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Hans-Peter Porsches Traumwerk

Dem Glück der Kindheit so nah

Von Wolfgang Peters
 - 11:00
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Es gibt Breikinder, Mamakinder, Schreikinder. „Ich bin ein Spielkind“, sagt der ältere Herr mit einem Lächeln, das an Verschmitztheit nicht zu überbieten ist. Der Mann trägt an diesem heißen Sommertag das weiße Haar sehr locker gescheitelt, ein weit geschnittenes Hemd ohne Krawatte und eine leicht schlabberige Hose. Auf einen Binder aus seinem berühmten Bestand mit Bärchenmotiven hat er heute verzichtet.

Wir treffen Hans-Peter (Kurzform: HP) Porsche in einem schmuck-modernen Anwesen, das als sein spätes Lebenswerk gelten darf und das nicht nur so heißt, sondern auch sein Traumwerk ist.

Es ist ein neuerrichteter Gebäudekomplex auf der grünen Wiese: für klassische Fahrzeuge, für eine atemraubende Modelleisenbahn und für die wunderbare Spielzeugsammlung des HP Porsche. Es ist kein Museum, eher schon der öffentliche Ort für eine sehr persönliche Sammlung. Man könnte auch sagen, es sind die Zeugnisse einer lebenslangen Leidenschaft, die sich nährt aus der Verbindung kindlicher Freude und erwachsener Sammeltätigkeit. Es geht um die Liebe zum alten Spielzeug und zum Entdecken der kindlichen Traumpfade aus vergangener Zeit, die auch bei den Erwachsenen in ihren Erinnerungen noch zu finden sind. „Es war eine wunderschöne Kindheit und Jugend“, sagt Porsche und geht mit schnellen Schritten voraus. Er will uns sein Traumwerk zeigen, und er ist wohl aus gutem Grund stolz darauf. Porsche hat auf bayerischer Wiese seine eigene, aber für jedermann geeignete Welt zur spielerischen Nachdenklichkeit gebaut. Nicht weit von Salzburg, unweit der Autobahn A 8, im schönen Berchtesgadener Land, zur Gemeinde Anger gehörend. Der Standort scheint gut gewählt, schon wegen der Nähe zu den Bergen und wegen der hier schon etwas ermatteten Niederländer, denen auf dem Weg ins Alpine oder weiter in den Süden eine Rast guttut.

Nach dem Spatenstich am 1. September 2011 wurde auf einer Grundstücksfläche von 55 000 Quadratmetern das Traumwerk er- und eingerichtet, 20 000 sind als Garten gestaltet, mitsamt einer mittelgroßen Gartenbahn, die sich für die Fahrgäste auf einer Gleislänge von 1,3 Kilometern mit großer Pünktlichkeit bewegt. Drinnen pulst das ewige Bahn-Herz der gesamten Sammlung im Modell und entzückt alle, nicht nur jeden vorbelasteten Besucher, der im Keller oder auf dem Dachboden sein eigener Herr über alle Fahrpläne ist: In Baugröße H 0 werden 2,7 Kilometer Gleise, dazu 540 Weichen, 176 Signale bespielt, 32 Schattenbahnhöfe nehmen ruhende Züge auf, 80 fahrende Modellautos und von 180 Zügen insgesamt sind bis zu 40 Einheiten mit Lok und Waggons kontinuierlich unterwegs. Auf einer Grundfläche von 400 Quadratmetern wird ein rühriger und anrührender Eisenbahn-Betrieb unterhalten. Denn nicht nur die wie von Geisterhand präzise bewegten Züge sind unterwegs, Autos fahren und folgen den Verkehrssignalen, alles unter eigenem Licht, die alltägliche Bahnwelt im präzise nachgebildeten Kleinformat erlebt einen kompletten Tagesablauf im Zeitraffertempo. Die Sonne geht auf und unter, es wird Nacht über der märchenhaften Anlage, der Sternenhimmel zieht herauf, manche Besucherpaare umarmen sich jetzt. Romantische Momente in der Modellwelt des Traumwerks.

Es ziehen Wolken auf, und Porsche verspricht mit leuchtenden Augen: „Wir haben ein Gewitter mit Blitz und Donner.“ Für die Simulationen sind 30 HD-Videoprojektoren als Illusionisten tätig, in den Kulissen denken 16 Rechnergehirne mit, es gibt rund 40 menschliche Mitarbeiter. Sehr real wirken die winzig-eleganten Skiläufer auf einer beschneiten Piste, dazu zwei Wanderer, die mit Stock und Rucksäcken unterwegs sind, die Arbeiter am Gotthard-Tunnel und die miniaturisierten Landschaften, die Bahnhöfe und Orte mit Marktplätzen und dem Biergarten, die Fabriken (natürlich auch das Porschewerk in Zuffenhausen) sind nach den realen Vorbildern im richtigen Maßstab entworfen und gebaut worden. Auch ein wenig Ironie darf sein: So blickt HP Porsche korrekt gekleidet selbst im Modellformat vor seinem Bootshaus am Wörther See sinnend ins Weite. Aus der Summe Tausender liebevoller Details ist eine harmonische und spannende Modell-Landschaft entstanden, die ob ihrer Sorgfalt und Authentizität dem Besucher fast den Atem nimmt. Kinder und Erwachsene spüren das Gänsehautgefühl, und es ist schwer, nicht ergriffen zu sein: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

