Hype um eine Harley

Der Traum vom ewigen Beben

Von Walter Wille
26.10.2021
, 10:19
Die eine stammt aus dem Jahr 1969, die andere tut so. Wenn Harley-Davidsons bezaubernde Electra Glide Revival ihre randalierende Oma trifft.
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Das Zeremoniell beginnt mit dem Öffnen eines Utensils namens Benzinhahn, die Älteren erinnern sich. Links unterm Tank. Gleich daneben befindet sich der Schieber für den Choke, ganz schließen. Nun zwei- bis dreimal mit dem Gasgriff pumpen, um, Klappe auf, Klappe zu, Treibstoff in Bewegung zu versetzen. Die Spannung steigt. Zum Einschalten der Zündung den Drehknopf auf der Tankoberseite aus der Position OFF in die Stellung Ignition bringen. Dies ist der Moment für eine Gedenksekunde.

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Druck auf den Starterknopf. Mit dem gequälten Husten eines alten Rauchers meldet sich der Anlasser. Orgelt. Und orgelt. Orgelt noch immer. Vrromm! In einer Eruption der Empörung, verärgert über die Belästigung, erwacht die 52 Jahre alte Maschine, Wölkchen ausstoßend. Wropwrop paf! Badabap badabap badabap. Willkommen im Jahr 1969.

Geschüttel und Getöse erfüllt die Szenerie. Weitere Wölkchen. Gas geben zur Verhinderung des Absterbens. Nach und nach gefühlvoll den Choke zurückführen. Mehr und mehr scheint das Poltern und Stampfen einem erkennbaren Muster zu folgen. Der Motor berappelt sich, findet einen Rhythmus. Tieftönend pendelt sich der Leerlauf ein: potato potato potato. Ruhepuls bei fünf- bis sechshundert Umdrehungen in der Minute.

Nur in diesen Niederungen der Drehzahl tritt er hervor, der unnachahmliche Rumpelsound alter Harleys, Resultat der 45-Grad-Konfiguration des langhubig ausgelegten V-Twins. Feuer frei für Zylinder 1, bamm!, Zylinder 2 gleich hinterher, bamm! Danach eine Kurbelwellenumdrehung Pause. Dann wieder: babamm!! Und weiter so in einer stolpernden Folge von Detonationen, die jenes Klangbild ergibt, das es verdient hätte, zum Weltkulturerbe erklärt zu werden. Eine halbe Minute nach dem Druck auf den Knopf ist die Harley-Davidson FLH Electra Glide, Baujahr 1969, abfahrbereit. Ready for take-off.

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Apollo 11, Vietnam, Flowerpower, Revolte – 1969 war kein gewöhnliches Jahr. Woodstock, auf der anderen Seite der Staaten Stones und Hells Angels in Altamont. „Easy Rider“ kam ins Kino, Jumbo-Jet und Concorde stiegen auf, es gab die Beatles noch und für das Modell Electra Glide als Sonderausstattung erstmals die Batwing-Verkleidung am Lenker. Bis dahin schützte bloß eine Scheibe vorm Fahrtwind auf dem ansonsten ungeheuer luxuriösen Flaggschiff der Motor Company aus Milwaukee.

Sein Name geht zurück aufs Jahr 1965: Durch Hinzufügen eines Elektrostarters wurde aus der Duo Glide die Electra ­Glide, ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für Harley-Davidson. Die E-Glide wurde zum Inbegriff des Grand American Touring, mit der 1969 eingeführten, noch heute gebräuchlichen Fledermaus-Verkleidung stieg sie auf zur Ikone.

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Die bildschöne Revival verursachte einen Hype

Zur Erinnerung ans Jahr 1969, zu Ehren der damaligen Electra Glide, hat Harley-Davidson ein Sondermodell namens Electra Glide Revival auf den Markt gebracht, Stückpreis rund 30.000 Euro, limitiert auf 1500 Einheiten in der ganzen Welt. Jeder Händler, in Deutschland 69, bekam ein einziges Exemplar zugeteilt. Die bildschöne Revival verursachte einen Hype, der sich wochenlang hielt. Was die Sicherungen vieler Verehrer endgültig herausfliegen ließ, war die Ankündigung des Herstellers, nach diesen 1500 Stück werde die Produktion nie wieder aufgenommen. Händler wurden bestürmt, bekniet, beknetet und standen vor der Aufgabe, zu entscheiden, wer von den zahlreichen Interessenten denn eine kaufen dürfe.

Sentimentalität mag bei manchem die treibende Kraft gewesen sein, die Tatsache, dass man jung war damals, „Easy Rider“ mittlerweile zwanzigmal gesehen hat und vorm Röhrenfernseher hockte, als Armstrong und Aldrin unscharf in Schwarz-Weiß das Sternenbanner pflanzten. Oder knallhartes Kalkül, der Plan einer Geldanlage mit Aussicht auf unverzügliche Wertsteigerung. In der Tat tauchten im Onlinehandel rasch einige Exemplare zu Mondpreisen auf. Etliche Revivals dürften keinen Meter auf der Straße bewegt werden, sondern in Privatsammlungen verschwinden.

