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Fiat Abarth

Der Stachel sticht wieder

Von Wolfgang Peters
 - 15:24

Unser erster Abarth war gar keiner. Der schon etwas abgewohnte Fiat 600 D (natürlich kein Diesel) sah auf den ersten Blick nur so aus. Mit etwas Klebeband, breiteren Rädern und der aufgestellten Motorhaube im Heck hatte der fahrerisch begabte, jedoch chronisch unterfinanzierte Philosophiestudent den italienischen Bestseller modifiziert. Unter der flott geschlitzten Haube gingen vier wassergekühlte Zylinder bei einem Hubraum von 767 Kubikzentimetern ihrer Tätigkeit nach und produzierten etwa 22 PS bei 4800/min. Mit dieser Serienleistung kam der 600 D auf gut 120 km/h, wenn der Wind günstig stand und die Gefällstrecke lang genug war.

Unter Vollgas und mit etwas Wagemut ließen sich zwar die VW Käfer dieser frühen Jahre domestizieren. Doch sonst ergaben sich nur ungefähr 110 km/h, was eine demütigende Geschwindigkeit für etwa dreieinhalb Millionen europäischer Fiat-Fahrer war. Jeder von ihnen fühlte deutlich das Rumoren der Gene des Pisten-Helden Tazio Nuvolari in sich. Mit der Serienleistung des kleinen, eher beruhigend vor sich hin nuschelnden 600er-, später 770er-Vierzylinders wäre auch Nuvolari gescheitert.

Genau diese Pein in der schmerzhaften Leistungslücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit erkannte ein in Wien geborener, in Österreich und Italien aufgewachsener Motorrad- und Gespann-Rennfahrer mit seinem Gespür für Unternehmertum. Als Karl Abarth kam er 1908 auf die Welt, und als Carlo Abarth schuf er das erste Tuningauto aus der großen Serie und begründete gleichzeitig eine neue Marke und das jüngere Selbstverständnis der Fahrer von Automobilen, die schneller waren, als jeder andere vermutete.

Weil Carlo Abarth ein fixer Kerl auf dem Motorrad war und auch ein Gespür für Publicity hatte, noch bevor das Wort aufkam, war er zu einem Spektakel bereit: Er fuhr 1934 über 1400 Kilometer ein Rennen gegen den legendären Luxuszug „Orient-Express“ auf der Strecke Ostende–Wien. In klassischer Ledermontur mit knieschützendem Mantel und verwegener Ballon-Schirmmütze ist der Einzelkämpfer Abarth schneller als der Prestigezug: großer Jubel bei proletarischen Bikern. Abarth zieht nach Meran, und es beginnen nach dem Zweiten Weltkrieg die großen Jahre des Karl, der jetzt Carlo heißt.

Er ist voller Unternehmungslust, gründet 1948 seine „Società Abarth & C.“, erlebt die phantastischen Cisitalia-Rennwagen und deren Niedergang, übernimmt von Cisitalia einige Sportgeräte sowie Technik und Talente. Er bringt seinen eigenen Rennstall ins Sausen und Brausen, liebt die italienische Küche (Spaghetti Carbonara) und tüftelt an seiner Technik für den kleinen Mann im unterschätzten Fiat.

Schon vor dem Krieg hatte er die Idee für ein Auspuffsystem am Auto, das mehr Leistung für bessere Tempo-Taten und heftigere Geräusche für höheres Prestige erzeugen sollte. Abarth startet mit siegreichen Rennaktivitäten und ertragreicher Teileproduktion zum Beginn der fünfziger Jahre in eine Art von italienischem Wirtschaftswunder hinein. Das noch vom Krieg gezeichnete Land entdeckt seine Liebe zur Mobilität, zuerst noch mit dem Vorkriegs-Topolino, von 1955 an mit dem Typ 600, aus dem 1960 der 600 D wird. Fiat fährt die Produktion seiner Familien-Vertreter-Alleskönner-Typen 600 und 600 D hoch, das erste Heckmotorauto der Marke wird von 1955 bis zum Ende der sechziger Jahre in Italien rund zwei Millionen Mal gebaut und international überaus erfolgreich verkauft, Seat in Spanien baut etwa 800.000 Exemplare, vom Fiat Neckar/Jagst in Deutschland kommen fast 200.000 auf die Straßen.

Und jeder Besitzer lechzt nach höherer Power des im Leerzustand weniger als 700 Kilogramm wiegenden Kleinwagens. Alles potentielle Kunden für das Abarth-Tuning: Ganz Italien kennt Carlo Abarth, sein Sternzeichen Skorpion als Firmensignet, er produziert in seinem Turiner Werk zum Beginn der fünfziger Jahre regelmäßig mehr als 100.000 Auspuffanlagen im Jahr. 1962 beschäftigt Abarth & C. fast 400 Mitarbeiter.