Aber die Eisenbahnanlage ist zwar traumhaft, doch noch nicht das ganze Traumwerk. Denn Porsche atmet jetzt ein für Teil zwei und holt uns aus der verträumten Eisenbahner-Stimmung. Er drängt ein wenig, zappelt fast herum, will noch präsentieren und parlieren und sagt: „Ich bin eher ungeduldig.“ Schließlich warten noch 150 penibel aufgebaute Vitrinen, gefüllt mit nichts als Spielsachen und Phantasie, auf die Besucher. Es sind alles historische Stücke, geformt aus Blech und Farbe und der realistischen Vorstellungskraft von Künstlern für Kinder. Rasch wird deutlich: Blechspielzeug übt eine eigene Faszination aus.

Schnelle und entschleunigende Welt

Das Material ist auch ein Symbol der Industrialisierung, und gleichzeitig haftet den Exponaten aus heutiger Sicht der Reiz von Unikaten an. Plastischer als Plastik und irgendwie verletzlicher, manche Stücke sind vom Spielen auch ein wenig mitgenommen. Und es ist alles da, woran sich seit dem ältesten Exponat aus dem Jahr 1830 die kindliche Phantasie und die erwachsene Freude am Kleinen spielerisch entzünden wollten. Es ist gleichzeitig eine schnelle und eine entschleunigende Welt der Themen des Spielens und der Dokumente des realen Lebens von einst: Das Aufkommen des Automobils, dessen spätere Allgegenwart (natürlich mit etlichen Porsche-Modellen) und seine Werkstätten und Tankstellen, mit den Rennfahrzeugen, dann die großen Ozeanüberwinder für die Lust am Reisen, Raddampfer, majestätische Segelschiffe und schlanke Ruderboote; Flugzeuge, die an Drähten hängen, werden mit einem aufziehbaren Uhrwerkantrieb in die Lüfte gehoben; Szenen des städtischen oder dörflichen Alltags mit Kutschen und Häusern und Bahnhöfen und mit Aufmärschen und mit Zirkustieren und aufziehbaren Karussells der früheren Jahrmärkte, ein wenig Militärisches ist auch dabei.

Begeisterung hat er aus der Familie

Alles kleine, penibel geformte Kunstwerke zum Anfassen, mit feiner Hand gebaut, geklebt und geklemmt, gefügt und bemalt, mit kräftigen Farben und Pinselstrichen, dünn wie die Barthaare eines kleinen Kätzchens. Viele der Exponate sind uralt, hundert Jahre und mehr, und sie sind in einem wunderbar authentischen Zustand, der zum Träumen und zur Reise in die eigene spielerische Vergangenheit einlädt. Diese reicht weit zurück und flammt immer wieder auf, sie hält sich bis ins Alter. „Ich habe über 240 Stoffbären und -tiere“, sagt er und wirkt dabei, als würde er sie in diesem Moment mal rasch durchzählen. Die Geschichte seiner spielerischen Leidenschaft hat er wohl schon oft erzählt. Aber sie muss noch immer neu sein für ihn, weil er sie so erzählt, als sei sie ihm eben erst jetzt und zum ersten Male eingefallen.

Und sie klingt, als erstaune er sich jederzeit noch selbst darüber. Die Begeisterung für das Funktionieren von Mechanik hat er aus der Familie: „Das ist das Porsche-Blut“, sagt der Traumwerk-Gründer und wiederholt: „Es ist eine Leidenschaft.“ 1977 kaufte er ein Objekt in einem Laden in Bad Reichenhall, und aus den ersten Anfängen des Spielens mit seinem Sohn Peter Daniell entwickelten sich die Kollektion und die Erkenntnis: „Wir haben so viele schöne Sachen, die sollen auch andere Menschen sehen.“

Gleichzeitig kann sein Traumwerk so etwas sein wie eine Abwehrreaktion auf die überwältigende Anwesenheit von elektronischen Spielen und Geräten im Kinderzimmer. Er habe ein bisschen Sorge, dass die Kinder nicht mehr richtig spielen und ihre Phantasie einbringen und entwickeln, sagt Porsche beim mittäglichen Essen im öffentlichen Restaurant des Traumwerks. Dann mahnt er schon wieder zum Aufbruch, es gibt noch mehr zu sehen, und es kribbelt dem früheren Produktionschef des Autoherstellers in den Fingern. Wir spüren: Ganz bestimmt ist HP Porsche irgendwo noch immer ein Spielkind.

Quelle: F.A.S.
Wolfgang Peters
Freier Autor in der Wirtschaft.
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