Gepanzerte S-Klasse

Ein Schutzengel für Scholz

Von Holger Appel und Thomas Geiger
08.12.2021
, 16:43
Pünktlich zum Regierungswechsel tauscht Mercedes-Benz die S-Klasse aus. Bundeskanzler Olaf Scholz fährt von nun an in einem gepanzerten, kugelsicheren und luxuriösen S 680 Guard.
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Sie haben eine Durchschusshemmung gegen Militärgewehre wie die russische Kalaschnikow, die amerikanischen Sturmgewehre AR-15 und M16 und das NATO G3. Dach- und Bodengruppe sind zusätzlich gegen Sprengung durch Handgranaten geschützt. Bruchsichere Scheiben, ein explosionsgeschützter Tank und Splitterfangkanäle an den Einstiegsöffnungen gehören ebenfalls zur Ausstattung. Gepanzerte Automobile müssen viel aushalten. Dass es Anschläge gibt, denen auch Sonderschutzfahrzeuge, wie sie im offiziellen Sprachgebrauch heißen, nicht standhalten, beweisen Sprengstoffattentate mit tödlichem Ausgang für die Insassen.“ Seit wir mit diesen Worten 1997 über einen heute nicht mehr existenten Umbauspezialisten berichtet haben, sind viele Jahre vergangen. Das Geschäft aber ist wie gehabt so verschwiegen wie kostenintensiv, und richtig in die Karten will sich niemand schauen lassen. Mercedes-Benz stellt schon seit 1928 besonders geschützte Fahrzeuge her und entwickelt unverdrossen weiter. Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen konnte die S-Klasse seinerzeit leider nicht vor der Explosion retten. Die Spezialisten der Autohersteller lässt derlei nicht ruhen, sie lernen beständig hinzu. Und so soll der neue Bundeskanzler Olaf Scholz das nach heutigem Stand sicherste Auto der Welt bekommen. Nur der als „The Beast“ bekannte Cadillac des amerikanischen Präsidenten hat eine noch härtere Schale, ist aber nicht einmal mehr der Form nach ein Auto. Von der Technik unter der XXL-Karosse ganz zu schweigen.

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Pünktlich zum Regierungswechsel bringt Mercedes-Benz die S-Klasse wieder als Sondermodell Guard. Die Konkurrenz ist dünn gesät. Audi hat sein Topmodell A8 als Version Security im Programm, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel war es oft zu sehen. BMW hat derzeit kein adäquates Angebot. Mercedes strebt mit der höchsten Sicherheitskategorie selbstredend eine führende Rolle an. Die Willy-Brandt-Straße 1 in Berlin ist als Heimatadresse schon ins Navigationssystem programmiert.

Ein Guard muss die Beschussklasse VR10 sowie das für Explosive Resistant Vehicle stehende Siegel ERV erfüllen. Das Auto von Herrhausen lag etwa bei VR6. Die gemeine Handgranate oder eine handelsübliche Kalaschnikow spielen also mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Dragunow heißt der jüngste Angstgegner, ein Scharfschützengewehr, dessen Hartmantelprojektile über knapp drei Kilometer Entfernung einen Baumstamm durchschlagen können. „Die Kalaschnikow ist dagegen eine Wasserpistole“, sagt ein Waffenexperte. Die Versuche, bei denen wir zusehen konnten, aber nicht alles Erlebte schreiben und zeigen dürfen, hinterlassen nachdrücklichen Eindruck. Auch an der Karosserie des sich standhaft wehrenden Mercedes. Nach 300 Schüssen auf ihn und dem Einsatz von 12,5 Kilogramm Plastiksprengstoff während der Prüfung durch das staatliche Beschussamt in Ulm ist das Äußere zwar reichlich perforiert, die Insassen – vertreten durch einen realistisch nachgebildeten Dummy mit Haut und Knochen – auf der Rückbank aber hätten keinen Kratzer abbekommen. Und diese 300 Kugeln waren keineswegs willkürlich gestreut. Gefeuert wurde auf neuralgische Punkte an den Schnittstellen der Karosserie.

Handlungsfähig bleiben: Solange der Guard dahingleitet, fühlt er sich an wie eine normale S-Klasse. Mercedes-Benz kompensiert die 4,2 Tonnen Gewicht mit dem Einsatz eines 6 Liter großen V12-Motors. Im Zweifel muss der Angegriffene schnell aus der Schusslinie gebracht werden.
Handlungsfähig bleiben: Solange der Guard dahingleitet, fühlt er sich an wie eine normale S-Klasse. Mercedes-Benz kompensiert die 4,2 Tonnen Gewicht mit dem Einsatz eines 6 Liter großen V12-Motors. Im Zweifel muss der Angegriffene schnell aus der Schusslinie gebracht werden. Bild: Mercedes

Obwohl der Guard all das abkann, ist er für Kanzler oder König eine S-Klasse wie jede andere. Fast. Auf Annehmlichkeiten wie das Schiebedach oder den Kühlschrank im Kofferraum müssen sie verzichten. Zu öffnende Seitenfenster gibt es nur noch auf besonderen Wunsch und gegen Aufpreis. Niemand will zusätzliche Angriffsfläche bieten. Im Heck wird Platz gebraucht sowohl für die automatische Feuerlöschanlage als auch für eine Frischluftversorgung, die bei einem Gasangriff Überdruck im Auto erzeugt, sodass kein Gift in die Kabine dringen kann.