Mit ihrem brillanten Lack zieht die Neue die Blicke auf sich

Zu besonderen Anlässen wird die eine oder andere auch mal gefahren werden. So wie wir es jetzt getan haben, als sich die Gelegenheit ergab: Matthias Meier, Eigentümer der Factory Group mit vier Harley-Stützpunkten, und sein Kompagnon Thomas Trapp machten für uns die 69er E-Glide mobil, die auf kuriose Weise in Deutschland landete. Oldtimer-Experte Trapp hatte das seltene Stück 2006 im Schaufenster eines Motorradverleihs in Denver entdeckt und nur deshalb nicht gekauft, weil er wegen des Rückflugs nach Deutschland in Eile war. Dafür schlug ein Jahr später Meier zu, der, ebenfalls während der Rückgabe von Mietmotorrädern, unabhängig von Trapp auf die Maschine stieß. Als Meier und Trapp im Jahr 2010 Geschäftspartner wurden, stellten sie fest, dass sie, ohne voneinander zu wissen, in Denver auf demselben Fahrzeug gesessen hatten.

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Mit der Farbe „Jet Fire Orange with Black Wrinkle Panel & White Stripe“ trägt Meiers 69er – mit Scheibe statt Batwing ausgestattet – noch ihren Originallack. Die Farbkombination der Revival folgt ebenfalls historischem Vorbild: „Hifi Blue“, Mattschwarz sowie ein eleganter Trennstreifen in „Birch White“. Mit ihrem brillanten Lack zieht die Neue die Blicke auf sich, wird jedoch ziemlich kleinlaut, wenn die Alte ihren 1200-Kubik-Motor lospoltern lässt. Wer das Wummern eines auf heutige Regularien abgestimmten Harley-Triebwerks als aufdringlich empfindet, wird fassungslos sein angesichts der Randale, die ein Early Shovel von 1969 veranstaltet.

Ein erhabenes, aber gewöhnliches Fahrgefühl

Rund 60 PS stehen zur Verfügung, vier Gänge zur Wahl. Die Kupplung als „schwergängig“ zu bezeichnen wäre eine Untertreibung, anscheinend hatten Motorradfahrer früher Mordspranken und Unterarme wie Eisenbieger. Dafür ist der Sitz ein Schaukelstuhl, das Fahrwerk schwammig. Wirkung der Trommelbremsen? Irgendwann im Verlauf der vergangenen 50 Jahre scheinen beide verlorengegangen zu sein. Andererseits hat die E-Glide im Verlauf dieser Zeit gesammelt und angehäuft, was es für kein Geld der Welt zu kaufen gibt: Würde, Gravität.

Fast 1,9 Liter Hubraum weist der Milwaukee-Eight der Revival auf. Vierventiltechnik, elektronische Einspritzung, 94 PS und 158 Nm sind Kennzeichen des Zweizylinders, zudem ein geschmeidig klonkendes Sechsganggetriebe sowie ein Kupplungshebel, der auch für Bürohände kein Problem darstellt. Genaugenommen handelt es sich bei der Revival um eine normale, moderne Harley auf Basis der Touring-Plattform, engstens verwandt mit einer Street Glide Special. Fahrgefühl: erhaben, aber gewöhnlich, sofern man mit den Schwergewichten des Bar-and-Shield-Imperiums vertraut ist. Die verfügen mittlerweile über Bremsen, die mit einer Masse von 400 Kilo spielend zurechtkommen, über ein Arsenal an Sensoren, Schräglagen-ABS, Traktionskontrolle, elektronische Bremskraftverteilung, Tempomat, Berganfahrassistent, Infotainmentsystem mit Farbtouchscreen, Navigation, Sprachsteuerung, Apple CarPlay.

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Kreuzspeichenräder mit Weißwandreifen vervollkommnen den Nostalgieschwall

Unvermeidliche Begleiterscheinungen solcher Dinge – Schläuche, Leitungen, Elektronikschachteln – versteckt Harley-Davidson mit hohem Aufwand, auf dass sie den Oldschool-Look nicht stören. Wachsam verteidigen die Hüter der heiligen Historie die Kontinuität innerhalb des 1903 gegründeten Unternehmens, wenngleich es sich mit Reiseenduros, sportlich-aggressiven Roadstern, Elektromotorrädern und E-Bikes inzwischen in alle Richtungen zu strecken versucht. Selbst eine EL von 1936 findet sich in heutigen Formen und Proportionen noch wieder.

Auf Basis solcher Beständigkeit vermochten es die Revival-Designer, ein modernes Konstrukt mit einfachen Mitteln in ein Fahrzeug zu verwandeln, das nach 1969 aussieht: schwarz-weiß gepolsterter Solositz mit Chromgeländer, die erwähnte Dreifarb-Lackierung, Verkleidung und Koffer in einem Weiß, das unlackiertem Fiberglas nachempfunden ist, jenem Material, aus dem diese Teile seinerzeit bestanden. Chrom wird verschwenderisch verteilt. Das Tankmedaillon entspricht exakt dem von 1969, gleichfalls der Electra-Glide-Schriftzug plus Zierleisten am Kotflügel. Eine Reling windet sich rund um die Seitenkoffer. Stilecht verbreiten Halogenfunzeln ein trübes Licht, obwohl auch in Harley-Scheinwerfern längst Leuchtdioden zu Hause sind. Kreuzspeichenräder mit Weißwandreifen vervollkommnen den Nostalgieschwall.

Nach dem Muster der Electra Glide Revival wollen die Amerikaner unter dem Oberbegriff Icons Collection künftig jedes Jahr ein oder zwei Sondermodelle herausbringen – fast 120 Jahre Firmengeschichte eröffnen unbegrenzte Möglichkeiten. Kein ungeschickter Schachzug eines Unternehmens, das gerade versucht, sich mit neuen Dingen für die Zukunft zu wappnen, aber zugleich sein angestammtes Publikum bei der Stange zu halten. Bloß mit potato potato potato, dem „Heartbeat of America“, wird es nicht mehr dienen können. Das ging mit der Umstellung auf Einspritzmotoren nach der Jahrtausendwende verloren. Unwiederbringlich.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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