Fiat kann die Marke nicht mehr übersehen

Carlo liebt seine Rennwagen und seine Rennfahrer und fährt am liebsten selbst seine schnellen Einsitzer zur Probe und in Wettbewerben, baut immer neue, komplett selbstentwickelte Sportwagen, die Modellfamilie wird über die Jahre hinweg immer unübersichtlicher, bis hin zu einem nie wirklich richtig eingesetzten Zwölfzylinder-Motor – ein finanziell desaströses Abenteuer. Mit etlichen Temporekorden, Langstrecken- und Dauerfahrten sowie bei den damals populären Bergrennen belegt er die Qualität der Abarth-Motoren. Die Italiener sind begeistert, Fiat kann die kleine Sieger-Marke nicht mehr übersehen, es kommt zur Zusammenarbeit: Fiat zahlt an Abarth für jeden Rennsieg eine Prämie, und Abarth entwirft für immer mehr Fiat-Modelle die leistungssteigernde Technik. Besonders reizvoll wurde der Fiat 600 verstärkt: Im Jahr 1970 bringt die knuffige Limousine 110 Abarth-PS auf die Straße. Aber da hatte der Abarth-Skorpion schon fast seinen Stachel verloren.

Zum Ende der sechziger und Beginn der siebziger Jahre geraten Fiat, die Marke und der Hersteller Abarth, das ganze Land in die Krise. Dauerstreiks der Gewerkschaften gefährden das friedliche Zusammenleben, Autofabriken schließen. Carlo neigt zum Grübeln, seine kleinen und schnellen Autos gewinnen immer seltener, neue Konkurrenten gibt es, die Fiat-Führung verliert die Lust an den Rennautos, der Siegprämienvertrag wird erst nach energischer Abarth-Intervention vorerst verlängert. Ein Neustart in Amerika scheitert ebenso wie Carlos Versuch, in Spanien Fuß zu fassen. Mit dem Skorpion-Unternehmen geht es bergab. 1971 erwirbt Fiat Abarth mitsamt den Rechten an dem unschätzbar wertvollen Namen. Carlo Abarth wird krank, er stirbt im Oktober 1979.

Anneliese Abarth gründet die Carlo Abarth Foundation

Das alles schildert Anneliese Abarth, seit 1964 die Frau an der Seite des Motor-Magiers, in ihrem Buch: „Carlo Abarth. Mein Leben mit dem genialen Autokonstrukteur.“ Verheiratet ist sie mit ihm nur sehr kurze Zeit. Denn erst wenige Wochen vor seinem Tod wird Carlo Abarth von seiner zweiten Frau geschieden. Er stirbt in den Armen von Anneliese. Sie gründet die Carlo Abarth Foundation, damit sein Andenken erhalten bleibt.

Die große Automutter Fiat geht zunächst sehr unentschlossen mit dem klangvollen Namen um. Vereinzelt tauchen sportlichere Versionen von Massenmodellen auf, vom Typ 124 der Abarth Rallye oder der glücklose 131 Abarth. Erfolgreicher sind der Fiat Ritmo Abarth 125 TC und der Abarth 130 TC zur Mitte der achtziger Jahre. Bei Fiat leben immer neue Kleinwagen auf, aber fast alle sind seltsam leblose Vehikel, erst der flotte Fiat 127 verhilft dem Frontantrieb zum Erfolg, den Uno, Panda und Punto ausbauen, Abarth wird zur schlafenden Marke. Erst 2007 ist bei Fiat wieder eine gewisse Freude am Auto zu entdecken: Mit intelligentem Retro-Design wird mit der Technik des mehrmals renovierten Panda der neue 500 (Cinquecento) geboren. Formal ist er nach dem Vorbild des 1977 eingestellten Nuova 500 gezeichnet, und ganz Europa fährt auf den kleinen Flitzer ab, er wird zum Auto des Jahres 2007 gewählt und zur Basis einer eigenen Modellfamilie. Gleichzeitig erinnert sich eine jüngere Fiat-Führung nach kurzer Bedenkzeit auch des Namens Abarth: 2007 kommt der Grande Punto Abarth, ihm folgt ab 2008 eine Flut von modifizierten und in kurzen Abständen erneuerten Fiat 500, die im Zeichen des Skorpions bis ins Jahr 2019 anhält. Inzwischen ist Abarth wieder eine eigene Marke.

Jeder dieser charmant-gekräftigten 500 hätte Carlo Abarth erfreut. Es gibt Rennserien mit dem kleinen, übermotorisierten Fronttriebler für Privatfahrer (bis zu 215 PS) und ein gutes halbes Dutzend Zivil-Varianten, die allesamt, wie der 124 Spider, auf den 1,4-Liter-Turbo vertrauen. Darüber hinaus ist den scharfen Feuerzeugen der jungen Abarth-Truppe ein traditioneller Wesenszug gemeinsam: Sie fahren im Zeichen des Skorpions und im Dienste des Mythos eines Mannes, der seinen Traum vom Herbeizaubern immer neuer PS lebte. Leider waren für ihn weder Einspritzung noch Turbolader erreichbar. Was hätte Carlo Abarth damit angefangen.

Quelle: F.A.S.
Wolfgang Peters
Freier Autor in der Wirtschaft.
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