kettenschaltung) drei Grundsätze: 1. Nicht so viel! 2. Die Kette nicht von der Seite, egal mit was, besprühen oder beträufeln. 3. Nach der Schmierung die Kette durch einen Lappen laufen lassen und gründlich abwischen.

Zwei Zahnbürsten sind genauso gut

Genau das gleiche Verfahren erscheint als das praktischste zur Reinigung, wenn man denn die Kette nicht einfach komplett erneuert, was häufiger angezeigt wäre, als es geschieht. Zum Putzen gibt man den Reiniger auf ein dickes Lappenpaket und zieht die Kette durch. Ein Gerät wie das „CM-5.2“ von Park Tool wirkt auf den ersten Blick arbeitserleichternd: Bürstchen von oben und unten sowie Schwämmchen bearbeiten die Kette in einem Reinigerbad.

Das auf dem Papier genial wirkende Gerät erweist sich in der Praxis als eine ziemliche Dreckschleuder, die lediglich eins zuverlässig bewirkt: dass die Kette abspringt und sich schmutzig tropfnass verheddert. Und auch auf die wie Sexspielzeug aussehende „The Grunge Brush“ zum Reinigen von Ritzeln und Schaltungsröllchen kann man getrost verzichten: Zwei ausgediente Zahnbürsten, die anschließend endgültig entsorgt werden, tun es auch.

Deo für das stubenreine Fahrrad

Nach der Reinigung das abermalige Fetten und Konservieren: Es gibt Produkte, die beides zu tun versprechen. Sie sind in praktisch kleinen Gebinden als Zwischenlösung auf der Radreise wohl sinnvoll, genauso wie der platt gedrückte Mikrozellen-Schwamm: Erst wenn er wirklich gebraucht wird, lässt man ihn sich durch Auftrennen der Umhüllung zu seiner wahren Fülle aufplustern.

Daheim erscheint die Trennung von Reinigung und Konservierung/Fettung mit verschiedenen Substanzen vernünftiger. Auch bei der Lackpflege mit einem Wachs oder dem Polieren eloxierten Aluminiums oder blanken Stahls gilt: Mit Maßen! Wenn die Kette gefettet ist, wird den Bowdenzügen etwas dünnflüssiges Öl eingeträufelt: Vorsicht, was kriecht, das kriecht auch durch manche Dichtung und trägt womöglich Schmutz dorthin, wo keiner hin soll.

Zu guter Letzt: Von Muc-Off kommt das Fahrraddeo mit dem „Premium Post Wash Bike Spray“. Als Ganzkörperpflege ist er für das Fahrrad gedacht, das zwar nicht mit ins Bett genommen wird, aber immer öfter als schönes Objekt oder wegen seines Preises mit in die Wohnung kommen darf. Ob das Lifestyle-Objekt nun über dem Sofa hängt oder neben dem Schreibtisch steht, es soll gut riechen. Das tut das Spray so angenehm parfümiert, dass man sich mit ihm selbst beduften möchte.

Quelle: F.A.S.
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