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Projektleiter Andreas Zygan hat die Nähe zur S-Klasse, so gut es ging, gewahrt. Die Kundschaft, die allein rund 90 Königshäuser und Regierungen umfasst, schätzt das offenbar. Tatsächlich haben die Schwaben eine neue Schutzzelle aus Spezialstahl, Kohlefaser und Panzerglas geschmiedet, die sie anschließend mit dem Blechkleid der S-Klasse behängen. Wer erst einmal die 180 Kilogramm schweren Türen mit elektrischer Unterstützung und reichlich Körperkraft ins laut schmatzende Schloss gezogen hat, sitzt aber in den gleichen Lederpolstern wie gewöhnliche Besserverdiener, surft auf den großen Bildschirmen des MBUX-Infotainmentsystems und lässt sich die harte Regierungsarbeit mit Hot-Stone-Massage und Ambientelicht aus dem Körper kneten.

Es fehlt zwar kaum etwas zur normalen S-Klasse, es gibt aber auch überraschend wenige exklusive Extras. Natürlich versteckt Mercedes-Benz zwei Blaulichter im Grill, baut Funk ein und eine Wechselsprechanlage für die Kommunikation mit der Außenwelt. Aber Zubehör wie Waffenhalter, Nebelwerfer oder rotierende Kennzeichen überlässt Zygan den Kollegen im Kino. Für aktive Gegenwehr sind in der Regel die Spezialkräfte in Begleitfahrzeugen zuständig.

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Auch für den Fahrer ist das Auto deshalb ziemlich vertraut, obwohl die mehr als vier Tonnen Gesamtgewicht den kleinen Lastwagenführerschein oder den alten Dreier erzwingen. Der Autoführerschein reicht bekanntlich seit 1999 nur noch bis 3,5 Tonnen. Beschnitten wird die Macht der Assistenzsysteme, weil Zygan glaubt, dass Spezialagenten keinen Müdigkeitswarner brauchen und ihnen auch keine Elektronik ins Lenkrad greifen darf. Falls es doch mal kracht, ist der Panzerwagen ein guter Schutz. Im Crashtest würde wohl eher die Barriere kaputtgehen als das Auto, mutmaßt der Baureihenleiter und ist froh, dass für Guard-Fahrer meist keine Verkehrsregeln gelten und die Eskorte immer die Bahn frei macht. Einen Unfall zwischen einem Kleinwagen und diesem Kaventsmann möchte man sich beim besten Willen nicht vorstellen.

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Solange der Guard dahingleitet, fühlt er sich an wie eine normale S-Klasse. Mercedes kompensiert die 4,2 Tonnen Gewicht mit dem Einsatz des 6 Liter großen V12-Motors, der sonst dem Spitzenmodell Maybach vorbehalten ist. Dessen 612 PS und 830 Newtonmeter Drehmoment haben selbst mit dem Panzer im Pelzmantel leichtes Spiel, zumal die Flucht nach vorn eher selten zum Aktionsplan zählt. „Dafür gibt es die Kavallerie, solche Autos fahren ja nie allein“, sagt Zygan und kann deshalb mit den 8,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h genauso gut leben wie mit den 190 km/h Höchstgeschwindigkeit, die den von Michelin zugelieferten schusssicheren Reifen geschuldet sind. Wichtiger als die üblichen 250 km/h sind deren Notlaufeigenschaften. Weil auf der Felge ein massiver Gummiring montiert ist, bleibt der Guard auch mit einem Plattfuß so mobil, dass er mit bis zu 80 km/h weiterfahren kann. „Und das ist es, was in einer Gefahrensituation zählt“, sagt Zygan, „handlungsfähig zu bleiben und jeder Gefahr davonfahren zu können.“

Was das bedeutet, spürt der Fahrer, wenn es brenzlig wird. Oder wenn die Instruktoren im serienmäßigen Sicherheitstraining zumindest so tun, als müsste der Guard ein paar Hindernissen ausweichen oder mit zerschossenen Reifen den geordneten Rückzug antreten. Sobald die Fahrmanöver etwas bestimmter werden, macht sich die Masse bemerkbar, erzwingt einen längeren Bremsweg und lässt den Wagen in Kurven schaukeln wie ein Kreuzfahrtschiff in schwerer See. Es ist dann anstrengend, den Guard zu fahren. Aber Schweißflecken sind besser als Schusswunden.

Natürlich baut Mercedes-Benz sein Sondermodell Guard nicht nur aus sozialer Verantwortung für die Exekutive, sondern verfolgt damit auch monetäre Absichten. Von 550.000 Euro an ist er in Deutschland zu haben, stets mit Allradantrieb, langem Radstand und ohne Hinterachslenkung. Die Produktion erfolgt weitgehend in Handarbeit, die Taktzeit liegt bei 400 Minuten statt 90 Sekunden, 50 Tage statt 50 Stunden Bauzeit stehen in der Bilanz. „Trotzdem ist das für uns ein Geschäft“, sagt Zygan mit Blick auf „solide dreistellige Stückzahlen“. Noch wichtiger als die Marge mag der Marketingwert sein. Regelmäßige Präsenz in den Hauptnachrichten in aller Herren Länder ist eine Werbung, die mit Geld nicht zu bezahlen ist.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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